Wie viel Frühförderung brauchen Kinder?

Schon Babys und Kleinkinder sollen im grossen Stil gefördert werden – vom Staat. Ein Beispiel zeigt, wie das funktionieren könnte.

Beim Spielen im Wohnzimmer mit Kleinkinderzieherin Christine Meier und seinem Vater lernt der kleine Yahya Farben kennen. Foto: Kostas Maros

Beim Spielen im Wohnzimmer mit Kleinkinderzieherin Christine Meier und seinem Vater lernt der kleine Yahya Farben kennen. Foto: Kostas Maros

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Die einen sagen: Lasst die Kinder Kinder sein! Die anderen fragen: Wo bleiben die Eltern? Wir wollen keine Staatskinder! Christine Meier sagt: «Je mehr Institutionen am Kind herumtherapieren, desto teurer wird es am Ende.» Sie baut vor Yahya, 20 Monate alt, leere Konfigläser auf. Dann schüttet sie farbige Spielsteine auf den Teppich und zeigt dem Buben, wie er sie einfüllt. Die roten in ein Glas, die grünen in ein Glas. Er greift beherzt zu, ohne Rücksicht auf Farben.

Yahyas Privat-Spielstunde ist Teil dessen, was eine breite Allianz aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft derzeit stark ausbauen will: Frühförderung. Und von dem andere finden: unnötig. Zu teuer. Lange verstand man unter Chancengleichheit Dinge wie kosten­lose Vorbereitungskurse fürs Gymnasium. Damit ein begabtes Kind die Matura machen kann, auch wenn in der Familie kein Geld für teure Privatnachhilfe da ist.

In den letzten Jahren hat man erkannt, dass das nicht reicht. Denn die Basis dafür, ob ein Mensch später Arzt oder arbeitslos wird, wird meist viel früher gelegt: in den ersten vier bis fünf Lebensjahren.

In der Hoffnung, alle Mädchen und Buben mit gleichen Chancen ins Leben zu schicken, verlagern sich die Bemühungen nun ins Vorschulalter. Und aus einer pädagogischen ist längst eine politische Frage geworden: Wie sehr ist der Bildungserfolg unserer Kinder Staatsaufgabe?

Manche Vierjährige haben noch nie eine Schnecke gesehen

Auf dem Wohnzimmerboden in Rheinfelden AG ist Politik weit weg: Yahyas Eltern, beide vor rund fünf Jahren aus Äthiopien geflüchtet, knien neben ihrem Sohn. Die Stube ist sparsam eingerichtet; im Fernseher, auf lautlos gestellt, vergibt Manchester United die Führung, ein Plastik-Orangenbaum trägt Früchte. Meier erklärt der Mutter, mit den Spielsteinen könne sie ihrem Kind gleich die Farben beibringen. «Aber ich kenne nicht alle Farben auf Deutsch», wendet diese ein. «Macht nichts, in deiner Sprache ist auch gut», sagt Meier.

Während eineinhalb Jahren besucht sie die Familie erst wöchentlich, dann vierzehntäglich. Meistens bringt sie ein Spiel mit, zeigt den Eltern, wie sie ihr Kind an­regen können, begleitet sie in die Bibliothek, ermuntert sie, auf den Spielplatz zu gehen. «Leiterli» heisst das Rheinfelder Programm für sozial belastete Familien. Es orientiert sich am etablierten Frühförderungskonzept «Schrittweise», das mehrere Schweizer Städte und Gemeinden übernommen haben.

Frühförderung heisst nicht nur Deutschkurse: Yahya spielt mit farbigen Ballonen. Foto: Kostas Maros

Fällt das Stichwort Frühförderung, denken viele an Kinderschach und Tiger-Moms. Falsch, sagt Meier: «Es geht vor allem um jene, die in ihrer Entwicklung benachteiligt oder gefährdet sind. Sie dürfen nicht den Anschluss verpassen, noch bevor sie im Kindergarten sind.» Die Programmleiterin, sie führt auch eine eigene Krippe, erzählt von Vierjährigen, die noch nie eine Schere in den Händen gehalten haben. Nie eine Schnecke gesehen haben. Von Eltern, die nicht wissen, dass sie mit ihrem Kind spielen sollen.

Ein weiteres Missverständnis: Frühförderung gleich Deutschkurse. Ein Migrantenproblem. Doch Meier begleitet auch Alleinerziehende oder psychisch belastete Familien. Und soziale und motorische Basics – etwa: mal warten, das Gspäändli vorlassen – kommen auch in Akademiker-Familien immer öfter zu kurz.

Den «Unfall der Geburt» im falschen Milieu beheben

Studien zeigen, dass sich der Bildungsrückstand eines Kindes mit jedem Schuljahr vergrössert. «Darum ist der erste Übertritt, die Einschulung, so wichtig», sagt Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm. Den «Schonraum der frühen Kindheit» gebe es nicht mehr.

Doch derzeit ist die Schweizer Förderlandschaft vor allem eines: ein riesiges Flickwerk. Zahlreiche Kantone und Gemeinden haben in den letzten Jahren Konzepte erarbeitet, es gibt Elternkurse, Spielgruppen, Lernprogramme – aber keine nationale Strategie. Mitte April hat die nationalrätliche Bildungskommission nun einen Meinungsumschwung hingelegt: Sie unterstützt einen Vorstoss von SP-Nationalrat Matthias Aebischer, der verlangt, die Förderung der Kleinsten ab Geburt gesetzlich zu verankern. Auch Bundesgelder in Millionenhöhe für kantonale Angebote stehen zur Debatte.

Anfang Jahr hatte schon die Schweizerische Unesco-Kommission eine «Politik der frühen Kindheit» gefordert. Dahinter stehen auch volkswirtschaftliche Überlegungen: Je früher Massnahmen ansetzen, desto rentabler sind sie, das zeigen Studien. Weil sehr kleine Kinder rasch lernen – und weil der Schulpädagoge später viel teurer käme. «Catch ‘em young» («Fangt sie früh ein»), schrieb der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger James Heckman einmal in einem Artikel: Die Gesellschaft dürfe nicht zu lang damit warten, den «Unfall der Geburt» auszumerzen. Der staatliche Effort für die frühe Förderung ist deshalb auch eine Art Kosten-Nutzen-Rechnung: Lieber lässt man sich den Bürger am Anfang seines Lebens etwas kosten, als ihn später etwa als Sozialhilfebezüger durchzubringen.

Das Angebot ist riesig, eine ganze Industrie hat sich um die Bildung der Kleinsten gebildet. Doch bei den grossen Hoffnungen, die viele in die Frühpädagogik setzen, geht gern vergessen: Auch die grösste Fördermaschinerie kann eines nicht ersetzen – die Familie. Sie hat den mit Abstand grössten Anteil daran, mit welchem Rucksack ein Kind seine Schullaufbahn startet. Ihr Einfluss sei «überragend», sagt Stamm. Sie zeigte 2013 in einer Studie an 300 Familien, dass die externe Betreuung einen unerwartet geringen ­Einfluss auf das Kind hat. Zumindest wenn es in ein ­behütetes Umfeld hineingeboren wird. Am meisten profitieren benachteiligte Kinder von Kitas und Spielgruppen.

Heisst: Unter normalen Umständen braucht ein Kind keine speziellen Kurse. Stamm sagt: «Das freie Spiel ist die beste Frühförderung. Ausflüge in den Wald und andere Aktivitäten, die alle Sinne anregen, reichen völlig aus.» Das Problem sei, dass viele gut ­situierten Eltern meinten, ihr Kind müsse unbedingt in eine Kita, damit es gefördert werde. «Sagen zu können, ‹unser Kleiner geht ins Ballett›, ist eine Art Statussymbol geworden. Weil es als Beweis gilt, dass die Eltern gute Arbeit leisten.»

Die Schere zwischen benachteiligten und privilegierten Kindern droht sich weiter zu öffnen.

Heisst aber auch: Kinder aus belasteten Familien sind doppelt benachteiligt – weil ihnen das anregende Umfeld fehlt und weil sie deutlich seltener Kitas und Spielgruppen besuchen. Im schlimmsten Fall, sagt Stamm, könne der Ausbau der frühkindlichen Bildung dazu führen, dass Töchter und Söhne aus gutem Hause ihren Vorsprung vergrössern und solche wie Yahya durch die Maschen fallen. Wie also stellt man sicher, dass die Richtigen gefördert werden? Das Projekt «Leiterli» in Rheinfelden setzt auf Freiwilligkeit. Anders der Kanton Basel-Stadt, wo die Kleinsten obligatorisch deutschsprachige Kitas oder Spielgruppen besuchen müssen, wenn sie die Sprache nicht beherrschen. «Eigentlich wäre das der richtige Ansatz», sagt Stamm.

Noch aber entscheidet ein geografischer Zufall, ob ein Kind unterstützt wird. Stamm fordert nun Systematik – und mehr Realitätssinn. «Bei aller Notwendigkeit – wir dürfen keine überhöhten Erwartungen haben an die frühe Förderung», sagt sie. «Ein Mensch entwickelt sich ein Leben lang. Wegen eines missglückten Starts ist ein Leben nicht verloren. Manche finden ihren Weg erst mit 20. Das müssen wir respektieren.» Ausserdem sei es «illusorisch», jetzt einfach nach mehr Kita-Plätzen zu rufen. Besonders die Kinderbetreuungslobby versucht derzeit, den Schwung für ihre Anliegen zu nutzen. Doch es wäre falsch, Frühförderung mit strukturellen Fragen wie Kitas oder Vaterschaftsurlaub zu verknüpfen, sagt Stamm: «So entsteht der Eindruck, jedes Kind müsse in die Kita und Förderung finde nur in Institutionen statt.»

Dabei geschieht sie, eben, vor allem in der Familie. Wie bei Yahya in der Stube. Er greift nach den bunten Ballonen, die Meier mitgebracht hat, grün, blau, rosa. In diesem Alter würden Kinder gerne Dinge mit ihren Händen greifen, erklärt Meier. Der Vater steht auf und kickt seinem Sohn einen Ballon zu. «Du kannst auch einen Ballon aufblasen», ermuntert Meier die Mutter. Und nicht vergessen, nächste Woche sei Familientreff.



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Erstellt: 06.05.2019, 21:41 Uhr

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