Für Lauber wird es eng

Vier Ex-Fussball-Funktionäre werfen dem Bundesanwalt Befangenheit im Fifa-Dossier vor. Kein harmloses Manöver.

«Courant normal»: Bundesanwalt Michael Lauber. Foto: Keystone

«Courant normal»: Bundesanwalt Michael Lauber. Foto: Keystone

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Der Fall Fifa ist eines der explosivsten Dossiers der Bundesanwaltschaft: Nirgends ist das Interesse der Weltöffentlichkeit so gross, nirgends sind die Beschuldigten – darunter Sepp Blatter und Franz Beckenbauer – so prominent.

Ausgerechnet dieser Fallkomplex ist nun aber ins Schlingern geraten, weil Bundesanwalt Michael Lauber sich 2016 und 2017 dreimal informell mit dem Fifa-Präsidenten Gianni Infantino traf. Recherchen zeigen, dass nun mindestens vier beschuldigte Fussball-Funktionäre zum Gegenangriff übergehen. Sie wollen erzwingen, dass Lauber und seine Ermittler den Fall abgeben müssen. Grund: Befangenheit. «Wir können bestätigen, dass wir deswegen ein Ausstandsbegehren eingereicht haben», sagen die Genfer Anwälte Elisa Bianchetti und Patrick Hunziker, die den Ex-Fifa-Generalsekretär Jérôme Valcke vertreten.

Wenn das Bundesstrafgericht in Bellinzona nur eines der Begehren gutheisst, würde das die Untersuchung um Monate oder gar Jahre verzögern. Was die ganzen Ermittlungen gefährden könnte.

Franz Beckenbauer unter den Beschuldigten

Nirgends zeigt sich das deutlicher als im Dossier «Sommermärchen». Dort geht es um die Frage, ob die Vergabe der WM 2006 nach Deutschland gekauft war. Dieser Fall verjährt im April 2020, bis dann muss ein erstinstanzliches Urteil vorliegen. Auch hier attackieren die Verteidiger den Schweizer Bundesanwalt: «Wir haben vor wenigen Wochen ein Ausstandsbegehren eingereicht», sagt Nathan Landshut, der Horst R. Schmidt vertritt, einen Ex-Generalsekretär des Deutschen Fussballbunds (DFB).

Ein weiterer Antrag stammt von Wolfgang Niersbach. Als der Ex-Präsident des DFB im April vom dritten Treffen zwischen Lauber und Infantino erfuhr, habe er die Bundesanwaltschaft um Einsicht in die Dokumente gebeten, die dieses Treffen belegen, sagt sein Schweizer Anwalt Bernhard Isenring. Auf diese Bitte habe er aber unverständlicherweise bis heute keine Rückmeldung erhalten. Erst daraufhin sei der Antrag eingereicht worden.

Zu den Beschuldigten gehören auch Franz Beckenbauer, Ex-DFB-Präsident Theo Zwanziger und Ex-Fifa-Generalsekretär Urs Linsi; mindestens einer von ihnen hat ebenfalls einen Antrag eingereicht.

Von den drei Tête-à-têtes existieren keine Aufzeichnungen

Die Argumente sind immer dieselben. Der Bundesanwalt habe durch die Treffen mit Gianni Infantino im Berner Hotel Schweizerhof und im Restaurant Au Premier im Zürcher Hauptbahnhof das Vertrauen in seine Unabhängigkeit zerstört. Und wenn der Chef kontaminiert sei, erfasse das auch seine Untergebenen, selbst wenn sie im Schweizerhof nicht dabei waren. Schliesslich könne Lauber ihnen Weisungen erteilen.

Von den drei Tête-à-têtes existieren keine Aufzeichnungen. Die Fifa ist in den Verfahren aber geschädigte Partei, und Parteikontakte sind zu dokumentieren. So hielt es die Aufsichtsbehörde über die Bundesanwaltschaft (AB-BA) im November 2018 ausdrücklich fest. Und rüffelte Lauber wegen der fehlenden Protokolle.

Disziplinarverfahren gegen Lauber möglich

Ausstandsbegehren sind eine beliebte Waffe von Verteidigern. Oft schmettern Richter solche Gesuche schnell ab. Im Fifa-Fall besteht aber laut dem Basler Strafrechtsprofessor Mark Pieth eine «echte Gefahr», dass die Gerichte den Bundesanwalt in allen Fifa-Verfahren für befangen erklären. Es könne sein, dass die Gerichte verlangen würden, das Fifa-Dossier einem Sonderstaatsanwalt zu unterstellen, so Pieth: «Die Verfahren sind wegen der sorglosen Treffen Laubers gefährdet.»

Die AB-BA will in den nächsten Tagen entscheiden, ob sie ein Disziplinarverfahren gegen Lauber eröffnet. Und am 15. Mai muss Lauber vor der Gerichtskommission antraben, die entscheidet, ob sie ihn zur Wahl für eine dritte Amtszeit vorschlägt.

Die mögliche Befangenheit des Bundesanwalts spaltet die Fachwelt. Der Zürcher Anwalt und Ex-Staatsanwalt David Zollinger sagt, die Vorwürfe der Verteidiger seien sicher «nicht harmlos». Er glaube aber nicht, dass die Gerichte deswegen gleich alle beteiligten Ermittler als befangen erklären würden. «Ich vermute, dass es bei einer Rüge bleibt.»

Treffen als «Courant normal» verteidigt

Die Bundesanwaltschaft antwortet nicht auf Fragen zur Befangenheit, sondern verweist ans Bundesstrafgericht. Von dort kommt auf Anfrage ein «No Comment» zurück. In der «Samstagsrundschau» von SRF hat Lauber die Treffen letzte Woche als «Courant normal» verteidigt.

Nun sind die Bundesstrafrichter am Zug, die vor einer weitreichenden Entscheidung stehen. Klar ist, dass sie die Begehren nicht auf die Schnelle abschmettern: Das erste wurde am 6. November 2018 abgeschickt, vier Tage nach Bekanntwerden der Geheimtreffen durch die «Football Leaks»-Recherchen. Es liegt also schon seit Monaten auf den Schreibtischen der Richter.



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Erstellt: 05.05.2019, 18:04 Uhr

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