«Fuckup Nights»: Liebe Deine Blamage

Auch schon versagt und dann in Scham versunken? Diese Beispiele zeigen: Es geht auch anders.

Ausrutscher ­einzugestehen, ist zum Kult geworden. Bild: Shutterstock

Ausrutscher ­einzugestehen, ist zum Kult geworden. Bild: Shutterstock

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Wenn Lara Gut gesteht, dass sie sich in ihren erfolgreichsten Momenten als Skifahrerin komplett verloren gefühlt habe, steht das am nächsten Tag in allen Zeitungen. Wenn Michelle Hunziker über die Zeit, als sie in italienischen TV-Shows aus Torten sprang, sagt: «Ich fühlte mich nicht wert, geliebt zu werden», gratulieren ihr die Leser zu ihrem Mut.

Als Ständerätin Karin Keller-Sutter kürzlich ihre Bundesratskandidatur lancierte, gab sie sich demütig, erwähnte ihre beiden Fehlgeburten und die ungewollte Kinderlosigkeit («Ich habe gelernt, mit Tiefpunkten und Niederlagen umzugehen.»). Schwäche zu zeigen, sich Misserfolge einzugestehen, ist nicht mehr nur erlaubt, nein, es ist ein richtiger Kult darum entstanden. Wer öffentlich über sein Scheitern spricht, wird nicht verspottet, sondern beklatscht.

Schwäche zeigen ist das Privileg der Erfolgreichen

Vor zwei Jahren ging der «Lebenslauf des Scheiterns» eines deutschen Princeton-Professors viral. Er zählte alle Rückschläge seiner Karriere auf, die in Lebensläufen sonst unerwähnt bleiben: die Professuren, die er nicht erhalten hatte, die Stipendien, für die er nicht ausgewählt worden war, die Preise, die an andere gegangen waren. Er wolle zeigen, sagte er, dass auch er als erfolgreicher Wissenschaftler viele Chancen verpasst und Projekte verhauen habe. Die riesige Resonanz darauf zeigt das grosse Bedürfnis, in Zeiten der Selbst­optimierung den Zwang zur Perfektion zu brechen.

Die Ratgeberliteratur zieht mit. Die Bücher heissen «Die Schönheit des Scheiterns», «Fuck Up – das Scheitern von heute sind die Erfolge von morgen» oder «Brutal gescheitert!». Die Büchermacher versuchen uns Scheitern als glückliche Fügung zu verkaufen. In einer Gesellschaft, die zum Erfolg verpflichtet, ist der Misserfolg zur Kür geworden, so scheint es. Der Schweizer Tennisspieler Stan Wawrinka hat sich das Zitat des irischen Schriftstellers Samuel Beckett auf den linken Unterarm tätowiert: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Erleben wir also gerade, wie Scheitern, das der amerikanische Soziologe Richard Sennett als «letztes Tabu der Moderne» bezeichnete, sein Stigma verliert?

Der romantisch verklärte Loser

Kaum. Denn unsere Leistungsgesellschaft verzeiht Imperfektion weniger denn je – oder wenn, dann nur als Anekdote: der schrille Castingshow-Teilnehmer, der romantisch verklärte Loser wie Herr Lehmann aus dem Erfolgsroman oder «Ich bin gut so wie ich bin»-Hashtags, zu denen sich zerzauste Mütter nach der Geburt fotografieren lassen (#afterbirth) oder ihre Hängebrüste feiern (#saggyboobsmatter). Doch trotz ihrer Unzulänglichkeiten werden ausschliesslich jene wirklich akzeptiert, die sie überwunden haben: die Michelles und die Laras. Schwäche zeigen, das ist immer noch das Privileg des Erfolgreichen.

Matthias Notz will, dass sich das ändert. Wenn der Start-up-­Berater vor Studenten oder Geschäftsleuten spricht, fragt er gerne in die Runde: «Wer will scheitern?» Keine Reaktion. Dann fragt Notz: «Und wer will was lernen?» Alle Hände gehen in die Höhe. ­Erfolge sind gut, Misserfolge weniger. Logisch. Nur: Für Notz geht das Eine nicht ohne das Andere. Gross zu denken, bedeutet auch, das Scheitern einzukalkulieren, findet er.

High Fives für gescheiterte Projekte

Mit seiner Firma berät er junge Gründer und unterstützt ambitionierte Start-ups dabei, in die USA zu expandieren und dort unter anderem die Angst vor Niederlagen abzulegen. Im Silicon Valley wird Scheitern schon länger gefeiert. «Trial and Error», «Never give up»: Die amerikanische Kultur ist voll von Steh-auf-Parolen. Als Ver­sager gilt nicht, wer mit seiner Geschäftsidee strauchelt, sondern der, der es gar nicht erst versucht. Astro Teller, Chef des Google-Zukunfts­labors X, erzählt gern, wie er seinen Mitarbeitern Umarmungen und High Fives verteilt, wenn sie ein Projekt als gescheitert erklären. Für Fehlentscheidungen gebe es keine Häme, sondern Applaus oder sogar Beförderungen. Es sei der einzige Weg, den Mitarbeitern die Angst vor dem Scheitern zu nehmen und sie mutiger werden zu lassen, findet Teller.

An «Fuckup Nights» wird das Scheitern zelebriert. Bild: Florian Voggeneder

Veranstaltungen wie die «Fuck­up Nights», die seit ein paar Jahren in Schweizer Städten stattfinden, sollen die Lust am Scheitern in der hiesigen Gründerszene wecken: Gescheiterte Unternehmer stehen auf der Bühne und sprechen über ihre Flops: Erfindungen, die niemand interessierten, Geld, das sie verloren haben. Sie zelebrieren die Blamage im Plauderton, präsentieren ihre Misserfolge wie Kämpfer ihre Schrammen, aus dem Publikum kommen Lacher und Klatscher. Pleiten werden in diesen Runden zu Lektionen umgedeutet. An der letzten Zürcher «Fuckup Night» im Frühling gab ETH-Präsident Lino Guzzella zum Besten, wie er sich als junger Mann erfolglos bei der Europäischen Raumfahrtagentur als Astronaut beworben hatte, später als Ingenieur einen Hybrid-Motor baute und feststellen musste, dass niemand darauf gewartet hatte. Die Idee zu den «Fuckup Nights» stammt aus Mexiko, mittlerweile sind sie eine weltweite Bewegung.

Junge haben mehr Angst vor falschen Entscheidungen

«Fuckup Night»-Mitveranstalter Dario Zingariello, ETH-Masterstudent, noch ohne Tolggen im Lebenslauf, sagt: «Wir wollen die andere Seite der Erfolgsstorys zeigen. Scheitern ist eine Lebenserfahrung. Im Silicon Valley interessieren sich die Investoren nicht für Jungunternehmer, die nie etwas ausprobiert haben und nie gescheitert sind.» In der Schweiz hingegen würden Geldgeber sofort skeptisch, wenn jemand in früheren Jahren Konkurs ging. Er will ein Umdenken anstossen: «Unsere Studenten sind ängstlicher und konservativer, so geht die Kreativität verloren.»

Tatsächlich zeigte der Global Entrepreneurship Monitor 2016, dass fast jeder dritte Unternehmer in der Schweiz Angst vor dem Scheitern hat. In einer individualisierten Gesellschaft, in der jeder seines eigenen Glückes Schmied ist, fällt Scheitern stärker auf den Einzelnen zurück. Es ist paradox: Biografien und Karrieremöglichkeiten sind vielfältiger und formbarer denn je – gleichzeitig wächst unsere Furcht vor falschen Entscheidungen. Junge Menschen haben heute mehr Angst, in einer Sackgasse zu landen.

Wenig überraschend also, dass Dario Zingariello einräumt: Nur jene Firmengründer treten an den «Fuckup Nights» auf, die irgendwann doch noch Erfolg hatten. «Wer gerade in einer Krise ist, spricht nur ungern über sein Scheitern. Viele nehmen einen Fuckup sehr persönlich.» Niederlagen bleiben demütigend, trotz «Fuckup Nights» und Ratgeberliteratur.

«Du hast gut gelernt» statt «du bist intelligent»

Der Kult ums Scheitern kann auch als Konsequenz des herrschenden Drangs zur Selbstoptimierung betrachtet werden. Wer keinen Erfolg hat, soll wenigstens beim Scheitern reüssieren. Und seine Fehler ins Positive verkehren. Doch was in der Gründer­szene funktionieren mag, ist im Rest der Gesellschaft noch lange nicht angekommen. Start-up-Berater Matthias Notz sagt: «Unsere Gesellschaft wertet Fehler nicht als Anlass zum Lernen, weder bei Politikern noch bei Wirtschaftsführern und selten im privaten Umfeld.»

Er bezweifelt, dass das Scheitern das schlechte Image ausserhalb der Start-up-Szene demnächst ablegen kann: «Nicht, solange unser Schulsystem schon Kinder auf Perfektion trimmt: Da wird alles rot angestrichen, was falsch ist. Jedes Schulkind lernt: ‹Mach keine Fehler›.» Und wer Angst vor Fehlern hat, kann nicht aus ihnen lernen: Studien mit New Yorker Schulkindern haben gezeigt, dass sie sich nur verbessern, wenn sie an Dingen gemessen werden, an denen sie arbeiten können. Also: «Du hast gut gelernt» statt «du bist intelligent».

Trial and Error funktioniert nicht in allen Branchen

Auch Olaf Morgenroth, Fehler­forscher an der Medical School Hamburg, stellt keine grössere Fehlertoleranz in unserer Gesellschaft fest: «Im deutschsprachigen Raum ist Misserfolg noch immer schambesetzt und kommt einem persönlichen Versagen gleich.» Dabei ist die soziale Bewertung von Misserfolg stark kulturell beeinflusst – der deutsche Begriff «Schadenfreude» existiert in vielen anderen Sprachen nicht.

«Wenn wir eine konstruktive Kultur im Umgang mit Scheitern etablieren wollen, müssen Fehler erst akzeptiert werden», sagt Psychologe Morgenroth. Nur: Ein Programmierer kann einen Code durch Trial and Error entschlüsseln. Ein Arzt oder ein Fluglotse darf sich keine Fehler erlauben. Trotzdem passieren sie. «Während man etwa im Flugverkehr erkannt hat, dass man aus Fehlern lernen kann und darüber sprechen muss, werden sie in der Medizin immer noch eher verschwiegen», sagt Morgenroth. Vielleicht geht es nicht bloss darum, zu scheitern. Sondern klüger zu scheitern.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 03.11.2018, 18:37 Uhr

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