Franz Carl Weber erleidet Umsatzeinbussen

Weniger Besucher im neuen Laden, Ärger über den Black Friday und ein fehlender Online-Shop: Der Spielwarenhändler will nun Gegensteuer geben.

Flagship-Store von Franz Carl Weber beim Zürcher Hauptbahnhof: Am neuen Standort bleiben die Touristen weg. Foto: Michele Limina

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Durch die Regalreihen flanieren Kunden, die nach der Arbeit noch schnell ein Geschenk suchen, vor den Kassen stehen Schlangen. Selbst die ruhige Jazzversion von «Have Yourself a Merry Little Christmas» schafft es an diesem Abend kaum, im Flagship-Store von Franz Carl Weber gegenüber dem Zürcher Hauptbahnhof Ruhe und Besinnlichkeit zu verbreiten. Es ist Vorweihnachtszeit – Hochbetrieb im Spielzeughandel.

Und doch ist an diesem Tag kurz vor Weihnachten alles anders. Dieser Advent war der erste im neuen Laden. Geschäftsführer Yves Burger zieht nach einem Jahr Bilanz: «Seit dem Wechsel von der Bahnhofstrasse ist die Zahl der Kundenbesuche zurückgegangen.» Vor allem Touristen fehlten. Der Flag­ship-Store habe in diesem Jahr im Vergleich zum vorherigen Standort ein Umsatzminus im zweistelligen Prozentbereich verzeichnet. Das sei «im Rahmen der Erwartungen gewesen». Man habe aber auch neue Kunden gewonnen, vor allem Pendler aus anderen Städten.

Als Folge seien dieses Jahr die Umsätze des gesamten Unternehmens leicht zurückgegangen. Konkrete Zahlen gibt Franz Carl Weber, der seit 2006 zur französischen Ludendo-Gruppe gehört, nicht bekannt. Laut dem Marktforschungsinstitut GFK belief sich der Umsatz 2016 auf rund 56 Millionen Franken. Das Unternehmen schreibe Gewinne, versichert Burger.

Black Friday bringt Chef in Rage

Das Geschäft mit Puppen und Teddys ist eines der stabilsten im gesamten Detailhandel. So richtig kuschelig ist es aber auch nicht mehr. International machte jüngst die Zahlungsunfähigkeit des Spielzeugriesen Toys R Us in den USA Schlagzeilen.

Auch hierzulande verschärft sich der Verdrängungskampf. Mehrmals im Jahr unterbieten sich Coop und Migros mit Prozentaktionen, neu kommt der Black Friday hinzu. Der Einkaufstag bringt Burger in Rage: Der serbelnde Detailhandel habe die Marketingaktion aus Verzweiflung aus den USA importiert und reisse nun die Spielwarenbranche mit in den Rabattstrudel. «Das ist vor allem deswegen fatal, weil Kunden nicht dazu animiert werden, mehr Spielzeug zu kaufen. Sie kaufen es einfach an diesem Tag – und dann zu Billigstpreisen», sagt Burger.

Laut einer GFK-Umfrage griffen 14 Prozent der Schweizer am Black Friday zu Spielwaren – der Tag Ende November fällt für den Handel schon in die Vorweihnachtszeit. Der Black Friday sei mit ein Grund für den Umsatzrückgang in diesem Jahr, sagt Burger. Mitgemacht hat Franz Carl Weber nicht, aber die Kette setzt bereits seit Jahren im Spätherbst auf Rabattgutscheine für Stammkunden.

Einstieg in Onlinehandel verschlafen

Betrachtet man die Branche mitsamt den nicht spezialisierten grossen Händlern wie Migros, Coop und Digitec Galaxus, lief es dieses Jahr recht gut. Bis November stiegen die Umsätze mit Spielwaren im Vergleich zum Vorjahr laut GFK um 2,5 Prozent.

Doch die Branche steht vor einem Wandel. Der Fachhandel habe den Einstieg ins Onlinegeschäft weitgehend verschlafen, sagt GFK-Spielwarenexperte Kurt Meister. Bei Franz Carl Weber etwa gab es bis vor drei Wochen gar ­keinen Onlineshop. Auf dem Vormarsch ist nun Digitec Galaxus, der sich darauf vorbereitet, im Internethandel mit Spielwaren zum Platzhirsch zu werden. Amazon spielt wegen der Zollgebühren eine weniger grosse Rolle als etwa in Deutschland.

Burger sagt zum Vorwurf, er habe den Einstieg ins Onlinegeschäft verpasst: «Es ist vielleicht fünf vor zwölf, aber noch nicht zu spät.» Laut GFK liegt der Anteil der Kunden, die Spielwaren für Weihnachten nur im Internet einkaufen, seit drei Jahren konstant bei 4 Prozent. Das liegt unter anderem daran, dass hierzulande fast jeder Supermarkt Spielwaren vertreibt. Allerdings steigt der Anteil der Konsumenten, die sowohl den stationären Handel als auch das Internet nutzen. Dieses Jahr waren es 63 Prozent, zehn Prozentpunkte mehr als im Vorjahr, wie aus der GFK-Umfrage hervorgeht. «Die Konsumenten erwarten deshalb ein enges Zusammenspiel vom Internetshop und Filialen», sagt Meister. Langfristig könnten 25 bis 30 Prozent der Spielwaren online verkauft werden, glaubt er. Allerdings seien die Investitionen und der Aufwand für kleine bis mittelgrosse Händler beträchtlich.

Rückzug vom Rückzug aus Luzern und St. Gallen

Burger hat vor zwei Jahren die Onlineoffensive ausgerufen. Sie kommt nun ein Jahr später als geplant. Der Aufbau der Informatik für einen modernen und zuverlässigen Internetshop habe zwei Jahre gebraucht, sagt er. Seit drei Wochen läuft eine Testversion. Bislang sind erst 2500 Produkte aufgeschaltet, die in nur drei Filialen abgeholt werden können. Ab Mitte kommenden Jahres sollen bis zu 10 000 Produkte online und zur Abholung in allen 21 Geschäften erhältlich sein. Auch der Postversand soll dann starten. Doch auch künftig werde nicht das ganze Sortiment abgebildet, sagt Burger. Es gehe weniger um Lego oder Playmobil, sondern eher um Produkte, die Beratung brauchten.

Franz Carl Weber will sich dem Verdrängungskampf stellen und wachsen, auch mit neuen Filialen, etwa in Städten wie Luzern und St. Gallen, wo man sich 2003 zurückgezogen hatte. Kleinere Ketten seien agiler als grosse wie Toys R Us, sagt Burger. Sie könnten schlechte Standorte schneller schliessen, andere eröffnen, mehr experimentieren. Am Standort am Zürcher Bahnhofplatz will das Unternehmen festhalten. Burger glaubt, dass auch dort die Umsätze noch steigen. Vielleicht schon im neuen Jahr.


Video: «Das waren die Bilder des Jahres»

Bildredaktor Boris Müller über Trumps Fake-Triumph und den berührenden Abschied von toten Rockstars. (Video: Lea Koch, Nicolas Fäs) (SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.12.2017, 20:32 Uhr

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