Frauenfrage: Alles auf Anfang

Die Geschlechterdebatte um den Bundesrat wird mit einer Verbissenheit geführt, als ob sie wieder von vorne beginne.

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An Chuzpe hat es Cédric Wermuth nie gemangelt. Kaum war er diesen Mittwoch zum Ständeratskandidaten der Aargauer SP gewählt worden, lobte er sich vor der Kamera als tatkräftigen ­Feministen, der den Männerbünden in Bern oben künftig den Tarif durchgeben werde. Sinngemäss sagte Wermuth, dass er als forscher Mann mehr für die Sache der Frauen tun könne als die Frauen selbst. Tatsächlich hatte er mit seinem Sieg soeben eine Ständeratskandidatin verhindert.

Das soll kein Vorwurf sein – wenns drauf ankommt, denken in der Politik auch die grössten Wohltäter immer zuerst an die eigene Karriere. Die Delegierten der SP Aargau, die Wermuth mit einer deutlichen Zweidrittelmehrheit den Vorzug gaben, machten ebenfalls alles richtig: Wermuth war schlicht der profiliertere Kandidat als Konkurrentin Yvonne Feri. Alles andere als seine ­Nomination wäre in diesem Fall rein ideologisch begründet und eine Schwächung der SP für den Wahlkampf gewesen.

Wesentlich weniger pragmatisch sieht es die Partei allerdings bei der Bundesratswahl. Für die Nachfolge von Doris Leuthard und Johann Schneider-Ammann fordert die SP ebenso wie die Grünen ultimativ reine Frauentickets. Sie postulieren dies auf allen Kanälen und in einer Vehemenz, die keine Zweifel daran aufkommen lässt, dass derzeit zumindest in linken Kreisen Kriterien wie Qualifikation, Erfahrung, politische Einstellung, Alter oder Herkunft für die Bewerbung um einen der wichtigsten Jobs im Land vernachlässigbar sind.

«Zu oft wird der Zeigefinger nach eigenem Gutdünken erhoben.»

Die Geschlechterdebatte um den Bundesrat wird seit dieser Woche wieder mit einer Verbissenheit geführt, als ob sie nochmals am Anfang stünde. Dabei schien das Thema erledigt, als 2010 die Frauen mit vier Sitzen erstmals die Mehrheit in der Regierung besassen und die Schweiz zum ­Erstaunen einiger Ewiggestriger tatsächlich nicht unterging. Damals dachte man, eine neue Gelassenheit sei eingekehrt. Die Hoffnung war berechtigt, dass Frauen wie Männer aufgrund ihres Geschlechts künftig weder benachteiligt noch bevorzugt werden würden. Und dass es im Bundesrat fortan problemlos fünf Männer oder sechs Frauen geben könnte.

Jetzt wird das Kriegsbeil wieder ausgegraben. Ganz überraschend ist dies nicht, denn bei Themen wie Frauenquote, Teilzeitarbeit, Homo-Ehe, Vaterschaftsurlaub oder #MeToo ist der Tonfall stets gereizt geblieben. Betrauern die einen nach wie vor den Verlust der alten, männlichen Gesellschaftsordnung – heben die anderen den moralischen Zeigefinger zu oft nach eigenem Gutdünken. Und zwar nicht nur in Bern, wo die Sozialdemokraten letztes Jahr schon lieber Pierre Maudet statt Isabelle Moret die Stimme gaben und bürgerlichen Frauen generell die Unterstützung versagten.

Beim Adoptionsrecht von Homo-Paaren zum Beispiel hatte es eindringlich geheissen, für die Entwicklung eines Kindes spiele es keine Rolle, ob die Eltern gleichgeschlechtlich seien. Als es diesen Sommer aber an männlichen Kita-Betreuern mangelte, hiess es aus den gleichen Kreisen plötzlich ebenso deutlich, wie schlecht es für die Kinder doch sei, wenn sie nicht von Männern und Frauen erzogen würden.

Es ist der einzige Trost in diesem wohl auf ewig unlösbaren Kampf der Geschlechter: dass sich die Heuchler immerhin fortwährend selbst entlarven.

Erstellt: 29.09.2018, 22:11 Uhr

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