Frau gegen Frau

Es sind nicht immer die Männer schuld: Die viel zitierte weibliche Solidarität hat nach wie vor Seltenheitswert – Stutenbissigkeit ist kein Klischee.

Solche Blicke von ihresgleichen kennt jede, aber nur selten gibts Belege davon: Sophia Loren (l.) straft Jayne Mansfield ab, 1957. Foto: DDP/Intertopics/MPTV

Solche Blicke von ihresgleichen kennt jede, aber nur selten gibts Belege davon: Sophia Loren (l.) straft Jayne Mansfield ab, 1957. Foto: DDP/Intertopics/MPTV

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Das kanadische Experiment vor ein paar Jahren ging so: ein Raum voller Frauen, eine weitere kommt hinzu. Sie trägt zunächst etwas Unförmig-Unauffälliges, danach etwas Körperbetont-Freizügiges. Zweck der Übung: Herauszufinden, wie die Reaktionen ausfallen. Resultat: Im ersten Fall wird die junge Frau nicht einmal wahrgenommen. Im zweiten Fall gemustert – und nach dem Verlassen des Raums mit abschätzigen Bemerkungen kommentiert.

Frauen hätten dazu keine Wissenschaft gebraucht. Sie hätten das Ergebnis aufgrund persönlicher Feldforschung voraussagen können. Sie kennen ihn seit dem Kindergarten, diesen Blick, den schon Mädchen nur für ihresgleichen reserviert haben, dieses Mustern und Bewerten und Tuscheln und Lästern. Man nennt das: Stutenbissigkeit. Und in der schwerwiegenderen Form: Zickenkrieg.

Es müssen sich nicht alle Frauen liebhaben, unter Männern ist das ja auch nicht so. Dennoch: Dass sie oft nicht miteinander können, ist kein Klischee. Wenn also gerade wieder überall beklagt wird, wie schwer die Frauen es doch hätten in der Politik und in der Wirtschaft, wie wenig sie auf Unterstützung zählen könnten, greift es zu kurz, nur die Männer dafür verantwortlich zu machen. Mitunter ist der Umgang der Frauen miteinander mehr daran schuld, als ihnen lieb sein kann.

Gehts ums Gebären oder Stillen, ist der Ton besonders giftig

Die «Harvard Business Review» publizierte letztes Jahr eine Zusammenfassung zahlreicher Untersuchungen, die alle der Frage nachgegangen waren, weshalb Frauen häufiger als Männer am Arbeitsplatz schikaniert werden – und von wem. Jede einzelne Studie kam zum selben Schluss: Frauen werden vor allem Opfer von Frauen. Sie trauen ihren Geschlechtsgenossinnen weniger zu, reagieren ungnädiger auf Chefinnen als auf Chefs, ziehen überhaupt männliche weiblichen Vorgesetzten vor. Im Privaten verhält es sich nicht besser, dafür genügt ein Blick in die Onlineforen und in die sozialen Medien. Sobald es um klassisch feminine Sujets wie Geburt, Stillen oder Mutterschaft geht, wird der Ton noch schärfer und schriller, als er es dort ohnehin schon ist.

Derweil stehen die Männer daneben und halten sich raus. Oder bilden Seilschaften. Sie können das. Sie haben das drauf, dieses Schliessen der eigenen Reihen, das so automatisch vonstatten geht wie das geräuschlose Zugleiten des Gartentors einer Villa.

Von den Attacken bleiben keine sichtbaren Zeugnisse

Die #MeToo-Debatte war ein Lehrstück darin. Obschon es um das offensichtlich weit verbreitete Fehlverhalten ihres eigenen Geschlechts ging, mischten sich die Männer kaum in die Debatte ein. Vielleicht, weil sie wussten, dass sie sich selbst nicht immer korrekt verhalten hatten. Vielleicht, weil sie fürchteten, zu Unrecht beschuldigt zu werden. Vielleicht lag es aber vor allem an männlicher Solidarität.

Es gibt mehrere Erklärungsversuche und Theorien für dieses unterschiedliche Zusammenhalten der Geschlechter. Der populärste Ansatz stammt aus der Biologie. Weil Frauen stets auf einen Beschützer und Ernährer angewiesen gewesen seien, ohne Mann nichts wert und rechtlos waren, mussten sie allfällige Konkurrenz um jeden Preis in die Flucht ­schlagen oder zumindest: schlechtmachen.

Dazu gesellen sich die Rollenvorstellungen. In ihrem Buch «Mean Girls At Work» schreiben Katherine Crowley und Kathi Elster, dass Mädchen im Unterschied zu Buben immer noch häufig angehalten würden, zurückhaltend und fürsorglich zu sein, statt Ehrgeiz oder Siegeswillen zu zeigen. Weil aber Mädchen keineswegs weniger kompetitiv oder ambitioniert seien, lernten sie nicht, sich offen zu messen, und seien gezwungen, den Wettbewerb hintenrum auszutragen, versteckt.

Die feministische Psychologie beobachtet, dass Frauen gelernt haben, den maskulinen Blick zu übernehmen.

Daran hat sich, Emanzipation hin oder her, nichts geändert. Zum weiblichen Kampfarsenal zählen nach wie vor die bewährten Methoden von Ausgrenzen, Ignorieren, Sticheln, Lästern, Verunglimpfen, Mobben. Immer so, dass man nichts sieht, nichts beweisen kann. Zickenkriege hinterlassen kein blaues Auge.

Die feministische Psychologie sieht es nochmals anders. Sie erklärt die Stutenbissigkeit damit, dass Frauen, nun mal in einer männlich dominierten Welt lebend, gelernt hätten, den maskulinen Blick zu übernehmen und daher andere Frauen aus ebendieser Perspektive bewerteten. Die fatalen Auswirkungen davon sind besonders in patriarchalisch geprägten Gesellschaften ersichtlich: Es sind bis heute Frauen, die die Genitalien von Mädchen verstümmeln. Und es sind die Mütter, die die Tötungen von «unehrenhaften» Töchtern billigen oder gar in Auftrag geben. In beiden Fällen solidarisieren sie sich nicht mit ihrem eigenen Geschlecht, sondern mit den Mächtigen, mit dem System, das sie verachtet.

Selbstbewusste Frauen haben am meisten zu leiden

«Internalisierte Frauenfeindlichkeit» nennt sich das in der Fachsprache und besagt nichts anderes als dass die, denen man jahrhundertelang sagte, sie seien weniger wert, das so verinnerlicht haben, dass sie selbst der Meinung sind, gewisse Verhaltensweisen stünden ihnen nicht zu, gehörten sich für sie nicht – und bei anderen unbarmherzig sanktionieren.

Das zeigt sich selbst in westlichen Ländern. Die Untersuchung der «Harvard Business Review» hatte nicht nur herausgefunden, dass Frauen häufiger von ihren Geschlechtsgenossinnen geplagt werden, sondern auch, welche unter ihnen besonders davon betroffen sind. Nicht die Stillen, Schüchternen. Sondern die Selbstbewussten. Jene, die klare Positionen vertreten, sich an Sitzungen lautstark hervortun, widersprechen.

Keine hat das in aller Öffentlichkeit so schmerzhaft zu spüren bekommen wie Hillary Clinton. 53 Prozent der weissen Wählerinnen hatten 2016 Donald Trump ihre Stimme gegeben – sie nahmen ihm seine despektierlichen Äusserungen und sein unappetitliches Verhalten weniger übel als seiner Konkurrentin ihren unverhohlenen, als unweiblich geltenden Ehrgeiz.

Obschon man denken könnte, dass unter Parlamentarierinnen immer mal wieder eine gewisse Verschwesterung stattfinden würde, ist dem nicht so.

Nicht viel besser erging es davor schon Sheryl Sandberg. Als die COO von Facebook 2013 ihr Buch «Lean In» veröffentlichte, eine Art Karriereratgeber für Frauen, reagierte das weibliche Publikum gereizt. Es sei eine Anmassung, dass Sandberg anderen vorschreiben wolle, was sie zu tun hätten. Ausgerechnet sie, als Reiche. Sie, die stets mächtige Männer als Mentoren gehabt habe. Sie, die sich eine Nanny für ihre Kinder habe leisten können.

Es war so bizarr wie exemplarisch: Würden Männer einem erfolgreichen Spitzenmanager vorwerfen, seine Kinder fremdbetreuen zu lassen? Viel Geld zu verdienen? Gefördert worden zu sein? Sicher nicht. Sie würden das Buch kaufen und lesen, weil sie wissen wollten, was einer, der es bis ganz nach oben geschafft hat, zu sagen hat. Aber Frauen beherrschen dieses Wettkampfmässige nicht, sie haben es nie gelernt, und so fühlen sie sich durch eine Sandberg nicht im positiven Sinne herausgefordert, sondern persönlich angegriffen.

Und wie wenn das nicht alles schon verzwickt genug wäre, scheitert die weibliche Solidarität zusätzlich an der politischen Ideologie. Obschon man denken könnte, dass, zumindest so lange Parlamentarierinnen derart in der Minderheit sind, immer mal wieder eine gewisse Verschwesterung stattfinden würde, ist dem nicht so. Wie bei allen anderen Themen auch geht es nicht um die Sache, sondern ums Parteibüchlein.

In der Porno-Debatte wurde über Verklemmtheit gestritten

In der Schweiz etwa konnten Bundesratskandidatinnen nie mit weiblicher Unterstützung aus dem gegnerischen Lager rechnen. Und bei Themen wie dem Rollenverständnis bei Migranten oder der Prostitution ist die Sache erst recht hoffnungslos. Als die Frauen­zentrale Zürich letztes Jahr mit einem provokativen Video ein Verbot des käuflichen Sex gefordert und damit eine Debatte lanciert hatte, die in anderen Ländern längst geführt worden ist, fielen die Reaktionen heftig aus – auf weiblicher Seite. «Die Männer», sagt Sandra Plaza, Geschäftsführerin der Frauenzentrale Zürich, «um die es doch eigentlich geht, waren überhaupt nie Thema. Es debattierten nur Frauen darüber.» Die Gegnerinnen des Verbots sahen nicht in den Freiern das Problem, sondern in der angeblichen Verklemmtheit der Befürworterinnen, die sie abschätzig «privile­gierte weisse Mittelstandsfrauen» nannten.

Währenddessen hatten sich die Reihen unter den Männern längst geräuschlos geschlossen. Sie mussten sich nicht rechtfertigen oder erklären, sie konnten einfach abwarten, im Wissen darum, dass die Frauen tun würden, was sie verlässlich seit jeher tun: sich angiften und selbst zerfleischen.



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Erstellt: 29.09.2019, 16:51 Uhr

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