Gegen die Monokultur im Schweizer Pop

Eine Roadmap gibt Anregungen für die Vielfalt der Schweizer ­Musikszene. Nicht nur auf, sondern auch hinter der Bühne.

Headlinerin am Gurtenfestival: Lauryn Hill. Foto: Getty

Headlinerin am Gurtenfestival: Lauryn Hill. Foto: Getty

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Hat sich hier bereits etwas bewegt? Denn wer die Programme der grossen Schweizer Festivals durchliest, trifft in den fettgedruckten Positionen nicht mehr nur auf Bands wie Die Ärzte, sondern auch auf Musikerinnen. Da ist Lauryn Hill auf dem Gurten, Florence + The Machine in St. Gallen, und das Hip-Hop-Open-Air in Frauenfeld präsentiert mit Cardi B die Rapperin der Stunde.

Auch wenn dies eine Selbstverständlichkeit sein sollte: Das Bewusstsein, dass es heute ein Programm braucht, das die Vielfalt der Gesellschaft abbildet, ist in der Schweiz allmählich angekommen.

Ein Anfang scheint also gemacht, nachdem gerade im vergangenen Jahr weibliche Headlinerinnen gänzlich fehlten. Doch die Sensibilisierung für die Vielfalt soll nun verstärkt werden – mit einer «Diversity Roadmap», die von verschiedenen Organisationen aus der Musikszene, Gleichstellungsstellen und Vereinen aus dem sozialen Bereich verfasst worden ist. Ab Donnerstag wird das Merkblatt, das als Poster gestaltet ist, am Musikbranchentreff M4Music in Zürich und Lausanne verteilt.

«Nach Jahren des Redens ist es nun genug – wir werden jetzt handfester», sagt Yvonne Meyer vom Verein Helvetiarockt, der sich seit zehn Jahren für Frauenförderung im Musikgeschäft einsetzt. Den Autorinnen geht es dabei nicht nur um mehr Diversität auf den Bühnen, sondern auch darum, dass abseits des grellen Scheinwerferlichts auf die Zusammensetzung von Teams oder Jurys besser geachtet wird. «Strukturen sind zentral, damit sich etwas verändert», erklärt Meyer – und nennt etwa das neue Booking-Team des Gurtenfestivals als positives Beispiel, das innert kurzer Zeit viel bewegt habe.

Die Roadmap soll vor allem emotional funktionieren

Aber nicht, dass die Roadmap nun gegen den «weissen Mann» zielt. Sie fordert ja auch nicht eine Einführung von Quoten in den Musikprogrammen von Festivals, Radios oder den Konzertlokalen. Es soll nämlich keine «Zeigefingeraktion» sein, wie Meyer sagt, und auch kein Katalog, der befiehlt, was Veranstalter und Labels machen sollen. Sie möchten vielmehr Anregungen mitgeben, damit Diskriminierungen verhindert werden. Die Roadmap weist darauf hin, dass dies schon mit klischeehafter Sprache geschehen kann, wenn in Programmtexten etwa von «temperamentvollen Südländerinnen» die Rede ist. Oder mit Veranstaltungsorten, die nicht rollstuhlgängig sind. «Da hinken wir im Gegensatz zu Ländern wie den USA hinterher», sagt Helvetiarockt-Geschäftsführerin Regula Frei. «Das ist ein Problem, das man einfach beheben könnte.»

Die Roadmap soll vor allem emotional funktionieren – auch dank einem Flussdiagramm, bei dem durchgespielt werden kann, ob Fragen zur Gleichstellung und Diversität auf allen Ebenen im Arbeitsalltag überhaupt aufgeworfen werden. «Wir werden aber künftig schon auch wieder mit Zahlen argumentieren», sagt Isabelle von Walterskirchen, die bei Petzi – dem Verband Schweizer Musikclubs und Festivals – Geschäftsleiterin ist. Und weist etwa auf die Studie hin, in der die Basler Poplandschaft untersucht wurde – wo der Frauenanteil in Bands nur gerade 10 Prozent beträgt.

Eine weitere Sensibilisierung ist also nötig. Zumal die Gefahr besteht, dass Schlagworte wie Inklusion, Gleichstellung und Diversität, die auf der Roadmap zu lesen sind, als Marketingbegriffe entleert werden könnten. So, wie das im englischsprachigen Raum bereits geschehen ist. Wenn dies auch in der Schweiz passieren sollte, dann werden die Autorinnen eingreifen. Regula Frei sagt: «Wir können auch unangenehm sein.»

Erstellt: 09.03.2019, 19:37 Uhr

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