Garderobenwechsel

Transfrauen waren im Schweizer Eishockey nicht spielberechtigt. Dann kam Fabienne Peter.

Ihre Kinder haben nun zwei Mütter: Fabienne Peter im Dress des EHC Basel. Bild: Stefan Bohrer

Ihre Kinder haben nun zwei Mütter: Fabienne Peter im Dress des EHC Basel. Bild: Stefan Bohrer

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Eigentlich sind da keine Zweifel. Die Sehnsucht nach diesem Moment begleitet sie seit Jahren. Aber jetzt, wo sie da auf dem Spitalbett liegt und diesen schier endlosen Gang im Basler Unispital hinuntergeschoben wird, verstrickt sie sich in ihren Gedanken. Zu lange war sie gefangen. Im eigenen Körper. Führte Kämpfe. Spürte Ohnmacht. Hielt die Fassade aufrecht. Kommt es nun gut? Sie fragt sich ein letztes Mal, ob sie das wirklich will. Diese Geschlechtsangleichung, die sie nun auch äusserlich zur Frau werden lässt. Tief in sich drin weiss sie: Es ist nur eine rhetorische Frage.

Vier Monate später sitzt Fa­bienne Peter im Bistro der Kunsteisbahn Margarethen, rührt ihren Latte Macchiato und sagt: «Natürlich hatte ich Angst.» Da war diese Ungewissheit, wie sich ihr Leben verändern würde. Aber auch, wie die Menschen im Land reagieren würden, wenn sie in den Medien ihre Geschichte lesen. Fabienne Peter wollte sich nicht exponieren. Nur: Das, was sie bewegte, war eben schon erzählenswert. Diese Geschichte, wie sie beim Eishockeyverband die Regeländerung beantragte, dass künftig auch Transfrauen in den Schweizer Ligen spielberechtigt sind. Wie der Verband ihr Anliegen unbürokratisch umsetzte und sie zur ersten Transfrau im Schweizer Eishockey wurde.

Sie nimmt Hormone und erlebt eine zweite Pubertät

Fabienne Peter zwirbelt ihre blonden Locken und sagt: «Dass dieser sehr männlich konnotierte Sport so liberal mit dem Thema umgeht, ist bemerkenswert.» Vor einer Stunde ging ihr drittes Meisterschaftsspiel fürs Frauenteam des EHC Basel/KLH zu Ende. An diesem nasskalten Sonntagvormittag gab es einen 5:4-Sieg gegen den HC Engiadina. Vor den Spielen ist sie nervös. Auch, weil sie nicht wegen zu harten Einsatzes auffallen will. Gegen die Bündnerinnen musste sie einstecken. Fabienne Peter gewöhnt sich noch immer daran, dass ihr Körper nicht mehr so leistungsfähig ist, wie er es einmal war, als er noch Testosteron produzierte. Heute nimmt sie täglich Hormone zu sich und sagt: «Ich lerne meinen Körper nochmals neu kennen, erlebe quasi eine zweite Pubertät.» Vor allem aber sagt sie: «Ich bin glücklich.»

Es ist ein Satz, den sie in ihrem Leben viel zu lange nicht vorbehaltlos aussprechen kann. Bei ihrer Geburt wird sie aufgrund äusserer Merkmale für einen Jungen gehalten. Sie spürt bald: ein Fehler. Erst glaubt sie, dieses Gefühl verschwinde wieder, verhält sich im Alltag bewusst männlich. Sie spielt Eis- und Inlinehockey, macht eine Schreinerlehre, tritt der Feuerwehr bei und hat eine Freundin. Nur der innere Unfrieden, der bleibt. Später werden sie Ärzte einmal fragen, wie sie mit dieser psychischen Belastung knapp 30 Jahre leben konnte. Sie sagt: «Ich weiss es nicht.»

Irgendwann öffnet sie sich gegenüber ihrer Freundin. Die Freundin bleibt. Das Paar heiratet, wird Eltern von zwei Kindern. Eine ganz normale Familie. Noch. Mit 29 Jahren entscheidet sich Fabienne Peter, mit dem Eishockey aufzuhören. «Ich fühlte mich in der Männergarderobe zunehmend unwohl.» Kaum sind die Schlittschuhe im Keller, kommt der Tag, an dem die Sehnsucht nach Veränderung unerträglich wird. Sie spricht mit ihrer Familie, spürt Beistand, geht zum Arzt.

«Zu Beginn war ich scheu. Ich wusste nicht, ob ich mich adäquat verhalte.»

Fabienne Peter löffelt den Milchschaum aus ihrer Tasse, lächelt und sagt: «Ja, unser Familienbild hat sich verändert.» Ihre Kinder haben nun zwei Mütter. «Das führt bei Formularen immer wieder zu Irritationen, weil es dann heisst, dass der Vater fehle.» Sie erklärt dann gerne.

Das tat sie auch bei ihrem ersten ­Training in Basel. Für ihre neuen Teamkolleginnen zeichnete sie ihren zweijährigen Transitionsprozess nach. Von der ersten Hormoneinnahme bis zur Operation. So selbstverständlich Fabienne Peter Auskunft gab, so unsicher war sie danach in der neuen Garderobe. «Zu Beginn war ich scheu. Ich wusste nicht, ob ich mich adäquat verhalte.»

Einer, der das weiss, ist Tasso Dumoulin, ihr Trainer. «Fabienne hat sich wunderbar integriert», sagt er. Die beiden kennen sich schon lange. Auch deshalb spricht er sie manchmal aus Versehen noch mit jenem männlichen Vornamen an, auf den sie früher hörte. Dumoulin war es auch, der die Transfrau beim Antrag zur Regeländerung unterstützte. Nun hofft er, dass ihr bald der erste Skorerpunkt gelingt.

«Ich kriege so viel Aufmerksamkeit, dabei waren da so viele Menschen involviert.»

Doch viel mehr als ein Tor gibt der Stürmerin im Moment die Gewissheit, dass man ihr auf dem Eis mit Respekt begegnet. Keine Sprüche. Keine Anfeindungen. Kürzlich fragte sie eine Gegnerin gar, ob sie ihr für eine Vertiefungsarbeit ein paar Fragen übers Fraueneishockey stellen dürfe, weil sie doch eine völlig neue Perspektive habe.

Wenn Fabienne Peter über sich spricht, tut sie das behutsam. Ohne Hast. Irgendwann sagt sie an diesem Sonntagmittag: «Das ist schon verrückt. Ich kriege so viel Aufmerksamkeit, dabei waren da so viele Menschen involviert. Sie haben meine Geschichte möglich gemacht.» Sie denkt an ihre Ehefrau. Ihre Kinder. Ihre Eltern. Ihre Ärzte. Ihre Freunde.

Zum Abschluss sagt sie: «Meine Geschichte wird in den Medien gehypt, weil ich ein gelungenes Beispiel bin. Aber das ist nicht gewöhnlich. Es gibt viele Transmenschen, die nicht so viel Unterstützung in ihrem Umfeld geniessen.» Fabienne Peter ist vieles: Mahnerin, Ratgeberin, Inspiration. Vor allem aber hat sie eine Botschaft: Der Garderobenwechsel hat sich gelohnt.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 04.11.2018, 13:16 Uhr

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