Gefährlicher Schweizer Jihadist verhaftet

Auch nach dem Untergang des IS versuchen ausländische Terroristen, sich in Syrien zu verstecken. Der Genfer Daniel D. wurde aber von kurdischen Milizen in Gewahrsam genommen.

In Syrien inhaftiert: Daniel D. alias Abu Ilias al-Swissri.

In Syrien inhaftiert: Daniel D. alias Abu Ilias al-Swissri.

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Lange haben Behörden und Medien über den Verbleib von Daniel D. gerätselt. Der Genfer gehört zu den gefährlichsten Schweizer ­Jihadisten, die für den Islamischen Staat (IS) gekämpft hatten. Nun ist die Odyssee des 24-Jährigen aber zumindest vorerst zu Ende. Das hat die SonntagsZeitung von mehreren Quellen in Syrien und in der Schweiz erfahren.

Demnach haben die von Kurden dominierten Syrian Democratic Forces (SDF) den Konvertiten aus der Rhonestadt Mitte Juni in seinem Versteck aufgespürt. Bei der Aktion wurde der Jihadist verwundet. Daniel D. habe sich in der Nähe der Ortschaft Baghouz am Euphrat versteckt, zusammen mit anderen Personen. Inzwischen befindet er sich in einem kurdischen Gefängnis im Norden Syriens.

Baghouz war die letzte Hochburg des IS auf syrischem Boden gewesen, bis die SDF den Weiler Ende März mit amerikanischer Unterstützung eroberten. Dass es der Jihadist mit dem schütteren Bartwuchs schaffte, nach der Niederlage unerkannt unterzutauchen und sich drei Monate lang versteckt zu halten, ist bemerkenswert. Die Männer und Frauen, die bis zuletzt in Baghouz ausharrten, gehörten zu den radikalsten Mitgliedern der Terrororganisation. Viele der weniger überzeugten Jihad-Reisenden, unter ihnen ein Ehepaar aus Lausanne, entschieden sich schon viel früher, dem IS den Rücken zu kehren.

In der Liste der IS-Anhänger mit Terrorausbildung aufgeführt

Zu desertieren und sich zu ergeben war aber offenbar nicht nach dem Geschmack von Daniel D. Der Genfer versuchte der Gefangennahme um jeden Preis zu entgehen. Zum Zeitpunkt seiner Verhaftung befanden sich offenbar seine Frau, die er im Kriegsgebiet geheiratet hat, und der gemeinsame, knapp einjährige Sohn schon im gigantischen Internierungslager von al-Hol, das sich unter SDF-Kontrolle befindet. Die Kurden haben bisher keine Fotos von Daniel D. veröffentlicht.

Der junge Genfer ist nicht irgendein Jihadist. Er taucht als einziger Schweizer auf einer Interpol-Liste mit 173 Namen auf, alles Mitglieder einer «Märtyrer-Brigade» des IS, die für Terrorattentate ausgebildet wurden. Auf der Liste ist Daniel D. mit dem Kriegsnamen Abdullah Funsu al-Swissri verzeichnet. Bekannter ist der Mann allerdings unter dem Alias Abu Ilias al-Swissri. Neben dem Aargauer Thomas C., der möglicherweise nicht mehr am Leben ist, stufen Terrorismusfachleute Daniel D. als den wohl gefährlichsten IS-Jihadisten aus der Schweiz ein. So arbeitete Daniel D. beim IS für eine Abteilung, die für externe Operationen der Terrororganisation zuständig war.

Vom Kriegsgebiet aus hatte Daniel D. Kontakt zu den Genfern Kevin Z. und Nicholas P., die der Jihadist in der Grossen Moschee von Genf kennen gelernt hatte. Die beiden Konvertiten leben inzwischen in Marokko und bewegten sich eine Zeit lang im Umfeld jener Terroristen, die für den Mord an zwei jungen skandinavischen Touristinnen im letzten Dezember verantwortlich waren. Kevin Z. wurde deshalb am Donnerstag zu zwanzig Jahren in einem marokkanischen Gefängnis verurteilt – wegen «Bildung einer terroristischen Bande». Nicholas P. hatte schon früher zehn Jahre erhalten wegen Beteiligung an einer terroristischen Vereinigung. Ihm wurde zum Verhängnis, dass er Daniel D. kannte und ebenso dessen Freund und Kampfgefährten beim IS, Ramzy B., der ebenfalls in der Grossen ­Moschee von Genf verkehrte.

«Jihadistische Operation» in der Schweiz geplant?

Über verschlüsselte Messenger-Dienste kommunizierten Nicholas P. und Daniel D. auch noch, als dieser schon längst beim IS war. Wie das SRF-Magazin «10 vor 10» berichtete, schickte Daniel D. dem Genfer Bekannten später zum Beispiel ein Foto seines mutmasslich von einer amerikanischen Drohne getöteten Freunds Ramzy B. Dieser hatte kurz nach der Ausreise von Daniel D. im April 2014 ebenfalls Genf verlassen, um sich dem IS anzuschliessen. Wie die Tageszeitung «Le Temps» und «10 vor 10» enthüllten, erzählte der dritte Genfer Konvertit, Kevin Z., den marokkanischen Ermittlern in Verhören, dass Daniel D. nachgefragt habe, ob ihm Kevin Z. nicht seinen Schweizer Pass überlassen könne. Damit wollte er in die Schweiz reisen, um eine «jihadistische Operation» auszuführen.

Gemeint war wohl ein Terroranschlag, aber daraus wurde nichts. Kevin Z. informierte daraufhin sogar die Polizei. Dies erklärte die Nervosität der schweizerischen Sicherheitsbehörden, sobald der Name von Daniel D. fiel. Man wusste schlichtweg nicht, ob der Mann wirklich auf dem Rückweg in die Schweiz war. Diese Unsicherheit ist inzwischen der Gewissheit gewichen, dass der Jihadist in einem Gefängnis sitzt.

Daniel D. wuchs in Genf in einer katholischen Familie auf. Sein Vater ist Schweizer, seine Mutter Spanierin. Er hatte offenbar Mühe in der Schule und begann später eine Maurerlehre bei einer Genfer Baufirma – allerdings ohne grosse Begeisterung. Ende 2014 liess er die Lehre sausen und widmete sich dem Islam, häufig als Betender in der Grossen Moschee.

Dort predigten damals radikale französische Imame, und es bildete sich bald eine Gruppe junger und zunehmend radikalisierter Männer. Im Dunstkreis dieser «Jugendgruppe» operierten nicht nur Daniel D. und der tunesischstämmige Ramzy B., sondern auch Kevin Z. und Nicholas P., lange bevor die beiden Konvertiten nach Marokko auswanderten. Radikalisiert wurden die jungen Männer auch vom ebenfalls tunesischstämmigen Taxifahrer Sami C. Er gehörte unter anderem zu einer Chat-Gruppe auf dem verschlüsselten Messenger-Dienst Telegram, in der mindestens sechs spätere Jihad-Reisende aus der Genferseeregion mitmachten.

Seine Spuren versuchte er geschickt zu verwischen

Zwei von ihnen erhielten auch Ratschläge von Daniel D., wie sie am besten via Türkei nach Syrien ausreisen könnten. Die beiden Genfer, unter ihnen ein früherer Rechtsextremist, wurden jedoch in der Türkei verhaftet, bevor sie die syrische Grenze erreichten. Dem ehemaligen Neonazi schickte Abu Ilias al-Swissri alias Daniel D. ein angebliches Foto von sich aus Syrien, das aber in Wirklichkeit einen anderen Jihadisten zeigte. Es dauerte deshalb eine Weile, bis die schweizerischen Sicherheitsbehörden die wahre Identität von Abu Ilias herausfanden.

Diese kleine Episode zeigt, dass es sich bei Daniel D. um einen gewieften Jihadisten handelt, der seine Spuren zu verwischen sucht. Mit ihm befinden sich nun mindestens drei Schweizer IS-Gotteskrieger in kurdischer Haft. Sie stammen alle aus der Romandie.



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Erstellt: 21.07.2019, 00:28 Uhr

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