Mit 30 eine Million auf dem Konto

Bescheiden leben, sparen und frühzeitig aus dem Berufsleben aussteigen – die Fire-Bewegung wächst.

Mit 40 in Rente: Die Fire-Bewegung basiert auf der 4-Prozent-Zins-Regel. Bild: Stephan Liechti

Mit 40 in Rente: Die Fire-Bewegung basiert auf der 4-Prozent-Zins-Regel. Bild: Stephan Liechti

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«Fuck you»-Day nennt Marc Pittet den Tag, an dem er der Arbeitswelt den Stinkefinger zeigen und seine Kündigung einreichen wird. Danach will er nur noch tun, worauf er Lust hat: reisen mit seiner Frau, vielleicht ein paar Monate pro Jahr im Ausland leben, Kanada wäre schön. Er will lesen, bloggen, mehr Zeit in der Natur verbringen, mit seinen Kindern und mit Freunden, Sinnvolles tun, Freiwilligenarbeit leisten, ein Buch schreiben irgendwann.

Bis zu seinem «Fuck you»-Day soll es maximal 15 Jahre dauern. Dann wäre er 47. «Das ist der realistische Plan. Wenn wir fokussiert bleiben, könnten wir es schon bis 40 schaffen», sagt Marc Pittet, der eigentlich anders heisst, aber unbedingt anonym bleiben will; weder seinen genauen Wohnort – «in der Nähe von Lausanne» – will der Software-Ingenieur verraten, noch was seine Frau beruflich macht – «sie arbeitet Teilzeit» –, noch das Alter der beiden Kinder – «sie sind in der Primarschule».

Der Trick ist, bescheiden zu leben

Marc Pittet ist kein Spinner, kein Hippie und auch kein Träumer. Er ist Teil der Fire-Bewegung, die der kanadische Software-Ingenieur Peter Adeney alias Mr. Money Mustache 2011 mit seinem Blog so richtig ins Rollen gebracht hat. Der sparte so clever, dass er mit 30 Jahren aufhören konnte zu arbeiten und damit zahlreiche Nachahmer fand, auch in der Schweiz. «Fire» steht für «Financially independent, retire early», also finanziell unabhängig sein und sich früh zur Ruhe setzen. Der Trick ist, bescheiden zu leben, möglichst viel von seinem Lohn zu sparen und zu investieren, etwa in börsengehandelte Indexfonds, um später von den Zinsen leben zu können – bei gleichem Lebensstandard, und das ohne noch einen einzigen Tag für Geld arbeiten zu müssen, lange vor dem Rentenalter.

Was für ein Vermögen dafür nötig ist, kann jeder für sich berechnen: Man multipliziert alle Ausgaben eines Jahres mit Faktor 25 und erhält die Zahl der persön­lichen Freiheit, basierend auf der 4-Prozent-Zins-Regel, von der die Fire-Idee ausgeht. Marc Pittet und seine Frau brauchen rund 1,25 Millionen Franken, um für den Rest ihres Lebens ausgesorgt zu haben. Von knapp 4200 Franken monatlich gehen sie aus, sobald die Kinder auf eigenen Beinen stehen. «Selbst wenn die Zinsen tiefer wären, sollte das Geld reichen, bis wir etwa 90 sind.» Allfällige Zusatzverdienste, künftige Erbschaften und eine spätere Altersvorsorge nicht eingerechnet.

Bis 30 will er eine Million auf dem Konto haben

Das ist doch völlig illusorisch! Viel zu riskant! Total bünzlig, so streberhaft zu sparen! Moralisch verwerflich, von Zinsen zu leben, statt sich selber anzustrengen! Dass viele empfindlich reagieren, ist wenig erstaunlich. Denn wer hätte nicht auch gerne ein genügend grosses finanzielles Polster, um nicht jeden Morgen zur Arbeit fahren und stur bis zum Feierabend krampfen zu müssen, bis 65 oder länger. Vor allem in der heutigen Zeit, in der immer mehr verlangt wird im Job, immer mehr Stellen durch die ­Digitalisierung gefährdet sind und die AHV-Kasse sich leert.

Da verwundert es nicht, dass die Fire-Idee laufend Anhänger findet. Diese müssen sich allerdings einschränken, weswegen sie auch «Frugalisten» genannt werden – weil sie bescheiden leben. Sie ­fahren mit dem Velo oder ÖV, ­kochen zu Hause, machen Campingferien, obwohl sie sich das Auto, das Viergangmenü im Restaurant und die Reise nach Hawaii leisten könnten.

«Es geht aber nicht darum, um jeden Preis zu sparen, sonst steckt man wieder im Hamsterrad, dem man ja gerade entkommen will», sagt Pittet. Sein Blog «Mustachian Post» beinhaltet zwar zahlreiche Spartipps, trägt aber den Unter­titel «Build wealth while enjoying life – in Switzerland». Klar wolle er ­seine finanzielle Unabhängigkeit möglichst schnell erreichen, es gehe aber auch darum, das Leben zu geniessen. Pittet liest viel, nicht nur über Finanzen, sondern auch über Minimalismus und das Konzept vom Glücklichsein. «Es sind nicht materielle Dinge, die zufrieden machen, sondern Erlebnisse, Zeit in der Natur, mit meiner Familie und mit Freunden.»

«Fast ­alles im Leben wird von Geld bestimmt, aber in der Schule bringen sie einem kaum etwas über das ­Finanzsystem bei.»Thomas Kovacs

Seine Frau sehe das allerdings ein wenig anders, obwohl sie eine sehr bescheidene Person sei, erzählt ­Pittet lachend. «Ich bin eher der analy­tische Typ, sie hingegen überlegt ­zuerst, ob etwas Freude bereiten könnte, und denkt erst in zweiter ­Linie an das Geld.» ­Damit es des­wegen keinen Streit gibt, haben ­beide ein Sackgeld, mit dem sie machen können, was sie wollen – etwa 100 Franken pro Monat.

So bedeckt sich der 32-Jährige in Bezug auf seine Person gibt, so freimütig legt er seine Finanzen offen. Rund 150'000 Franken verdienen er und seine Frau zusammen pro Jahr, aktuell geben sie rund 8000 Franken monatlich für die vierköpfige Familie aus, den Rest des Lohns, also rund 4500 Franken, investieren sie in Fonds.

Das ist mehr, als manch einer in einem Vollzeitjob verdient. Den Vorwurf, dass sich nur Gutverdienende das Fire-Konzept leisten können, lässt Thomas Kovacs aus Zollikon ZH aber nicht gelten. «Ich habe schon von meinem Lehrlingslohn Aktien gekauft. Es dauert halt einfach länger, bis man die finanzielle Freiheit erreicht hat.» Der 22-jährige Informatiker verdient 6000 Franken, braucht als Minimalist aber nur knapp die Hälfte zum Leben, den Rest legt er an. Das nötige Wissen hat er sich selber beigebracht – dank Biografien wie jener von Warren Buffett, ­Büchern über intelligentes Investieren und dank Fire-Blogs. «Es ist perfid: Fast ­alles im Leben wird von Geld bestimmt, aber in der Schule bringen sie einem kaum etwas über das ­Finanzsystem bei», sagt Kovacs, der als «Thomas der Sparkojote» übers «Sparen, Investieren und Abkassieren» bloggt. Mit den Finanzen sei es wie im Sport: Wenn man gut darin sein wolle, müsse man sich intensiv ­damit beschäftigen.

Der Millionär in der Zweizimmerwohnung

Kovacs weiss genau, dass er heute vor drei Jahren sechs Franken für einen Starbucks-Kaffee ausgegeben hat – in einer Budget-App hält er alles penibel fest. «Sparsam und geizig sein ist aber nicht dasselbe», betont er. Man müsse sich auch mal etwas gönnen. Wenn man den Gürtel zu schnell zu eng schnalle, bestehe die Gefahr, die Motivation zu verlieren. Die Folge: der Jo-Jo-Effekt. Lieber schränkt sich Kovacs dort ein, wo es nicht wehtut. So wählt er etwa das günstigste Handy-Abo und nimmt dafür einen schlechteren Kundenservice in Kauf. Eine Million will er bis 30 auf dem Konto haben.

Diese Zahl hat der 41-jährige Rico Pelli, der ebenfalls anonym bleiben will, bereits erreicht. Der gebürtige Italiener lebt und arbeitet seit Jahren in der Deutschschweiz, schreibt nebenher den Blog «Retire in Progress» und bezeichnet sich als eine Mischung aus Künstler und Geek mit «tausend Interessen und Ideen». Obwohl er 250'000 Franken pro Jahr verdient und sich locker eine Penthouse-Maisonnette leisten könnte, lebt er mit seiner Frau und der drei Monate alten Tochter in einer Zweizimmerwohnung, 50 Quadratmeter für 1385 Franken pro Monat.

Sparen, ohne dass es sich nach Verzicht anfühlt

Das bescheidene Leben empfindet Pelli aber nicht als Verzicht, sondern als Vergnügen: «Ich habe grossen Spass, möglichst effizient mit meinem Geld und meiner Zeit umzugehen. Dinge, die ich mag, kosten entweder nichts oder sind sehr günstig.» Lesen, sich weiterbilden, schreiben, wandern, rennen, schauspielern, kreativ sein. Er stehe weder auf Autos noch auf teure Klamotten, und mit seiner selbst gemachten Pizza könne kein Restaurant mithalten. Mehr Geld mache ab einem gewissen Punkt nicht glücklicher, mehr Zeit hingegen schon. Höchstens eine grössere Bleibe wäre schön.

Am Anfang sparte er für den Fall, dass er einmal für ein paar Monate arbeitslos werden sollte, eine eigene Arbeitslosenversicherung sozusagen. Später gefiel ihm die Vorstellung, auch mal ein Risiko eingehen zu können und zum Beispiel den Job zu kündigen, um eine Weiterbildung in Angriff zu nehmen. Er las alle möglichen Bücher und Blogs – «Mr. Money Mustache», «Early Retirement Extreme», «The Simple Dollar» oder «Get Rich Slowly» – und dachte sich: Das kann ich auch.

«Vorsorge ist aber kein Casino, Vorsorge braucht Sicherheit.»Mario Huber, Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbandes

In einem halben Jahr, spätestens aber Anfang 2020, sei er bereit für «Plan Freiheit»: den Job kündigen, mit der Familie in seine erste Heimat Italien ziehen und dort von rund 4000 Franken Zinsen monatlich leben, ein feudaler Betrag, sogar in einer teuren Stadt. Seine Frau tendiert jedoch zu «Plan Komfort»: mindestens fünf Jahre weiterarbeiten, bis die 2 bis 2,5 Millionen erreicht sind für ihre finanzielle Freiheit in der Schweiz.

Aber kann das Fire-Konzept überhaupt aufgehen? «Theoretisch ja, es gibt aber diverse Fallstricke», sagt Mario Huber, Präsident des Schweizerischen Finanzberaterverbandes. Um in Zeiten von Null- und Minuszinsen die benötigten 4 Prozent zu erreichen, müsse man relativ risikoreich anlegen. «Vorsorge ist aber kein Casino, Vorsorge braucht Sicherheit.» Hinzu komme, dass man im Alter nicht die volle Rente erhalte, wenn man sich frühzeitig aus dem Erwerbsleben ausklinke.

Was aber stellt man mit all der Freizeit an?

Der eigentliche Knackpunkt sei ­jedoch das Psychologische. Denn was, wenn die Ausgaben plötzlich unerwartet steigen? Wenn die Börse nicht mitspielt? Ein Gewinn befriedige viel weniger, als ein Verlust schmerze, weiss Huber; nur wenige könnten Perioden aushalten, in denen das Vermögen schrumpfe statt wachse. «Man kann sich zwar intellektuell darauf einstellen, aber wenn das finanzielle Überleben davon abhängt, frage ich mich, ob man sich noch wohlfühlt.»

Eine Frage, die auch Rico Pelli beschäftigt. Er habe diverse Rat­geber über Gier und Angst gelesen. Die Gier glaubt er im Griff zu haben; er halte sich an den Rat von Warren Buffett: «Be fearful when everybody else is greedy, and be greedy when everybody else is fear­ful.» Wenn alle auf einen Hype aufspringen, bleibt Pelli vorsichtig und umgekehrt. Die Sache mit der Angst sei schon schwieriger. Kaum einer der Fire-Blogger habe je eine Rezession erlebt, die letzte liege fast zehn Jahre zurück, und die nächste stehe vielleicht kurz bevor. Er arbeite aber an sich, damit er nicht in Panik gerate, wenn das ­Familienvermögen plötzlich schrumpft, und lege bis dahin einfach weniger risikoreich an.

Nur das tun, worin man einen Sinn sieht

Bleibt die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, sich bereits bei Halbzeit aus der Erwerbswelt auszuklinken. Was, bitte, soll man mit all der Zeit anstellen, wenn man keine Aufgabe hat? Zudem braucht es Mut, sich komplett auf sein Erspartes zu verlassen – einem Durchschnittsschweizer, eher über- als unterversichert, würde man das kaum zutrauen. Und da ist die Gefahr, sich aus dem sozialen Gefüge einer Gesellschaft auszuklinken, in der Leute ohne geregelte Arbeit suspekt sind. Das alles muss man aushalten können.

«Niemand will den Rest seines Lebens in einer Hängematte verbringen», sagt Pelli, jedenfalls keiner, der die Fire-Idee lebe. Er könne sich vieles vorstellen: sich als Stand-up-Comedian versuchen, Finanzkurse für Schüler anbieten, Computerspiele entwickeln, ein Software-Start-up gründen. Ziel sei die finanzielle Freiheit, das tun zu können, worin man einen Sinn sehe. Wie beim bedingungslosen Grundeinkommen. Es geht nicht darum, nie mehr arbeiten zu wollen, sondern darum, nie mehr für Geld arbeiten zu müssen. Wie Marc Pittet ab seinem «Fuck you»-Day. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 18.08.2018, 22:14 Uhr

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