«Früher hielt ich das Leben für einen Vergnügungspark»

Das ehemalige Boygroup-Idol Robbie Williams hat ein Weihnachtsalbum veröffentlicht. Höchste Zeit für ein Gespräch.

Robbie Williams, 45: «Ich bin ein mittelalter Entertainer». Foto: PD

Robbie Williams, 45: «Ich bin ein mittelalter Entertainer». Foto: PD

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Mr. Williams, können wir über das Altern sprechen?
Ein spannendes Thema. Aber wie kommen Sie drauf?

Zum einen veröffentlichen Sie ein Weihnachtsalbum. Zum anderen findet man sehr viele Golf-Bilder und -Videos auf Ihrem Instagram-Account. Die Zeichen verdichten sich deutlich.
Ha! Nur dass ein Weihnachtsalbum für Amerikaner nicht zwangsläufig mit dem Alterswerk verknüpft ist. Das machen da auch junge Künstler.

Allerdings sind Sie kein Amerikaner.
Nein, aber ich habe lang genug in den USA gelebt, um diesen Spirit für mich in Anspruch zu nehmen. Davon abgesehen, ist dieses Album für mich aber vor allem eine Chance, den Routinen zu entkommen. Ich habe jetzt 30 Jahre lang immer dasselbe gemacht: Album, Promo, Tour. Album, Promo, Tour. Und hin und wieder ein Swing-Album, das die Monotonie etwas durchbrochen hat. Sie können sich nicht vorstellen, was es für eine Wohltat ist, da mal so ein Konzeptalbum zu machen. Darüber hinaus haben Sie aber natürlich recht: Ich bin ein mittelalter Entertainer. Ein Weihnachtsalbum ist also meiner Lebensphase sehr angemessen.

«Für mich funktioniert mein Leben gerade prächtig. Besser als je zuvor.»

Altert es sich im Pop gerade leichter?
Das kann ich Ihnen nicht sagen, ich weiss ja nicht, wie schwer das Altern im Pop früher war. Für mich funktioniert mein Leben aber gerade prächtig. Besser als je zuvor.

Inwiefern?
Ich habe genug Zeit für meine Familie und kann trotzdem ausgiebig das tun, was ich sonst liebe. Das ist ein Puzzle, an dem ich jahrzehntelang erfolglos gearbeitet habe. Früher hielt ich das Leben für einen Vergnügungspark. Und ich dachte, dass sich die Leerstellen schon füllen würden, wenn ich dieses glamouröse Leben nur ausgiebig genug lebe – und ein bisschen was für die Familie zurücklege.

Was natürlich nicht der Fall war.
Natürlich nicht. Jetzt gehe ich die Dinge bewusster an. Ich weiss in fast jeder Situation, warum ich tue, was ich tue. Und ich habe genug Zeit für Golf, meine aktuelle Sucht. Und auch da sehen wir eine deutliche Verbesserung zu früher: Da war ich von Kokain abhängig. Golf ist da doch sehr viel gesünder.

«Mit dem Brexit muss ich davon ausgehen, dass wir keine Tomaten mehr haben werden.»

«The Christmas Present» ist eine Art Doppelalbum: Ein Teil will die Vergangenheit von Weihnachten behandeln, ein Teil die Zukunft. Wie sieht denn die Zukunft von Weihnachten für Sie aus?
Kennen Sie Charles Dickens?

Ja.
Ich hatte beim Konzept zum Album Dickens’ Weihnachtsgeschichte im Hinterkopf – mit den Geistern der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Weihnacht. Dieses Gefühl wollte ich einfangen. Wie die tatsächliche Zukunft von Weihnachten aussehen wird, weiss ich nicht. Mit dem bevorstehenden Brexit muss ich allerdings davon ausgehen, dass wir keine Tomaten mehr haben werden.

Sorgt Sie das?
Sehr. Ich mag Tomaten.

Mögen Sie die EU auch?
Absolut.

Sie blicken also eher sorgenvoll in die Zukunft?
Wer weiss schon, was genau kommt. Es wird viel Dunkelheit vorausgesagt, aber ich kann immer wegziehen.

Sie werden also eher keine «Remain»-Kampagne starten?
Vermutlich nicht. Ich bin politisch nicht engagiert genug. War ich nie. Und ich glaube nicht, dass ich es noch mal werde.

Warum nicht?
Mir fehlt der Glaube an die Politik. Ich traue den Strukturen nicht genug. Das ist nichts für mich. Ich mag Golf und Fussball – hin und wieder singe ich.

Und das verträgt sich nicht mit demokratischem Engagement?
Ich bin ein Fan der Demokratie. Ein grosser sogar. Aber es liegt mir nicht, mich um die Details zu kümmern, die wichtig werden, wenn man sich sinnvoll äussern will.

War Ihnen eigentlich immer klar, dass es ein weiteres Robbie-Williams-Album geben würde?
Es muss immer etwas Neues geben, das ist für mich überlebenswichtig. Wenn man nicht ständig weiter voranschreitet, bleibt alles stehen – und zerbricht daran. Ich habe das erlebt. Und ich will es wirklich nie wieder erleben. Wenn man künstlerisch erst einmal vollständig stehen geblieben ist, ist es fast unmöglich, wieder loszulegen. Zumindest bei mir ist das so.

Stimmt es, dass Sie damals unter Agoraphobie litten und das Haus kaum noch verlassen haben?
Das stimmt.

Wie muss man sich das vorstellen? Haben Sie ein Einsiedlerdasein geführt?
Nicht ganz. Menschen haben mich besucht. Ich habe weiterhin im Studio gearbeitet. Aber ansonsten habe ich sehr viel Chips und Donuts gegessen und bin fett geworden.

Wissen Sie inzwischen, was Ihnen Angst gemacht hat?
Ja, aber um Ihnen das zu erklären, bräuchten wir mehr Zeit, als wir hier haben.

Wie haben Sie aus Ihrem Zustand wieder herausgefunden?
Ich habe eines Tages die Killers gehört, «Human» lief im Radio. Und aus irgendeinem Grund öffneten sich dabei Türen in meinem Kopf und ich dachte: «Aahh! Dann mache ich doch mal wieder ein Album.» Und das habe ich gemacht.

So einfach, ja?
Ha, nun ja, ganz so einfach war es tatsächlich nicht. Es hat eine Weile gedauert, bis ich mich wieder trittsicher bewegen konnte.

Das ehemalige Take-That-Mitglied Robbie Williams war einst keinem Exzess abgeneigt und zählt bis heute zu den grössten Popstars Europas. Nun hat der 45-Jährige das Weihnachtsalbum «The Christmas Present» veröffentlicht.



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Erstellt: 08.12.2019, 12:51 Uhr

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