Fliegst du noch, oder schämst du dich schon?

Airlines stehen am Pranger. Nun bedroht das Phänomen der Flugscham das Geschäft.

Auf der Antilleninsel St. Martin kommen sich Flugzeuge und Badende bedrohlich nah. Foto: Laif

Auf der Antilleninsel St. Martin kommen sich Flugzeuge und Badende bedrohlich nah. Foto: Laif

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Es brodelt in der Bevöl­kerung: «Ufe mit de Klimaziil, abe mit em CO2», skandierten am Freitag in Zürich Tausende von Demonstranten im Rahmen der weltweiten Klimastreiks. An einer Veranstaltung des Clubs der Schweizer Reisejournalisten hatten tags zuvor Globetrotter-Chef André Lüthi und Kuoni-Schweiz-Chef Dieter Zümpel die Klingen gekreuzt. Das Thema da: der überbordende Massentourismus.


«Wir driften in eine zu stark Moral predigende Gesellschaft ab.»
André Lüthi, Chef Globetrotter Group

Die Öko-Debatte ist in vollem Gange, und am Pranger stehen vor allem die Airlines, die sich mit einem neuen Phänomen konfrontiert sehen: Flight Shame – Flugscham. Mal eben fürs Wochen­ende nach Berlin fliegen, um sich eine Ausstellung anzuschauen, und im Promi-Restaurant Borchardt essen gehen? Ein Shopping-Trip nach New York? Oder drei Tage Sonne auf Mallorca tanken? Rekordtiefe Flugpreise machen all das möglich.

Lange blendeten die meisten ­Reisenden dabei aus, welche Nebenwirkungen das für die Umwelt hat. Doch das ändert sich gerade. Flugscham ist ein aufkommendes Phänomen, das zur ernsthaften Bedrohung für die wachsende Flugindustrie werden könnte. In Schweden, wo die Revolte gegen die Vielfliegerei ihren Anfang nahm, schaffte es «Flygskam» im Jahr 2018 endgültig in den offiziellen Sprachgebrauch.

Sprunghafter Anstieg der CO2-Kompensationen

Zahlen der Stiftung Myclimate zeigen, dass das schlechte Gewissen der Passagiere wächst – zumindest in der wohlhabenden Schweiz. Myclimate bietet Passagieren die Möglichkeit, das CO2, welches durch ihre Reise verursacht wird, finanziell zu kompensieren. Von 2017 auf 2018 hat die Zahl der kompensierenden Fluggäste so richtig abgehoben. «Seit Jahren steigt die Menge der kompensierten Flugemissionen an. Doch im vergangenen Jahr hat es einen richtigen Sprung gegeben», sagt My­climate-Sprecher Kai Landwehr.

Das Wachstum betrug fast 70 Prozent – auf 32 000 Tonnen. Und es geht ähnlich weiter. Im Januar 2019 hat es laut Myclimate gegenüber Januar 2018 einen Anstieg von 200 Prozent gegeben, im Februar waren es immer noch plus 70 Prozent. «2018 hat die Sensibilisierung für das Thema enorm zugelegt», so Landwehr. Gletscherschmelze und Rekordhitze seien Effekte, die jeder persönlich mitbekommen habe.

Der Ablasshandel in dieser Form, der von diversen Organisationen weltweit angeboten wird, tut den Airlines nicht wirklich weh. Was aber, wenn die Passagiere künftig vermehrt auf Flüge verzichten, um nicht in den Verdacht eines Klimasünders zu geraten?

­Genau diese Empfehlung geben die Autoren einer viel beachteten Studie aus Australien ab. Die Forscher haben letztes Jahr heraus­gefunden, dass der Tourismus für 8 Prozent des weltweiten CO2-Ausstosses verantwortlich ist. Das Fazit: weniger fliegen. Kein Wunder, ist die Flugbranche beunruhigt. «Wenn häufiges Fliegen wirklich zum Imageproblem wird, hätte das massive direkte und indirekte ­Auswirkungen auf die Airlinebranche», sagt der Schweizer Peter Baumgartner, Ex-Chef von Etihad Airways und heute strategischer Berater bei ihrer Muttergesellschaft. Es sei deshalb an der Industrie, überzeugende Antworten zu finden. «Denn die Alternative zu kluger Eigeninitiative ist verordnete Regulierung», so Baumgartner.


«Wenn häufiges Fliegen zum Image­problem wird, hätte das massive ­Auswirkungen auf die Branche.»
Peter Baumgartner, Ex-Chef Etihad Airways

1,4 Milliarden Auslandsreisen wurden 2018 weltweit getätigt – das sind 5,5 Prozent mehr als im Vorjahr und auch mehr als das Weltwirtschaftswachstum. Für die Fluggesellschaften, die den Mobilitätswahn mit spottbilligen Tarifen anheizen, steht also einiges auf dem Spiel. Und eine klare Antwort auf die neue Herausforderung hat die Branche noch nicht gefunden. Ganz im Gegenteil. Sie profitiert davon, dass der kommerzielle Kerosinverbrauch im Unterschied zu anderen fossilen Brennstoffen wie Benzin oder Diesel nicht besteuert wird. Das Privileg ist durch das Chicagoer Abkommen 1944 entstanden, in welchem Steuerfreiheit für den internationalen Luftverkehr vereinbart wurde. Angesichts der weltweiten Klimastreiks wirkt diese Regelung nicht mehr zeitgemäss. Und sie ­generiert mittlerweile Skepsis in den eigenen Reihen: «Ich finde es eigenartig, dass Kerosin nicht besteuert wird, und würde eine Diskussion darüber begrüssen», sagte Dieter Zümpel, Chef von DER Touristik Suisse, auch Kuoni Schweiz.

Die Branche kann das ­Phänomen nicht ignorieren

Angst vor einer rasanten Verbreiterung der Flight Shame hat Zümpel vorläufig nicht. Solange die Flugpreise so tief seien, werde das Wachstum anhalten. André Lüthi, Chef des Reiseunternehmens Globetrotter Group, sieht sich durch die aktuelle Debatte in seinem Mantra bestätigt: weniger, aber längere Reisen unternehmen. Der Unternehmer, der selbst häufig fliegt, findet jedoch, dass die Debatte übersteuert und die Airlines übermässig im Fokus stehen: «Wir driften in eine zu stark Moral predigende Gesellschaft ab. Dieselben Menschen, die zu Recht das Fliegen kritisieren, essen Fleisch und tragen Billigklamotten aus Asien.» Wichtig sei, das Bewusstsein zu schärfen, sämtliche Konsumgewohnheiten zu überdenken.


«Ich finde es eigenartig, dass Kerosin nicht ­besteuert wird.»
Dieter Zümpel, Chef DER Touristik Suisse

Klar ist: Die Branche kann das Phänomen nicht ignorieren. «Wir merken, dass es ein gesteigertes ­Interesse der Kunden am Thema Klimaschutz gibt. Darauf wollen wir uns als Airlinegruppe besser einstellen», sagt etwa Heike Birlenbach. Sie ist bei der Lufthansa-Gruppe, zu der auch die Swiss gehört, für den Vertrieb zuständig. Das betreffe nicht nur Privatkunden. «Wir befinden uns auch mit Firmenkunden in Gesprächen», so Birlenbach. Diese hätten verstärkt den Wunsch, die CO2-Kompensation vertraglich festzuhalten. Noch befinde man sich aber in einem frühen Stadium der Gespräche.

Während sich die Flugbranche den Kopf zermartert, wie sie auf die neue Öko-Welle reagieren soll, reibt man sich bei den SBB die Hände. «Langfristig gehen wir klar davon aus, dass sich der Trend hin zu einem stärkeren Umweltbewusstsein weiter verstärkt. Dies wird die Verkehrsmittelwahl zugunsten der Eisenbahn deutlich beeinflussen», heisst es. Die SBB rechnen daher langfristig mit einem starken Nachfragewachstum im internationalen Personenverkehr.

Erstellt: 16.03.2019, 20:55 Uhr

Wer fliegt, zahlt Kocher für Afrika

Wer bei Myclimate seinen CO2-Ausstoss kompensieren will, muss zunächst über einen Rechner herausfinden, wie viele Emissionen er mit dem Flug verursacht. Dann wird der Geldbetrag berechnet, der ­nötig ist, um diesen Ausstoss auszugleichen. Das Geld fliesst an Projekte zur CO2-Reduktion, welche von Myclimate unterstützt werden. Ein Beispiel: Wer in der Economyclass von Zürich nach New York fliegt, sorgt für CO2-Emissionen von 2,3Tonnen. Das zu kompensieren, kostet 67Franken. Diese fliessen in gemeinnützige Projekte in Schwellenländern. Dazu gehören Aufforstungsprojekte, aber auch die Beschaffung sparsamer Kocher in Kenia. (laf)

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