Gegen Vincenz wird wohl Anklage erhoben

Die Staatsanwaltschaft hat offenbar genügend belastendes Material gesammelt. Darum lädt sie auch nach der Freilassung des ehemaligen Raiffeisen-Chefs Zeugen vor.

Vorwurf der ungetreuen Geschäftsbesorgung: Pierin Vincenz. Foto: Paolo Dutto / 13photo

Vorwurf der ungetreuen Geschäftsbesorgung: Pierin Vincenz. Foto: Paolo Dutto / 13photo

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15 Wochen musste Pierin Vincenz in Untersuchungshaft schmoren, bis er freikam. Er, der sonst so gerne spricht, hat auf Anraten seines Verteidigers Lorenz Erni eisern geschwiegen. Mit der mangelnden Kooperation hat er sein Leiden selber verlängert. Nun ist Vincenz zwar wieder frei, doch vorbei ist die Affäre für ihn noch lange nicht. Im Gegenteil, die Zürcher Staatsanwaltschaft ermittelt weiter und lädt zuhauf Zeugen vor. Im Moment sehe alles danach aus, dass Anklage erhoben wird, sagen gut informierte Kreise.

Geklagt wird auf ungetreue Geschäftsbesorgung. Strafbar macht sich ein Geschäftsführer, wenn er in seiner Stellung seine gesetzlichen oder vertraglichen Pflichten verletzt und dadurch bewirkt, dass das Vermögen seines Unternehmens geschädigt wird.

Die Argumentationslinie der Anklage lautet im konkreten Fall so: Vincenz habe, zusammen mit seinem Geschäftsfreund Beat Stocker, in mehreren Fällen seine Pflichten als Verwaltungsratspräsident der Kreditkartenfirma Aduno und als Chef der Raiffeisen-Gruppe verletzt. Dies, weil er und Stocker sich erst privat an den drei Unternehmen Commtrain, Eurokaution, Investnet und allenfalls weiteren Firmen beteiligt und sie dann – meist kurze Zeit später – zu einem deutlich höheren Preis an Aduno beziehungsweise Raiffeisen verkauft hätten. Der Schaden, der entstanden sein soll, entspricht der Differenz zwischen den Kaufpreisen, oder einfacher gesagt, den Gewinnen, die Stocker und Vincenz einbehalten haben. Insgesamt ging es um mehrere Millionen.

Moralisch nicht korrekt

Mit einer ähnlich gelagerten Argumentation gelang es der Zürcher Staatsanwaltschaft, im Fall Dominique Morax einen Schuldspruch zu erwirken. Morax hat sich vor 15 Jahren als Finanzchef der Rentenanstalt, die sich später aus Imagegründen in Swiss Life umtaufen liess, mit Mitgliedern der Konzernleitung ein Anlagevehikel namens Long Term Strategy gegründet. Die Manager kauften dessen Aktien zum Preis von 10 Franken statt 20 Franken, nur um sie ein Jahr später mit Gewinn an die Rentenanstalt zurückzuverkaufen.

Den Fall deckte damals die SonntagsZeitung auf. Morax bekam eine bedingte Freiheitsstrafe von 22 Monaten und musste dem Kanton Zürich mehr als eine Million Franken des unrechtmässigen Gewinns abliefern. Verteidigt wurde er ebenfalls von Erni, mit dabei bei den untersuchenden Staatsanwälten war Marc Jean-Richard-dit-Bressel – der Mann, der heute die Untersuchung gegen Vincenz leitet und die Anklage vorbereitet. In Anwaltskreisen herrscht Einigkeit darüber, dass Vincenz und Stocker sich moralisch nicht korrekt verhielten, aber ob das Verhalten wirklich strafbar war, ist umstritten. Vincenz selber bestreitet jede Schuld und verweist auf ein Gutachten von Rechtsprofessor Peter Forstmoser, das sein Vorgehen im Fall Commtrain als rechtlich unbedenklich taxierte.

Vincenz rechnete Besuch von Striplokal über Spesen ab

Ein Knackpunkt der Anklage dürfte sein, nachzuweisen, wie genau Vincenz dank den Firmenkäufen zu Geld kam. Im Fall Stocker ist es klar: Er war jeweils direkt beteiligt und auf beiden Seiten involviert. Interessant ist auch, wie viel Geld Stocker von Vincenz zugesprochen erhielt. Das fing an beim Chefposten von Aduno, den Stocker nicht als Angestellter, sondern in einem Mandatsverhältnis ausübte. Bei Raiffeisen hatte er einen Beratervertrag über 50'000 Franken monatlich. Hinzu kamen Zahlungen an die Miete seiner Büros und viele Nebenleistungen.

Legendär sind auch die Spesenbezüge von Vincenz und Stocker. Offenbar lag es im Geschäftsinteresse, dass man für Tausende Franken Rechnungen des Zürcher Striplokals Red Lips zahlte. Die Finanzmarktaufsicht monierte in ihrem vor zwei Wochen erschienenen Bericht zu Raiffeisen, dass der Bezug zwischen Spesen und Geschäft nicht immer ersichtlich gewesen sei. Das gilt auch für die Beträge, die über Vincenz’ CEO-Konto liefen. Offenbar gab es bei Raiffeisen ein Konto, über das er verfügen konnte und dessen Limiten er regelmässig überschritt, ohne dass dies Konsequenzen gehabt hätte.

So klar man nun sieht, wie Stocker über Vincenz zu viel Geld kam, so unklar war es lange, wie das Geld wieder zu Vincenz oder zu seinem Umfeld gelangte. Eine Spur war ein Konto der Bank Julius Bär, das schon vor Jahren bekannt wurde. Ein anderes fand die Staatsanwaltschaft in Liechtenstein.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 1. Juli 2018 in der SonntagsZeitung

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 02.07.2018, 08:58 Uhr

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