Beeinträchtigt das Insektenmittel auf Früchten den IQ von Kindern?

Das Insektizid Chlorpyrifos steht im Verdacht, der geistigen Entwicklung von Kindern zu schaden. Der Bund überprüft jetzt die Zulassung.

Auf Zitrusfrüchten haften häufig Chlorpyrifos-Rückstände. Bild: Gallery Stock/Karin Berndl

Auf Zitrusfrüchten haften häufig Chlorpyrifos-Rückstände. Bild: Gallery Stock/Karin Berndl

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Es kommt nicht oft vor, dass unabhängige Forscher einen Blick auf jene Daten werfen dürfen, mit denen Pestizidhersteller die Bedenkenlosigkeit ihrer Produkte gegenüber den Behörden belegen wollen. Solche Studien gelten normalerweise als Betriebsgeheimnis. Der Chemiker Axel Mie vom ­Karolinska-Institut in Stockholm hatte letztes Jahr eine dieser seltenen Gelegenheiten, und das Ergebnis stellt nun nicht nur die Sicherheitsbewertung eines speziell umstrittenen Insektizids infrage, sondern den gesamten Bewertungsprozess, wie er zurzeit in Europa vorgeschrieben ist.

Ausgangspunkt war das Insektizid Chlorpyrifos. Unter anderem auf Schalen von Orangen, Mandarinen und anderen Früchten gelangt es in die Supermärkte. Ende November 2018 hat die Europäische Kommission die Zulassung für diese Substanz bis zum 31. Januar 2020 verlängert. Das war nur wenige Tage, nachdem Mie und Kollegen ihre Entdeckung im Fachjournal «Environmental Health» veröffentlicht hatten. In der Schweiz wird Chlorpyrifos ebenfalls noch verwendet; derzeit überprüft das Bundesamt für Landwirtschaft die Bewilligung für das Pestizid.

Kleinere Kleinhirne nach dem Kontakt mit dem Pestizid

Ältere epidemiologische Untersuchungen hatten Hinweise darauf geliefert, dass Chlorpyrifos wie ein Nervengift wirkt und etwa die Hirnentwicklung bei Schulkindern beeinträchtigen könnte. Auch Tierversuche wiesen in ­diese Richtung. Mie machte das stutzig, denn solche Resultate standen im Widerspruch zu den Angaben, die der Hersteller Dow Chemical 1999 in den Zulassungsantrag an die EU geschrieben hatte. Die normalerweise unter Verschluss gehaltenen Rohdaten der Zulassungsstudie bekam Mie dank des schwedischen Informationsfreiheitsgesetzes von einer nationalen Behörde. Dann machte er sich an die Arbeit.

Dow Chemical hatte die Studie bei einem toxikologischen Labor in Auftrag gegeben. Im Ergebnisbericht, der bei der Zulassung berücksichtigt wurde, finden sich keine Hinweise auf neurologische Effekte bei den untersuchten jungen Ratten. Lediglich Tiere, deren Mütter extreme Chlorpyrifosmengen verabreicht bekamen, wiesen eine höhere Sterblichkeit nach der Geburt auf. Auch entwickelten sie sich langsamer und hatten etwas kleinere Gehirne. In der Zusammenfassung führten die Industrieforscher die verlangsamte Entwicklung der Tiere auf eine allgemeine Vergiftung zurück, keineswegs auf eine neurologische Wirkung.

Mie und seine Kollegin Chris­ti­na Rudén von der Stockholm University sowie Philippe Grand­jean von der Harvard School of Public Health kommen in ihrer Analyse der Originaldaten zu einem grundlegend anderen Ergebnis. Sie fanden kleinere Kleinhirne bei jenen Jungratten, deren Muttertiere dem Pestizid ausgesetzt waren. Dieser Effekt war schon bei der niedrigsten getesteten Dosis deutlich. Das gesamte Studiendesign sei nicht geeignet gewesen, um zuverlässig alle Effekte auf die Entwicklung des Gehirns – auch bei Menschen – entdecken zu können.

Spanische Behörden fiel nichts auf

Will ein Hersteller einen Pflanzenschutzwirkstoff in der EU zulassen, muss er seine Unterlagen beim «berichterstattenden Mitgliedstaat» einreichen. Dazu zählen auch Studien zur Sicherheit eines Wirkstoffs, die vom Hersteller in Auftrag gegeben werden und nicht etwa von den Behörden. Im Fall von Chlorpyrifos war Spanien für den Zulassungsantrag von Dow Chemical zuständig; den dortigen Behörden hätte alles bereits im Jahr 1999 auffallen müssen.

Es ist üblich, dass die Prüfbehörden Zusammenfassungen oder Bewertungen der Antragsteller in ihren Bericht kopieren, falls sie die Daten und Schlussfolgerungen für plausibel halten. Das prüfende Land schickt schliesslich seinen Bericht an die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA), die erneut prüft und den Bericht zur öffentlichen Diskussion freigibt. Von diesem Zeitpunkt an können sich auch die anderen EU–Mitgliedstaaten einbringen.

Was 1999 in Spanien geschah, lässt sich kaum rekonstruieren, die Behörde hat auf Anfragen nicht reagiert. Die EFSA gab es damals noch nicht. Mie kann nur spekulieren: «Die Aufgabe ist gewaltig, Hersteller reichen ja nicht nur eine Studie ein, sondern hundert oder mehr. Um die auf Ungereimt­heiten durchzusehen, braucht es Zeit und kompetentes Personal. Wer weiss, ob die Behörde 1999 die Studie überhaupt aufgemacht hat. Vielleicht hat sie sich auch auf die Zusammenfassung der Industrie verlassen.» Wie oft es passiert ist, dass sich die Behörden zu sehr auf das Urteil der Industrie verlassen haben, statt sich ein eigenes Bild zu machen, lässt sich ohne umfassenden Einblick in die Originalstudien nicht klären.

Auch Äpfel, Bananen, Rosinen und frische Kräuter betroffen

Dow Agrosciences schreibt in einer Stellungnahme, man kenne die Studie von Mie und Kollegen. Inhaltlich geht das Unternehmen nicht auf Mies Interpretation der Daten ein. Das Unternehmen weist dafür jede Anschuldigung, man habe Daten manipuliert oder betrogen, «streng zurück». Nur: Einen solchen Vorwurf haben die drei Forscher gar nicht erhoben. Sie verweisen jedoch auf ein Memo der US-Umweltschutzbehörde EPA aus dem Jahr 2000, in dem von unangebrachter Datenmanipulation die Rede ist.

Gibt es nun eine Gefahr für die menschliche Gehirnentwicklung? 2016 prüften Behörden in Deutschland etwas mehr als 16'000 Lebensmittelproben auf Chlorpyrifos und die chemisch verwandte Substanz Chlorpyrifos-Methyl. In fast 600 der Proben fanden die Analytiker das Insektizid, in 28 Fällen lagen die Mengen über dem, was als gesetzlich zulässig gilt. Drei Jahre zuvor waren die Prüfer in knapp 15'000 Proben 966-mal auf das Insektizid gestossen.

«Akute Beeinträchtigung der Gesundheit»

An Grapefruits, Orangen und anderen Zitrusfrüchten hafteten 2016 besonders häufig Chlorpyrifos-Rückstände. Auch Birnen, Äpfel, Trauben und Bananen waren belastet, genauso wie Rosinen, frische Kräuter und Gemüsesorten. In einem Bericht deutscher Behörden hiess es 2017 dazu unter anderem, dass eine «akute Beeinträchtigung der Gesundheit» als möglich erachtet werde.

Mie und Kollegen sind da deutlicher. Sie schreiben, dass bei der aktuellen Belastung durch Chlorpyrifos die Evidenz in Richtung schädlicher Effekte auf das Nervensystem von Kleinkindern hindeute, einhergehend «mit einem niedrigeren IQ im Schulalter».

*Dieser Artikel erschien am 10. Februar 2019 in der SonntagsZeitung.

Erstellt: 11.02.2019, 15:54 Uhr

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