Über ein Drittel der Swiss-Flüge verspätet

In Europa herrscht ein noch nie dagewesenes Flugchaos – die Swiss ist stark betroffen. Besserung ist nicht in Sicht. Die Gründe.

Der Flugverkehr wächst stärker als erwartet: Wer abheben will, muss sich – wie die Passagiere hier am Flughafen Zürich – ­oft gedulden. Foto: Ennio Leanza/Keystone

Der Flugverkehr wächst stärker als erwartet: Wer abheben will, muss sich – wie die Passagiere hier am Flughafen Zürich – ­oft gedulden. Foto: Ennio Leanza/Keystone

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Die Aufnahme machte diese Woche in der ganzen Schweiz die Runde. «Es ist wieder mal zum Kotzen hier in Zürich, ich hab die Schnauze voll von dem Drecksplatz!», tönt es über die Funkfrequenz auf Schweizerdeutsch. Gesprochen – oder eher ausgerufen – hat hier ein Swiss-Pilot, dessen Abflug-Slot mehrfach verschoben worden ist. Adressatin ist eine Fluglotsin im Tower des Flughafens Zürich: «Wenn Sie ein Diskussionsbedürfnis haben, rufen Sie besser an», erwidert sie. Das sei gescheiter, als über die öffentliche Funkfrequenz zu schimpfen.

Der Wutausbruch ist symptomatisch: In Europa herrscht ein Flugchaos, das es so bisher noch nicht gegeben hat. Personalknappheit bei den Flugsicherungen und ein unerwartet starkes Wachstum des Flugverkehrs führen zu Stau am Himmel. Hinzu kamen vor allem im Sommer extreme Wetterphänomene. Verspätungen wurden bei Flügen zum Normalfall.

«Ich habe die Schnauze voll»: Die Aufzeichnung des Funkgesprächs. Video: Tamedia

Und der Austausch zwischen Pilot und Lotsin zeigt: Das alles strapaziert nicht nur die Nerven der Passagiere – auch das Personal von Flugsicherung, Flughäfen und Airlines ist am Anschlag. Besonders stark von der Situation betroffen ist die Swiss, wie Zahlen der Europäischen Organisation zur Sicherung der Luftfahrt (Eurocontrol) zeigen.

Die Schweizer Fluglinie gehört zu den drei Fluggesellschaften, die die Probleme am meisten spürten. Von Anfang Juni bis Ende August waren 34 Prozent der Swiss-Flüge wegen Problemen bei der Flugsicherung oder am Flughafen verspätet – ein überdurchschnittlich hoher Wert.

Von den 20 grössten Airlines Europas (Swiss ist gemessen an der Anzahl Flüge Nr. 15) liegt der Wert nur bei Eurowings (34,3 Prozent) und Thomas Cook Airlines (35,5 Prozent) noch höher. Einen Anteil von über 30 Prozent haben sonst nur Ferien- und Billigflieger. Zum Vergleich: Bei Lufthansa lag er bei 23 Prozent, bei Austrian bei 22,8, bei Air France bei 19,8 und bei Alitalia bei 11 Prozent.

Schuld ist die zentrale Lage der Schweiz, aber auch die Bise

Viel davon hat schlicht mit den äusseren Umständen zu tun. «Ein Teil der Verspätung ist auf die Strecke zurückzuführen», erklärt Raimund Fridrich, Sprecher der Schweizer Flugsicherung Skyguide. «Je mehr das Unternehmen also auf stark frequentierten Strecken fliegt, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit einer Verspätung.»

Er verweist auch auf die Lage der Schweiz im Zentrum Europas. Wenn ein Flug aus der Schweiz abhebt und nach Osten, Norden oder Westen fliege, dann führe die Route über Österreich, Deutschland oder Frankreich. Und diese Länder hätten eine «schlechte bis sehr schlechte» Sommersaison hinter sich. Die Flugsicherungen kämpfen mit Personalengpässen, weil sie ihren Bedarf jeweils mehrere Jahre im Voraus planen. Und das Verkehrswachstum fiel deutlich höher aus als angenommen.

Ein Teil des Problems ist aber auch am Flughafen Zürich zu suchen. Das sagen zumindest Skyguide und die Swiss. Zwei von drei Flugzeugen hätten dort im Juli eine Verspätung von mehr als drei Minuten gehabt, heisst es im Lobbymagazin der Swiss, «Aeropolitics». Wer in dieser Zeit ab Zürich abgeflogen ist, wird die durchwegs roten Anzeigetafeln bemerkt haben. «Dass der Flughafen Zürich das Drehkreuz der Swiss ist, und dieser Flughafen regelmässig zu den zehn am stärksten überlasteten in Europa gehört, hilft nicht», sagt denn auch Skyguide-Sprecher Fridrich.

Die Swiss beschwert sich zudem über «sehr komplexe Betriebskonzepte des Flughafens Zürich, welche die Kapazitäten im Flugbetrieb stark reduzieren». Problematisch wird es etwa, wenn die Bise den Airport heimsucht. Dann sind statt geplanten 66 Starts und Landungen pro Stunde nur 40 bis 45 möglich. Auch Flughafen-Sprecherin Sonja Zöchling betont, dass der Zürcher Flughafen mehr als andere vom Wetter abhängig sei. «Die vielen Bisentage haben die Pünktlichkeitswerte in Zürich auf tiefem Niveau verharren lassen.»

11 Millionen beaufsichtige Flüge pro Jahr

Bei der Swiss betont man aber auch, dass die Problematik kein Schweiz-Thema, sondern auch auf europäischer Ebene anzusiedeln sei. «Grundsätzlich kann die Infrastruktur der europäischen Flughäfen mit dem Wachstum in der Aviatik-Industrie nicht mithalten», so Sprecherin Karin Müller.

11 Millionen Flüge beaufsichtigen die Lotsen in Europa laut Eurocontrol jedes Jahr – rund 30'000 pro Tag. Bis 2040 soll die Zahl gemäss Eurocontrol um knapp die Hälfte auf 16,2 Millionen pro Jahr zunehmen. In der Schweiz dürften es rund 1000 Flüge mehr pro Tag werden. Schon bald dürften laut einem Worst-Case-Szenario Flüge mit einer Verspätung von mehr als 15 Minuten der Standard sein. Dass das nicht aus der Luft gegriffen ist, zeigen auch Zahlen der Swiss: In diesem Sommer hatte jeder vierte Flug mehr als 15 Minuten Verspätung.

Eine baldige Besserung ist nicht wirklich in Sicht. «Die derzeitige Situation in Europa hinsichtlich Pünktlichkeit kann kurzfristig nicht gelöst werden», sagt etwa Swiss-Sprecherin Karin Müller. Aber man unternehme gemeinsam mit den Partnern Flughafen Zürich und Skyguide alles, um für Entlastung zu sorgen.

Flughafen-Sprecherin Sonja Zöchling präzisiert: Im kommenden Jahr gebe es zusätzliche Rollwege, die es Flugzeugen ermöglichten, schneller die Landebahn zu verlassen und somit für die folgende Maschine freizugeben und die Startreihenfolgen zu optimieren. Aber auch Zöchling sagt: «Wenn die Flugsicherungen in Europa nach wie vor so grosse Personalengpässe haben, wird das wohl wieder zu Verspätungen führen. Als Flughafenbetreiberin können wir diese Faktoren nicht beeinflussen.»

Verspätungen können ganz schön ins Geld gehen

Immerhin: Schaut man sich die durchschnittliche Verspätung bei der Swiss im europäischen Vergleich an, steht die Airline mit 15,6 Minuten besser da als die Konkurrenz. Nur Iberia schlug sich in der von Eurocontrol untersuchten Zeit mit 15,1 Minuten besser. Das heisst: Viele Flüge hoben zwar verspätet ab, aber dafür mussten die Passagiere im Schnitt weniger lang warten als bei der Konkurrenz.

Für Fluggesellschaften bedeuten Verspätungen auch ein finanzielles Risiko, denn: Umbuchungen, Verpflegung, Hotelübernachtungen für gestrandete Passagiere – all das ist nicht gratis. Diese Kosten bei der Swiss haben sich im Sommer 2018 im Vergleich zum Vorjahr verdoppelt, und da sind die Entschädigungen für Passagiere nach EU-Recht nicht mit einberechnet.

Wie hoch diese genau sind, sagt die Swiss nicht. Aber wie drastisch sie sich auf das Ergebnis auswirken können, zeigt Ryanair: Die Airline gab gerade – unter anderem wegen der hohen Kosten durch Passagier-Entschädigungen – eine Gewinnwarnung für das Jahresergebnis 2018 heraus.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 14.10.2018, 11:37 Uhr

Anspruch auf Entschädigung

Entschädigungen im Fall von Verspätungen sind in der EU-Verordnung 261 geregelt, die auch für die Schweiz gilt. Ein Recht auf Entschädigung haben Passagiere ab einer Verspätung von drei Stunden – bis zu drei Jahre rückwirkend.

Es zählt dabei die Anzahl der geflogenen Kilometer. Flüge von bis zu 1500 km werden mit 250 Euro pro Person entschädigt. Zwischen 1500 und 3500 km gibt es 400 Euro, bei Langstreckenflügen über 3500 km, die aus der EU hinausführen, 600 Euro.

Verpasst man einen Anschluss mit der gleichen Airline, gilt die Verspätung am endgültigen Reiseziel. Ab fünf Stunden Verspätung hat man das Recht, von der Flugbuchung zurückzutreten. Die Airline ist dann verpflichtet, die Ticketkosten innert sieben Tagen zurückzuzahlen.

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