Frontalangriff auf den Nestlé-Präsidenten

Der einflussreiche US-Investor Daniel Loeb will Paul Bulcke absetzen. Namhafte Aktionäre teilen seine Kritik am Nahrungsmittelkonzern.

Er hat allen Grund, wachsam zu sein: VR-Präsident 
Paul Bulcke. Bild: Daniel Winkler/13 Photo

Er hat allen Grund, wachsam zu sein: VR-Präsident Paul Bulcke. Bild: Daniel Winkler/13 Photo

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Chef des US-Hedgefonds Third Point, Daniel Loeb, attackiert den grössten Nahrungsmittelkonzern der Welt. In einem offenen Brief an Nestlé-Chef Mark Schneider, Verwaltungsratspräsident Paul Bulcke und den gesamten Verwaltungsrat kritisierte er vergangenes Wochenende die Entwicklung und die Strategie des Konzerns. Er bemängelte unter anderem dessen bedächtiges Tempo, das tiefe Umsatzwachstum, den unterdurchschnittlichen Verlauf des Aktienkurses und den verworrenen strategischen Kurs. Auch stört ihn, dass kein einziger Vertreter im Verwaltungsrat sitzt, der Führungserfahrung bei anderen Getränke- oder Nahrungsmittelherstellern mitbringt.

Aus dem engsten Umfeld von Loeb ist zu erfahren, dass er auf die Absetzung des Verwaltungsratspräsidenten Paul Bulcke zielt. Persönlich habe Loeb gar nichts gegen Bulcke, heisst es. Aber der 64-jährige Belgier hätte bereits an der jüngsten Generalversammlung zurücktreten sollen, so Loeb. Es sei nicht förderlich, wenn der ehemalige Chef zum Präsidenten werde. Das verhin­dere, dass sein Nachfolger Mark Schneider zügig einen neuen Kulturwandel vollziehen könne. Falls es Loeb nicht gelingt, eine Person mit Führungserfahrung aus der Getränke- oder Lebensmittelbranche in den Verwaltungsrat zu hieven, überlegt er, an der nächsten Generalversammlung sich selbst oder einen Vertreter von Third Point als Verwaltungsratskandidaten aufzustellen.

Der Hedgefonds besitzt zwar nur 1,3 Prozent der Aktien von Nestlé, was nach wenig klingt. In diese Beteiligung hatte Loeb vor einem Jahr 3 Milliarden Dollar investiert. Third Point ist damit laut Bloomberg aber immerhin der achtgrösste Nestlé-Aktionär. Zudem unterstützen weitere namhafte Investoren Loebs Kritik. Dazu zählen gemäss einem Insider die Vermögensverwaltungsgesellschaft Schroders mit Sitz in London und die US-Investmentgesellschaft Artisan Capital. Schroders will sich zum Engagement bei Nestlé nicht äussern; bei Artisan war niemand für eine Stellungnahme erreichbar.

Der schwerfällige Tanker Nestlé reagierte für einmal sehr schnell

Nachdem Loeb seinen offenen Brief und die 34-seitige Analyse auf der neuen Internetsite Nestlenow.com aufgeschaltet hatte, reagierte Nestlé am folgenden Tag mit einer Mitteilung über die jüngsten Fortschritte unter Mark Schneider. Das war ein Konter gegen Third Point und Loeb, obwohl sie nicht namentlich genannt werden. Das sorgte in der Schweiz für Erstaunen: Bisher ist der Nahrungsmittelkonzern nie auf solche Angriffe eingegangen.

Für Patrik Schwendimann, Analyst der Zürcher Kantonalbank, ist diese Reaktion von Nestlé «ein Schwächezeichen. Diesen Verteidigungsmodus hat Nestlé nicht nötig.» Das sei auch ein Signal an andere: Mit nur einem Prozent Aktien kann ein Investor, der Wirbel macht, Druck ausüben. Schwendimann wünscht sich jedoch ebenfalls mehr Tempo bei Nestlé und stuft die Aktien gar auf «untergewichten» ein.

Vergangenes Jahr betrug das organische Umsatzwachstum nur 2,4 Pro­- zent, nachdem der Gigant im Jahr zuvor 3,2 Prozent und 2012 gar 5,9 Prozent aufwies. Zudem fiel der Aktienkurs seit dem Einstieg von Third Point am 26. Juni vor einem Jahr um 7,5 Prozent, während der Vergleichsindex SMI 4,6 Prozent gesunken ist.

US-Investor Daniel Loeb fordert einen rascheren Umbau. Bild: Reuters

Im angelsächsischen Sprachraum hat der Brief für Aufsehen gesorgt. Die «Financial Times» als wichtigstes Finanzblatt der Welt brachte Loebs Forderung auf der Titelseite. Hätte Nestlé auf den offenen Brief von Loeb nicht reagiert, wäre dies als Arroganz ausgelegt worden, heisst es in Vevey.

Zur Forderung nach Bulckes Absetzung will sich Nestlé-Sprecher Christoph Meier nicht äussern. «Ich kann nur betonen, dass der Verwaltungsrat unter der Führung von Paul Bulcke und die Konzernleitung von Nestlé sich vereint und entschlossen auf die beschleunigte Umsetzung unserer Strategie konzen­trieren.»

Schneider, der den Konzern seit Ja­nuar 2017 führt, wurde vom früheren Präsidenten Peter Brabeck vom Gesundheitskonzern Fresenius geholt. Er ist seit Jahrzehnten der erste Nestlé-Chef, der nicht im Konzern gross geworden ist. Loebs Kritik ist ein Steilpass für ihn, seinen Vorwärtskurs voranzutreiben, ohne von Bulcke gehindert zu werden. Der Ex-Konzernchef und heutige Präsident ist verantwortlich dafür, dass Nestlé zu langsam auf die stark wandelnden Bedürfnisse der Konsumen­- ten reagiert und zu wenig auf die ertragsreichsten Pfeiler gesetzt hat. Er verschlief Trends wie Bio-, Frische- und Regionalprodukte und hielt zu lange an schwachen Geschäften fest.

Nestlé-Chef Mark Schneider baut Schritt für Schritt um. Bild: Keystone

Damit räumt Schneider nun auf. Er hat das US-Süsswarengeschäft für 2,8 Milliarden Dollar verkauft und von Starbucks das Handelsgeschäft übernommen. Zudem setzt er rigoros den Rotstift an. Dabei verschont er auch die Schweiz nicht, wo er 500 Informatikerstellen abbaut.

Die nächste Generalversammlung findet in neun Monaten statt. Bis dann wird Loeb noch weitere Investoren hinter sich scharen wollen. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 07.07.2018, 21:37 Uhr

Artikel zum Thema

Streit mit Nestlé eskaliert

Coop und Edeka ringen mit dem Nahrungsmittelriesen um günstigere Einkaufspreise. Die Händler drohen, den Boykott auszudehnen. Coop könnte damit Kunden vergraulen. Mehr...

Coop und Nestlé sollen sich im Preiskrieg einigen

Detailhänder-Streit Der Streit zwischen Detailhändlern und Nestlé könnte ein Ende finden. Man arbeite an einem Kompromiss. Mehr...

Gutes Nestlé, böses Nestlé

Wasserprivatisierung, Umweltprobleme, unlautere Werbung: Nestlés Image wurde immer wieder von Skandalen getrübt. Wo steht der Konzern heute? Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Umstrittene Tradition: Der spanische Matador Ruben Pinar duelliert sich am San Fermin Festival in Pamplona mit einem Stier. (14. Juli 2018)
(Bild: Susana Vera ) Mehr...