«Frauen verstehen die männliche Seele zu wenig»

Der Psychologe und Führungscoach Werner Dopfer ist überzeugt, dass Frauen die besseren Chefs sind. Am Widerstand der Männer seien sie aber nicht unschuldig.

Der bessere Boss: Weibliche Verhaltenstendenzen eignen sich besonders für eine moderne Führung in einer vernetzten Welt. Foto: Getty Images

Der bessere Boss: Weibliche Verhaltenstendenzen eignen sich besonders für eine moderne Führung in einer vernetzten Welt. Foto: Getty Images

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In Ihrem Buch bezeichnen Sie Frauen als die besseren ­Vorgesetzten. Würden Sie blind eine Chefin bevorzugen?
Ja. Viele Studien und auch meine eigene Erfahrung als Coach für Führungskräfte zeigen, dass sich Frauen deutlich kooperativer, weniger rivalisierend, viel umsichtiger und nachhaltiger verhalten als Männer. Sie kommunizieren professioneller, hören beispielsweise besser zu, sind empathischer und haben ein sehr gutes Gespür für situationsangemessenes Verhalten. Das sind alles Aspekte, die für eine moderne Führung in einer vernetzten und komplexen Welt von grosser Bedeutung sind. Das können Frauen tendenziell besser als Männer. Wissen Sie übrigens, was interessant ist? Bislang haben sich bezüglich des Buchs mit einer Ausnahme ausschliesslich Journalistinnen bei mir gemeldet.

Vielleicht liegt es daran, dass Männer nicht gerne lesen, dass Frauen die besseren Chefs sind.
Vermutlich. Männer müssten sich ja eingestehen, dass das, was sie bisher praktiziert haben, nicht so optimal war. Und mit dem Zugeben haben Männer ja eher ihre Probleme.

Haben Frauen einen anderen ­Antrieb als Männer, eine ­Führungsfunktion ­einzunehmen?
Hier gibt es deutliche Tendenzen. Für Frauen sind persönlicher Status und Macht nicht so sehr von Bedeutung. Ihnen geht es eher darum, Verantwortung zu übernehmen, während es Männern eher um Macht geht und darum, ihre eigenen Interessen durchzusetzen. In Chefpositionen gibt es eine Menge Narzissten, die ihr Minderwertigkeitsgefühl durch Streben nach Macht kompensieren.

Frauen in Führungspositionen scheinen stärker unter ­Beschuss zu sein als Männer. Ist es nicht kontraproduktiv für ein Unternehmen, eine Frau an die Spitze zu stellen, die sich ständig beweisen muss?
Chefs sind immer unter Beschuss, egal ob Mann oder Frau.

Männer scheinen dafür aber besser gemacht zu sein.
Natürlich ist es in der männlichen Sozialisation ein Teil der Entwicklung, sich mit anderen zu messen und Hierarchien auszufechten, ­wohingegen Frauen eher dazu ­erzogen werden, auf das Gemeinsame zu schauen und sich ­möglichst konfliktfrei zu verhalten, was wiederum ein Nachteil sein kann in Führungspositionen. Insofern tun sich Männer, was das Klima in obersten Managementkreisen anbelangt, leichter. Für Frauen ist es zum Teil sehr hart an der Spitze.

Auch weil Männer oft mehr Mühe damit haben, sich einer Frau unterzuordnen. Warum?
Die Gründe sind sehr vielfältig, eine pauschale Antwort gibt es nicht. Was immer wieder zu beobachten ist: dass Frauen die Psychologie der männlichen Seele zu ­wenig verstehen und daher nicht männerspezifisch genug führen. Dann blockieren die Männer, bewusst oder unbewusst.

Sie sprechen in Ihrem Buch von einem Mama-Trauma. Was ist da genau das Problem?
Prinzipiell geht es darum, dass Männer im Kindesalter oft von Frauen umgeben sind, von der Mutter über die Erzieherin bis zur Lehrerin, und zudem Väter oft abwesend sind. Und wenn die weiblichen Bezugspersonen das typisch männliche Verhalten nicht richtig interpretieren, was für eine Frau ja auch nicht einfach ist, und entsprechende Bedürfnisse bewusst oder unbewusst übergeht, bleibt das nicht ohne Auswirkungen. Eine spätere Chefin dient dann häufig als Projektionsfläche und bekommt den Frust ab.

Was ist denn mit dem Papa-Trauma? Da müssten sich Frauen bei der männerdominierten Führungsetage ja ständig mit ihren Vorgesetzten reiben.
Das gibt es natürlich auch. Als Therapeut erlebe ich das häufig. Wenn Frauen einen autoritären Vater haben, kann es durchaus sein, dass sie mit einem Chef Probleme ­haben. In meinem Buch habe ich mich aber auf Männer konzentriert.

Was missachten Chefinnen bei Männern häufig?
Männer mögen es zum Beispiel überhaupt nicht, vor anderen kritisiert, belächelt oder diszipliniert zu werden. Das erinnert unter Umständen an die eigene Mutter. Auch wenn Sie einem Mann das Gefühl geben, bedeutungslos zu sein, ist es für ihn schwierig. Oder wenn Sie ihm nicht genug Anerkennung für seine Taten als Mann geben und seine Leistungen zu wenig hervorheben. Jeder Mann möchte ein kleiner Held sein.

Sollte eine Chefin sich ­absichtlich etwas verkneifen, zu dem sie selber fähig wäre, damit sich ein Mitarbeiter als Held fühlen kann?
Verkneifen ist mir zu hart formuliert, aber da ist sicher etwas dran. Generell sollten Frauen ­charmante männliche Verhaltensweisen auch mal zulassen. Das hilft in der Führung, aber auch im Miteinander.

Mit weiblichen Angestellten haben es Chefinnen überraschenderweise auch nicht einfacher. Offenbar neigen Frauen eher dazu, eine Chefin zu diskriminieren als einen Chef, und sie reagieren auch empfindlicher auf ­weibliche Kritik.
Ja, Frauen rivalisieren auch miteinander, aber verdeckter. Männer tendieren dazu, mit einer Prise Aggression miteinander umzugehen und Hierarchien auszufechten. Das schafft zum einen Klarheit, auf der anderen Seite birgt es aber auch die Gefahr der Eskalation.

Wie soll eine Chefin denn Mitarbeiterinnen führen?
Grundsätzlich haben Frauen ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Das haben wir Menschen natürlich generell, aber für Frauen ist das besonders wichtig.

Welche Rolle spielen sexuelle Dynamiken, wenn Männer eine weibliche Vorgesetzte haben?
Immer wenn Menschen intensiv miteinander zu tun haben, was ja in der Arbeit auch der Fall ist, geht es um Nähe und Distanz oder um Dominanz und Anpassung. Dass sich Frauen und Männer neutral begegnen, ist eine Wunschvorstellung.

Sind Männer da besonders in der Zwickmühle?
Es ist nicht leicht für Männer, damit umzugehen. Sie wollen ja imponieren und gefallen, gleichzeitig aber nicht dominiert werden. Das ist genau die Ambivalenz, mit der sich viele konfrontiert sehen.

Wie soll man damit umgehen?
Vieles in diesem Zusammenhang läuft subtil und unbewusst ab. Ich finde, man kann nur reif damit umgehen, wenn man sich der unterschiedlichen Verhaltensweisen bewusst ist. Da stelle ich einen grossen Nachholbedarf fest. Menschen sind diesbezüglich häufig naiv, die wollen das nicht wahrhaben.

Sie meinen die ­geschlechterspezifischen Unterschiede?
Genau. Mittlerweile hat die Hirnforschung da hervorragende Befunde dokumentiert. Der Gleichheitsgedanke ist wissenschaftlich nicht mehr haltbar, auch wenn wir das lieber anders hätten. Gerade Führungskräfte sollten sich bewusst werden, dass es geschlechterspezifische Verhaltenstendenzen gibt und dass diese nicht in allen Situationen dienlich sind.

Heisst das, dass man als Chef nicht sich selber sein kann, ­sondern eine Rolle spielen muss, weil man sich bestimmte Verhaltensweisen verkneifen oder aneignen muss?
Führung bedeutet, in einer Situation adäquat zu reagieren, was zweifelsohne heisst, professionell eine Rolle einnehmen zu können und gewisse Impulse zu steuern. Frauen sollen aber auf keinen Fall männliches Verhalten imitieren, das ist unsinnig. Es geht darum, für jede Situation das jeweils Optimale aus der männlichen und der weiblichen Verhaltensweise zu kombinieren. Ich beschreibe dies als Meta-Gender-Stil. Mehrheitlich ist das weibliche Verhalten wohl näher dran am Meta-Gender-Stil.

Das Problem ist, dass man Frauen oft gar nicht so weit kommen lässt.
Manche Männer haben Probleme damit, dass Frauen in ihr Hoheitsgebiet eindringen. Sehr häufig auch deswegen, weil sie Angst ­haben, Macht und Bedeutung zu verlieren. Oder die Frauen werden als Störfaktor im kumpelhaften Umgang empfunden.

Liegt es auch daran, dass Frauen es oft nicht nach ganz oben schaffen?
Diese Kumpelrunden sind wahrscheinlich etwas spezifisch Männliches. Frauen werden ein bisschen anders sozialisiert. Die Männer haben ihre Kumpel, Frauen haben eher die beste Freundin. In der Netzwerk­bildung müssten Frauen aufholen.

Und sich den Kumpelrunden einfach anschliessen?
Klar, wieso nicht? Solange sie diese nicht belächeln oder abwerten, ist es für die Männer kein Problem. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.12.2016, 21:42 Uhr

Werner Dopfer ist Psychologe und seit mehr als 20 Jahren als Psychotherapeut, Berater und Coach sowie als Management- und Führungskräftetrainer tätig. www.werner-dopfer.de

Werner Dopfer, «Mama-Trauma – Warum Männer sich nicht von Frauen führen lassen», Droemer Knaur Verlag, 224 Seiten, 24 Franken

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