Freies Katalonien – Spaniens Chance

Warum die Trennung für alle grossartig wäre.

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Katalonien wird vielleicht bald unabhängig. Das weckt Ängste und Fragen. Hier einige beruhigende Antworten.

Ist Katalonien allein lebensfähig? Ja, selbstverständlich. Zwischen Landesgrösse und Wohlstand besteht kein klarer Zusammenhang. Wenn schon, wirkt Grösse negativ. Mit 7,5 Millionen Einwohnern wäre Katalonien ein mittelgrosses europäisches Land – ähnlich wie die beiden wohl erfolgreichsten europäischen Länder hinsichtlich Wohlstand und Lebenszufriedenheit, Dänemark und die Schweiz mit 5,8 und 8,5 Millionen Einwohnern.

Was bringt die Unabhängigkeit Kataloniens der Schweiz? Zur Beantwortung so komplexer Fragen hilft es oft, das Spiegelbild, also die Vereinigung von Ländern, zu betrachten. Würde die Schweiz profitieren, wenn sich Österreich mit Deutschland oder Dänemark mit Schweden vereint? Wohl kaum. Genauso schadet es nicht grundsätzlich, wenn sich Katalonien und der Rest Spaniens trennen. Wichtig ist aber, wie die Scheidung abläuft. Wenn sie friedlich wie seinerzeit in der Tschechoslowakei verläuft, überwiegen die Vorteile, weil sich beide Länder befreit von der schlechten Ehe besser entwickeln können. Wenn sie hingegen von schwerer Gewalt wie seinerzeit in Jugoslawien begleitet wird, bringt sie ganz Europa hohe Kosten. Sodann ist entscheidend, dass die beiden Scheidungspartner nach der Trennung schnell normale, auf ­Freihandel aufbauende Beziehungen zueinander und zum Rest Europas finden.

«Wichtig ist aber, wie die Scheidung abläuft»

Was bedeutet die Trennung für Spanien? Auch da sind Analogien ins­truktiv: Ginge es den Deutschen und den Schweden besser, wenn Österreich ein deutsches Bundesland und Dänemark eine schwedische Region wäre? Wohl kaum. Für beide ist es gut, dass ihre beiden kulturellen Geschwister unabhängig sind. Entscheidend für den Wohlstand von Ländern ist ihre politische Lernfähigkeit. ­Diese wird stark dadurch geprägt, wie viele eng verwandte Länder es gibt. Die Übernahme von Ideen hängt entscheidend von kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeiten ab.

Dieses «zwischenstaatliche Lernen» dürfte ein entscheidender Grund dafür sein, weshalb die Sprach- und Kulturräume in Europa mit mehreren unabhängigen Ländern besonders erfolgreich sind, insbesondere der deutsche mit Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und (am Rande) Luxemburg und der skandinavische mit Dänemark, Norwegen, Schweden und (am Rande) Island und Finnland. All die anderen Sprachräume in Europa bestehen aus weniger Ländern, was ihre politische Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit senkt.

Für Spanien wäre es deshalb ein Glück, wenn mit Katalonien ein zweites unabhängiges Land entsteht, das kulturell und sprachlich so ähnlich ist, dass intensiver Ideenaustausch und Wettbewerb stattfindet. Die Entwicklung Spaniens zu einem wettbewerblichen Sprach- und Kulturraum mit mehreren unabhängigen, eng verwandten Staaten wäre für alle Spanier, aber auch für Europa und die Schweiz grossartig. Denn wir profitieren vom Wohlstand unserer Freunde und Handelspartner. Hoffentlich also packt Spanien diese grosse Chance. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.10.2017, 22:25 Uhr

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