Flughafen Zürich bringt Davos in Bedrängnis

Dank dem WEF ist Davos ein bekannter Kongressort. Nun bedroht das Projekt The Circle das Geschäft.

Langjährige Tradition, weltweite Ausstrahlung: Davos punktet in vielen Bereichen, trotzdem geht die Anzahl Logiernächte zurück. Foto: Reuters

Langjährige Tradition, weltweite Ausstrahlung: Davos punktet in vielen Bereichen, trotzdem geht die Anzahl Logiernächte zurück. Foto: Reuters

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Ausgebucht – keine freien Zimmer mehr: In diesen Tagen ­leben die Hoteliers in und um ­Davos in der besten aller Welten. Das World Economic Forum (WEF) mit seinen hochkarätigen Gästen füllt die Herbergen zu stattlichen Preisen – daran ändern auch die kurzfristigen Absagen von ­Donald Trump, Theresa May und Emmanuel Macron nichts.

Weniger erfreulich sieht es für Davos während des restlichen ­Jahres aus. Die bekannte Winterdestination hat – unter anderem wegen des WEF – während Jahren die Kapazitäten ausgebaut. So nahm die Zahl der verfügbaren Betten in Davos von 2009 bis 2017 um 26 Prozent zu, gleichzeitig ­gingen die Logiernächte um knapp 4 Prozent zurück. Frankenstärke, Zweitwohnungsinitiative und ein allgemein rückläufiger Winter­tourismus bremsten die Kleinstadt in den Bündner Alpen. «Die ­Stimmung hat sich verschlechtert», sagt Pius App, Hotelier auf der Schatzalp.

Druck auf Hotelpreise in Davos dürfte zunehmen

Und nun spitzt sich die Situation für Davos weiter zu. Der Grund dafür liegt in Zürich. Unweit der Start- und Landepisten des Flughafens in Kloten entsteht auf der grössten Baustelle der Schweiz The Circle. Das Riesenprojekt beinhaltet neben Büros und Geschäften auch zwei Hyatt-Hotels mit insgesamt 550 Zimmern und Kongressräume mit einer Kapazität für bis zu 2500 Personen. Die Eröffnung ist für nächstes Jahr geplant. ­Damit mischt schon bald ein zusätzlicher Anbieter im weltweiten Kongress- und Seminarmarkt mit, der auch für Davos von grösster Wichtigkeit ist.

Bei den Hoteliers geht ob der Pläne aus Zürich die Angst um. «The Circle wird hier als Gefahr gesehen und dürfte den Druck auf die Übernachtungspreise in Davos weiter erhöhen», sagt Hans Fopp, Direktor und Besitzer des Hotels Parsenn. Der Standort direkt beim Flughafen Zürich sei für weltweit tätige Firmen attraktiv.

«Die Nähe zum Flughafen bietet Vorteile, was Kosten und Logistik angeht.»Reto Branschi, Tourismus-Direktor Davos Klosters

Ernst Wyrsch, Präsident von Hotelleriesuisse Graubünden, ist alarmiert: «The Circle ist eine ernsthafte Konkurrenz für Davos», sagt er. Für Firmen und Organisationen gebe es immer mehr Vorschriften und Einschränkungen, was die Durchführung von Kongressen betreffe. Die Erreichbarkeit eines Veranstaltungsortes gewinne dadurch an Bedeutung, das Rahmenprogramm – eine Stärke von Davos – rücke in den Hintergrund.

Für Organisatoren werde es immer schwieriger, zu rechtfertigen, weshalb ein Kongress in einem Wintersportort stattfinden muss, glaubt Wyrsch. Das WEF in Davos sieht er wegen der langjährigen Tradition und der weltweiten Ausstrahlung zwar nicht gefährdet. «Für kleinere internationale und nationale Kongresse wird der Flughafen Zürich jedoch zur Alternative», sagt Wyrsch.

Der Direktor der Tourismusorganisation Destination Davos Klosters, Reto Branschi, ist beunruhigt. «The Circle kann für uns zu einem bedeutenden Mitbewerber werden», sagt er. Vor allem für Kongresse, die ein oder zwei Tage dauern, sei The Circle interessant. «Die Nähe zum Flughafen bietet Vorteile, was Kosten und Logistik angeht.» Bei mehrtägigen Anlässen sieht Branschi Davos hingegen nicht unter Druck: «Da haben wir das bessere Gesamtpaket.»

Bereits konnte The Circle grosse Kongresse gewinnen

Die Anlässe im Kongresszentrum Davos sorgen jährlich für rund 140'000 Übernachtungen in und um Davos und sind somit ein bedeutender Wertschöpfungsfaktor. Die wichtigsten Veranstaltungen nebst dem WEF sind zwei Kongresse aus der Gesundheitsbranche. Sie bringen jährlich während zweier Wochen im Dezember und einer Woche im Frühling zusammen rund 4000 Gäste nach Davos.

Daneben ist das Kongresszentrum Veranstaltungsort für zahlreiche kleinere Anlässe von Firmen und Organisationen. «Wir stehen bei solchen Kongressen bereits intensiv in Konkurrenz zu anderen ­bekannten Destinationen», sagt Branschi. Bei Veranstaltungen mit bis zu 500 Teilnehmern sind dies meist Schweizer Städte, bei Kongressen mit mehr als 1000 Personen München, Innsbruck, Prag oder Dubai.

Wie The Circle einst aussehen soll

Obwohl es noch mehr als ein Jahr bis zur Eröffnung von The Circle dauert, zeigt die interna­tionale Geschäftswelt bereits reges Interesse am Projekt. «Unsere Partnerin Hyatt hat für 2020 und 2021 über dreissig Anfragen für Kongresse in The Circle Convention Centre Zurich Airport bekommen», sagt Raffaela Stelzer, Sprecherin des Flughafens Zürich. Die Anfragen kämen mehrheitlich von Schweizer Unternehmen und Organisationen, «es sind aber auch einige internationale Kongresse ­inklusive Übernachtungen in den Hyatt-Hotels geplant», verrät Stelzer.

Bürgenstock und Andermatt greifen Davos ebenfalls an

In Davos kommt durch die Pläne in Zürich vor allem die Mittelklasshotellerie unter Druck. Denn die eigens für das WEF ausgebauten Bettenkapazitäten im Vier- und Fünfsternbereich finden unter dem Jahr nicht genügend Gäste, «und so werden die Zimmer zu Preisen angeboten, die uns konkurrenzieren», sagt Pius App vom Dreisternhotel Schatzalp.

Für Aufruhr sorgte vor allem das Hotel Intercontinental – auch «goldenes Ei» genannt. Im Luxushotel nächtigte im vergangenen Jahr US-Präsident Trump mit seiner Entourage. Der 173 Millionen Franken teure Bau gehört einem Immobilienfonds der Credit Suisse und kam vor fünf Jahren mit 216 Zimmern auf den Markt. Bereits ein halbes Jahr später ging die Betreiberin pleite.

Doch nicht nur von The Circle droht Ungemach. Auch andere neue Mitbewerber wollen künftig im hart umkämpften Markt für Kongresse und Seminare mitmischen. Die Bürgenstock-Hotels oberhalb des Vierwaldstättersees und die Betreiber des Sawiris-­Resorts in Andermatt UR setzen ebenfalls auf Geschäftskunden, um die neuen Hotelzimmer zu ­füllen.

Fallen nach den Hotelpreisen nun auch die Kongress- und Seminartarife in Davos? Tourismus­direktor Reto Branschi gibt sich kämpferisch. «Nein, das wird unsere Preise nicht unter Druck bringen», sagt er. Man lasse sich nicht auf einen Preiskampf ein.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 20.01.2019, 10:29 Uhr

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Wiederholt drohte Klaus Schwab, der Gründer des World Economic Forum (WEF), mit dessen Wegzug von Davos. Mal beklagte er sich über mangelnde Gastfreundschaft der Davoser, mal über überrissene Hotel- und Restaurantpreise während des WEF. Doch nun gibt Tourismusdirektor Reto Branschi Entwarnung, denn Schwab hat sich verpflichtet, längerfristig in Davos zu bleiben. «Im Herbst wurde mit dem WEF ein Vertrag für die nächsten drei Jahre mit der Option auf weitere drei Jahre unterzeichnet», sagt Branschi. Das WEF fand seit der Gründung 1971 mit einer Ausnahme in Davos statt. 2002 gingen die Veranstalter nach New York – um nach den Terroranschlägen vom 11. September ein Zeichen der Solidarität zu setzen. (eme)

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