«Für manche Kinder ist das wie Heroin aus der Steckdose»

Internetsucht, Übergewicht, Schule schwänzen – der Arzt Wolfgang Siegfried über einen Teufelskreis, der Jugendliche krank macht.

Kaum mehr Schlaf, Energydrinks zum wach halten: Wolfgang Siegfrieds junge Patienten verbringen bis zu zwölf Stunden, manchmal zwanzig Stunden am Bildschirm. (Foto: Keystone)

Kaum mehr Schlaf, Energydrinks zum wach halten: Wolfgang Siegfrieds junge Patienten verbringen bis zu zwölf Stunden, manchmal zwanzig Stunden am Bildschirm. (Foto: Keystone)

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Wolfgang Siegfried, 64, ist ärztlicher Leiter der Insula, eines Rehazentrums für übergewichtige Jugendliche in der Nähe des bayrischen Berchtesgaden. Hier werden Teenager und junge Erwachsene behandelt, die unter Fettsucht leiden. Viele sind gleichzeitig zwanghafte Onlinenutzer und Schulabbrecher. Auch Jugendliche aus der Schweiz werden hier therapiert. In seinem neuen Buch «Zocken, futtern, Schule schwänzen» warnt Siegfried vor den Folgen der Smartphone- und Internetabhängigkeit. Der Mediziner spricht bereits von einer neuen Krankheit: dem ISO-Syndrom.

Herr Siegfried, wie viel Zeit verbringen Sie am Smartphone?
Sicher ein paar Stunden pro Tag. Letztes Jahr habe ich mal eine Woche Urlaub gemacht und internetgefastet. Es war wunderbar.

Keine Entzugserscheinungen?
Nein, es war richtig gut, kein Handy zu haben und einfach stundenlang ein Buch zu lesen, ohne dass es ständig kling-klong macht, weil eine Whatsapp-Meldung reinkommt. Ich empfehle, dass auch Familien zwischendurch mal handy- und internetfasten. Für Jugendliche, die da mitmachen sollen, ist das oft ein riesiges Problem. Sie fühlen sich sofort abgekoppelt von ihren Freunden, abgekoppelt von der ganzen Gesellschaft.

Sie behandeln seit über 20 Jahren Kinder und Jugendliche. Was hat sich verändert?
Wir sind gehäuft mit dem Phänomen konfrontiert, dass krankhaft übergewichtige Kinder und Jugendliche nicht mehr nur eine Esssucht haben, sondern zusätzlich an einer Internetabhängigkeit leiden und nicht mehr zur Schule gehen.

Folgt man Ihnen, treten diese Phänomene mittlerweile bei so vielen jungen Leuten zusammen auf, dass Sie das zu einem eigenen Krankheitsbild zusammengefasst haben.
Wir sehen diese Trias so häufig und in zunehmendem Mass, dass ich finde, sie verdient einen eigenen Namen. Wir nennen es ISO-Syndrom. I für Internetsucht, S für schulvermeidendes Verhalten, O für Obesitas, also krankhaftes Übergewicht.

Als wir noch kein WLAN hatten, schwänzten Patienten Therapieeinheiten, um nach Berchtesgaden zu laufen, dort freies WLAN am Bahnhof zu nutzen und Serien herunterzuladen.Arzt Wolfgang Siegfried

Was kommt zuerst: Ist die Mediensucht Auslöser für Übergewicht und Schule schwänzen oder eine Folge davon?
Das ist schwierig zu beantworten. Die Betroffenen haben ein Symptom und bekommen die anderen beiden fast automatisch hinzu. Aus unserer Wahrnehmung ist es so, dass am Anfang immer häufiger die Mediensucht steht. Der Beginn kann aber auch das Übergewicht sein, die betroffenen Kinder und Jugendlichen werden in der Schule gehänselt und gehen deswegen nicht mehr hin. Und was machen sie zu Hause? Langweilen sie sich? Nein, die sind alle im Internet.

Der Arzt Wolfgang Siegfried. Foto: Julian Baumann

Wie viele Ihrer Patienten sind internetsüchtig?
Etwa 30 Prozent. Sie zocken, naschen und schwänzen oft die Schule. Neben Patienten aus Deutschland behandeln wir auch Jugendliche aus Österreich und der Schweiz.

Wer die Schule schwänzt, hat noch mehr Zeit totzuschlagen und ist noch öfter online.
Es ist ein Teufelskreis. Wenn ein Schüler stundenlang bis morgens um vier vor seinem Bildschirm sitzt, dann wird er nicht um sieben aufstehen und in die Schule gehen. Der bleibt im Bett liegen. So entsteht schulvermeidendes Verhalten. Wir haben die Patienten in unserer teilbetreuten Wohngruppe mal testweise gewähren lassen. Da sah man oft, dass sie sich schön eingerichtet haben: Man rückt im Bett ein bisschen auf die Seite, damit noch Platz für die Mausmatte ist, vor sich den Bildschirm, und spielt liegend. Wenn man dann auch noch Essen kriegt und Heizung und Flatrate, ist die Welt für diese jungen Menschen eigentlich in Ordnung.

Aber normalerweise gibt es erst mal einen kalten Entzug, wenn sie zu Ihnen kommen?
Eine internetlose Zone einzurichten, würde nicht funktionieren. Wir nehmen ihnen auch das Smartphone nicht weg – sonst würden die meisten sofort abreisen. Wenn sie zu uns kommen, gehört zu den ersten Fragen, wie der WLAN-Code lautet. Einige rücken auch mit Spielkonsolen ein. Die dürfen sie aber nur zu bestimmten Zeiten nutzen. Auch WLAN für die Smartphones gibt es nicht uneingeschränkt. Aber es ist schwierig zu kontrollieren. Es gibt Patienten, die Funkinternet haben. Damit richten sie einen Hotspot für andere ein, die so über ihr Handy auch noch ins Internet kommen.

Warum gibt es in einem Rehazentrum für Mediensüchtige überhaupt WLAN?
Wir haben das lange diskutiert. Das Hauptargument war, dass sie das zu Hause auch haben, in der Regel sogar unbegrenzt. Die Jugendlichen müssen lernen, damit umzugehen. Wir führen dazu Seminare zur Medienkompetenz durch, wo wir ihnen zeigen, was sie süchtig macht, wo sie abgezockt und ausgehorcht werden. Als wir noch kein WLAN hatten, schwänzten Patienten Therapieeinheiten, um nach Berchtesgaden zu laufen, dort freies WLAN am Bahnhof zu nutzen und Serien herunterzuladen. Auch eine in der Nähe liegende Jugendherberge wurde belagert, die den Gästen freies WLAN zur Verfügung stellt.

Wenn Sucht entsteht, dominieren bei den Mädchen die sozialen Medien wie Facebook oder Instagram. Die Jungs spielen eher Online-Rollenspiele.Arzt Wolfgang Siegfried

Offenbar kam es auch zu unschönen Szenen, wie Sie im Buch schildern.
Ein Patient finanzierte sein mobiles Internet, indem er das Passwort gegen Bezahlung an andere herausgab. Das WLAN hatte den Namen «Ich habe WLAN und du nicht». Dann gab es einen Zwischenfall mit einem jungen Mann, nennen wir ihn Klaus. Zunächst lief alles gut, aber irgendwann wollte er unbedingt ins Internet und schüchterte eine Patientin ein, damit sie ihm auf ihrem Handy einen WLAN-Hotspot einrichtet. Klaus hat viele Horrorvideos angeschaut und zitierte daraus den Satz: «Ich esse Menschenfleisch.» Das Mädchen war so geschockt, dass sie ihm sofort einen Hotspot einrichtete und am nächsten Tag abreiste.

Was hatte Klaus denn so Dringendes im Internet zu erledigen?
Er wollte nachschauen, ob er beim Onlinespiel «Metin2», einer fernöstlichen Fantasysaga, von Millionen Spielern immer noch auf Platz eins ist. Ich war bei diesem Vorfall gerade in Salzburg beim Tangotanzen. Ein Mitarbeiter rief mich an, ich fuhr zurück. Die Mädchen waren alle wahnsinnig aufgebracht, hellwach und trieben sich gegenseitig fast in die Hysterie. Wer schlief, war Klaus. Er hatte ja die gewünschte Information bekommen und war zufriedengestellt.

Wie viel Zeit verbringen Jugendliche im Internet, bevor sie bei Ihnen in der Reha landen?
Wenn mir jemand sagt, es seien täglich sechs bis acht Stunden, bin ich noch ganz entspannt. Aber da sind auch Patienten dabei, bei denen sind es zwölf Stunden, manchmal sogar zwanzig Stunden. Die sind zu Hause nur noch im Kinderzimmer, kommen auch zum Essen nicht mehr raus, schlafen sehr wenig. Manche benutzen sogar Energydrinks, um sich wach zu halten.

Sind davon mehr Jungs oder Mädchen betroffen?
Wenn Sucht entsteht, dominieren bei den Mädchen die sozialen Medien wie Facebook oder Instagram. Die Jungs spielen eher Online-Rollenspiele. Sie haben eine Art Abenteurer-Ehrgeiz, wollen sich beweisen und Erfolg haben. Das törnt sie an. Diese Spiele sind mittlerweile so hoch aufgelöst wie ein normaler Spielfilm, aber man kann den Verlauf selbst beeinflussen. Man ist eine Figur in diesem Spiel, und das ist für die Jugendlichen so irre, dass sie da nicht mehr loslassen können.

In der modernen Welt quillt uns das Internet fast aus den Knopflöchern. Überall ist Internet. Arzt Wolfgang Siegfried

Und was machen die sozialen Medien für Mädchen so reizvoll?
Man chattet, möchte sich vielleicht übers Internet verlieben. Oder man sucht einen Partner, mit dem man sich anonym über ein Problem unterhalten möchte, was man gar nicht könnte, wenn man dem anderen in die Augen schaut. Wir haben mal einen kurzen Ausflug zu einem Tierheim gemacht, das in einem Alpental liegt. Dort gab es kein Internet. Einige Mädchen sind schier ausgeflippt, weil sie da kein Internet und keinen Kontakt mehr zu ihren Freunden hatten, und wenn da was passiert, wissen sie das nicht.

Haben Sie mehr Jungs oder Mädchen in der Klinik?
Früher waren es zwei Drittel Mädchen und ein Drittel Jungs. Wir nahmen an, dass die Mädchen mehr unter dem Schönheitsideal leiden als die Jungs. Frau Merkel wäre wahrscheinlich mit dem Gewicht von Helmut Kohl auch nicht Bundeskanzlerin geworden. Mittlerweile sind zwei Drittel unserer Patienten Jungs. Das könnte mit dem ISO-Syndrom zusammenhängen. Die Jungs sind davon zehnmal häufiger betroffen als die Mädchen.

Fast jeder hat ein Handy, aber längst nicht jeder zeigt dieses ISO-Syndrom. Warum?
Das hängt mit den allgemeinen Lebensbedingungen zusammen. Wir stellen fest, dass eine gut funktionierende Familie, in der ein aktives Leben vorgelebt wird, ein viel geringeres Risiko hat, dass die Kinder mediensüchtig werden. Eine Garantie ist das aber nicht. Ich habe auch Kinder aus gut funktionierenden Familien gehabt, wo die Eltern verzweifelt sind, das Vorhängeschloss am Kühlschrank montierten, nachts das WLAN ausschalteten, und der Sohn besorgte sich doch irgendwie sein Internet.

Warum rutschen Jugendliche überhaupt in die Internetsucht?
Manchmal reicht schon eine Lebenskrise. Der eine wird von der Freundin verlassen, der andere ist nicht mehr in der ersten Mannschaft seines Fussballvereins und spielt stattdessen zu Hause am Computer «Fifa».

Eine solche Onlinesucht entsteht ja nicht von heute auf morgen, greifen Eltern nicht rechtzeitig ein?
Wie wollen Sie denn eingreifen als Eltern? Das Kind will irgendwann mal ein Smartphone. Sie stehen nicht den ganzen Tag daneben und überwachen das. In der modernen Welt quillt uns das Internet fast aus den Knopflöchern. Überall ist Internet. Das als Eltern zu verwalten, damit die Kinder nur begrenzten Zugang haben, ist richtig schwierig.

Als agiler Avatar in herausfordernden Welten unterwegs zu sein ist natürlich spannender als der Mathe-Unterricht in der Schule. Arzt Wolfgang Siegfried

Wie kann man als Mutter oder Vater merken, dass der Medienkonsum des Kindes aus dem Ruder läuft?
Wenn sich Kinder immer mehr zurückziehen, lieber allein sein wollen, kann das ein Alarmzeichen sein. Was machen die da allein? Wahrscheinlich sind sie im Internet. Und auch das Vokabular ändert sich.

Inwiefern?
Sie sagen zum Beispiel nicht mehr: «Ich bin online»; das ist viel zu lange. Sie sagen: «Ich bin on.» An diesem Internetslang können die Eltern merken, wenn sich bei heranwachsenden Kindern, die seit kurzem ein Smartphone haben, etwas ändert.

Gibt es Eltern, die das Kind trotz exzessivem Internetkonsum gewähren lassen, weil sie den Liebesverlust fürchten?
Ja, das kommt vor. Wenn man sich als Eltern nicht in der Lage sieht, mit den Kindern offen darüber zu sprechen, muss man sich Hilfe holen. Entweder beim Kinderarzt oder einem Kinder- und Jugendpsychologen. Man kann auch im Netz Hilfe finden. Absurderweise gibt es heute sogar Computerspiele zur Behandlung des Computerspielens.

Wie oft können Sie medienabhängige Jugendliche wirklich heilen?
Leider gibt es hohe Rückfallquoten, wie im gesamten Suchtbereich. Es ist schwierig, jemanden ins reale Leben zurückzuholen, der unbeweglich und von der realen Welt abgeschnitten in seinem Kinderzimmer-Sessel sitzt und auf dem Bildschirm als schlanker, agiler Avatar in herausfordernden Welten unterwegs ist. Das ist natürlich spannender als der Mathe-Unterricht in der Schule. Für manche Kinder ist das Internet wie Heroin aus der Steckdose. Es ist leider so, dass man nicht alle erfolgreich behandeln kann.

Was passiert dann mit diesen Jugendlichen?
Wenn sie plötzlich merken, dass sie nicht mehr zurück in die analoge Welt kommen, entstehen Depressionen und Suizidgedanken. Sie werden zum Fall für die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Aber da finden sie oft keinen Platz. Dann kommen sie zu uns in die Insula-Langzeittherapie, und wir dürfen die Arbeit der Psychiater machen.

So eine Therapie ist teuer. Wer trägt die Kosten?
Oft muss das Jugendamt einspringen, wenn Krankenkassen nicht zahlen wollen. Das Institut St. Josef Guglera im freiburgischen Giffers in der Schweiz, das nach dem gleichen Konzept wie unser Rehazentrum gearbeitet hat, musste aus Geldmangel schliessen. In Deutschland haben wir ähnliche Probleme. Das darf nicht sein. Wir haben viel zu wenig Lehrlinge, weil Jugendliche den Anschluss verpassen – die bleiben uns alle irgendwo im Kinderzimmer vor ihren Bildschirmen hocken.



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Erstellt: 28.09.2019, 21:30 Uhr

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Leiter des Rehazentrums



Der Deutsche Wolfgang Siegfried, 64, hat in Italien, Deutschland, Irland und den USA studiert und geforscht. Er ist Arzt für Innere Medizin, Sport- und Ernährungsmedizin. Seit 24 Jahren ist er ärztlicher Leiter des Rehazentrums Insula in Bischofswiesen bei Berchtesgaden, wo er hochgradig übergewichtige Jugendliche und junge Erwachsene behandelt. Siegfried lebt in Schönau am Königssee.

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