Zum Hauptinhalt springen

Gas geben mit zittrigen Fingern

Milo Rau über die allerschlimmste Geisel der Greise.

Wir leben in einer Zeit der absichtlichen Missverständnisse, der Rufmordkompagnen und des Shamings. Aktuell besonders beliebt ist die sogenannte Trauerkritik: «Wie kannst du um Notre-Dame trauern, wenn gleichzeitig Aleppo komplett zerstört wird?» Auf Platz zwei steht ein Klassiker: das seit vielen Jahren beliebte Bashing des «weissen alten Mannes». Da das Adjektiv «weiss», wie der 73-jährige ­Roger Schawinski vor ein paar Tagen richtigerweise bemerkt hat, im schweizerischen Kontext wenig Sinn macht: Was ist so schlimm an alten Männern?

Natürlich: Wir nerven alle. Frauen genauso wie Männer, Kinder genauso wie Greise, Homosexuelle genauso wie Heteros, Linke wie Rechte. Meistens nervt uns, was sich wiederholt und was wir zudem von irgendwoher kennen. Ein einziger nervöser Huster ist egal, aber ein ständiges Husten nervt. Zudem ­erinnert es uns auch noch an jenen Onkel, der uns schon als Kind ins Ohr gehüstelt hat. Wir alle sind eben nicht so einzigartig, wie wir gern wären.

Warum aber nerven alte Männer besonders? Zum einen natürlich aus strukturellen Gründen. Nicht der konkrete «alte Mann» nervt, sondern das Patriarchat als Herrschaftsstruktur. Bequem herumsitzen, ungefragt die Welt erklären und peinliche Scherze machen – wer sich an diese Insignien männlicher Macht nicht erinnert, soll mal wieder «Mad Men» gucken. Doch lassen wir das Strukturelle mal beiseite.

Für jeden sinnlosen Monolog muss ich auf der Probe 50 Cent bezahlen.

Was mich angeht, wäre da zuerst der Tastenhacker. In jedem Bahnabteil gibt es ihn: den Leiter ­irgendeines mittelständischen Unternehmens, der Zahlenreihen in eine ­Excel-Tabelle hackt, als ginge es um die Rettung der Welt. Der triumphierende Schlag auf die Return-Taste ist sein Markenzeichen.

Dann der Räusperer: Er leidet unter einer permanenten Kröte im Hals, und mindestes alle 15 Sekunden will er sich davon befreien. Das wäre nicht so schlimm, wäre da nicht diese spezifische tonale Qualität. Ein echtes Altmänner-Räuspern klingt, als würde sich dahinter ein feuchter, lustvoll zelebrierter Schrei verbergen. Unmöglich, sich in seiner Nähe auf irgendetwas zu konzentrieren.

Die allerschlimmste Geisel der Greise ist aber die Harley Davidson. Es gibt nichts Traurigeres als die in frisches schwarzes Leder gekleideten Gruppen von Pensionären, die sonntags auf ihren Maschinen ausfahren. Vor allem nichts Lauteres. Ich wohne an der Kölner Stadtautobahn, und jeden einzelnen Motorrad-Greis hört man über viele Minuten hinweg. Wie oft sind meine Töchter, wenn zittrige Finger und gichtige Füsse Gas gaben, aus dem Schlaf geschreckt!

Ich weiss: Diese Beobachtungen sind niveaulos. Zudem spreche ich, wie so oft, über mich selbst, denn auch ich bin ein Mann und werde nicht jünger. Für jeden Räusperer und jeden sinnlosen Monolog muss ich auf der Probe 50 Cent bezahlen. So haben es die Dramaturginnen bestimmt.

----------

Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOS – App für Android – Web-App
Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch