Geimpft und trotzdem an Masern gestorben

Ein Schweizer Patient mit Leukämie hatte seine Chemo gerade erst abgeschlossen – doch dann steckte ihn jemand an.

Krebspatienten haben grundsätzlich schlechte Karten, wenn sie mit dem Masernvirus angesteckt sind. Foto: Keystone

Krebspatienten haben grundsätzlich schlechte Karten, wenn sie mit dem Masernvirus angesteckt sind. Foto: Keystone

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Patrick S. (Name geändert) war erst 26 Jahre alt, als er auf der Intensivstation des Inselspitals Bern an Kreislaufschock und schwerer Lungenentzündung starb. 17 Tage kämpfte er mit einer Maserninfektion. Die Ärzte versuchten alles Mögliche, um ihn zu retten. Doch letztlich waren sie machtlos. Gegen schwere Verläufe eine Masern­infektion gibt es keine Therapie, die erwiesenermassen hilft. 

Der tragische Fall von Patrick S. erhitzte 2017 die Gemüter. Er war der erste Maserntote in der Schweiz seit 2009. Für Behörden und Ärzte illustriert er, dass es bei der Masernimpfung nicht nur um den eigenen Schutz geht, sondern auch um denjenigen von anfälligen Personen. Skeptiker sehen im Tod von Patrick S. hingegen einen Beleg dafür, dass eine Masernimpfung nicht ausreichend schützt. Fälschlicherweise. Das zeigen die Hintergründe, die die behandelnden Ärzte vergangene Woche im Fachblatt «Open Forum Infectious Diseases» veröffentlicht haben.

Wegen Verdacht auf Arnzeimittelreaktion Medikamente geändert

Eigentlich litt Patrick S. an einer viel gravierenderen Krankheit als Masern, an chronisch-lymphatischer Leukämie (CLL). Es ist in westlichen Ländern die häufigste Form von Blutkrebs, in der Schweiz erkranken daran jedes Jahr rund 300 meist ältere Personen.

Ärzte diagnostizierten das Leiden im Juni 2016, und Patrick S. musste gleich eine siebenmonatige Chemotherapie starten. Im Februar 2017, einen Monat nach dem vorläufigen Therapieende, wurde S. ans Inselspital überwiesen. Er litt an einer Rachenentzündung mit Husten und Fieber. Die Ärzte vermuteten eine bakterielle Infektion und behandelten ihn mit Antibiotika. Am vierten Tag entwickelte der Patient einen Ausschlag. ­Wegen Verdachts auf eine Arzneimittelreaktion bekam Patrick S. andere Medikamente. 

Untypische Symptome ­erschweren die Diagnose

«Es handelte sich anfangs um eher untypische Masernsymptome, wie dies bei Patienten mit unterdrücktem Immunsystem oft vorkommt», sagt Philipp Jent. Der Oberarzt an der Universitätsklinik für Infektiologie betreute damals den Patienten und ist Erstautor der Fachveröffentlichung. Die behandelnden Ärzte schöpften erst Verdacht, als sich der Ausschlag weiter ausbreitete und am siebten Tag ein fleckiger Ausschlag im Mund und eine Bindehautentzündung dazukamen. Die Laboranalyse eines Mundabstrichs bestätigte dann: Patrick S. hatte Masern. 

«Wir waren sehr erstaunt, als sich unser Verdacht bestätigte», sagt Jent. Denn eigentlich hätte ­Patrick S. gegen Masern gut geschützt sein müssen. Laut Impfpass war er zweimal gegen Masern geimpft. «Der Schutz dieser Zweifachimpfung ist mit rund 97 Prozent sehr hoch», sagt Jent. Doch im Blut fanden sich keine schützenden Antikörper gegen Masern.

Die Erklärung liegt wahrscheinlich in der Leukämiebehandlung, der Chemotherapie, die das Immunsystem stark geschwächt hatte. Vor allem das verwendete Medikament Rituximab ist bekannt dafür, dass es in vielen Fällen temporär Immunzellen lahmlegt, die Antikörper produzieren. «Der Patient verlor vorübergehend seinen Schutz vor eine Masernansteckung», erklärt Jent. Nach Ende der Therapie erholen sich die geschwächten Zellen in der Regel langsam wieder, und nach Wochen bis Monaten sind Betroffene wieder immun. Bei Patrick S. dauert es zu lange. «Dass er sich trotz Impfung mit Masern anstecken konnte, spricht deshalb nicht gegen die Impfung, wie dies manche Leute glauben», betont Jent. Vielmehr seien Betroffene mit geschwächtem ­Immunsystem abhängig vom Impfschutz der anderen.

«Bei Masern gibt es keine Therapie, ­deren Wirksamkeit gut belegt ist.»Philipp Jent

Rituximab kommt ausser bei Blutkrebs oft auch bei Autoimmun­krankheiten zum Einsatz, etwa bei rheumatoider Arthritis, entzündlichen Darmerkrankungen oder multipler Sklerose. «Bei diesen ­Patienten überwiegt der Nutzen einer Behandlung das Risiko einer vorübergehend höheren Infektionsanfälligkeit», sagt Jent. 

Oft können Ärzte bei einer ­Infektion trotz geschwächtem Immunsystem etwas tun. Bei ­Patrick S. waren sie jedoch machtlos. «Bei Masern gibt es keine Therapie, ­deren Wirksamkeit gut belegt ist», sagt Philipp Jent. Am Inselspital versuchte man, den Patienten trotzdem zu behandeln. Man verabreichte ihm antivirale Medikamente, spritzte schützende Antikörper und gab ihm Vitamin A. Bei all diesen Interventionen gibt es Hinweise, dass sie bei Masern helfen könnten. Bei Patrick S. nützten sie nichts.

Am achten Tag entwickelte der Patient eine Lungenentzündung und starb schliesslich neun Tage später auf der Intensivstation.

Krebspatienten mit Masern sterben in 70 Prozent der Fälle

Hätte Patrick S. bessere Chancen gehabt, wenn bei ihm die Masern früher diagnostiziert worden wären? «Nein, wir hätten ihn auch nicht anders behandeln können», sagt Jent. Krebspatienten haben grundsätzlich schlechte Karten, wenn sie mit Masern angesteckt sind. Gemäss einer keinen US­Studie aus den 1990er-Jahren ­sterben über die Hälfte. Zum Glück sind solche Ansteckungen in der Schweiz aber äusserst selten.

Wo sich Patrick S. angesteckt hat, konnte nicht eruiert werden. Der 26-Jährige hatte wissentlich keinen Kontakt zu Masernpatienten. Es waren auch keine grösseren Ausbrüche in der Wohn­gegend registriert worden. Philipp Jent: «Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass sich der Patient bei ­jemandem angesteckt hat, der nicht geimpft war.» 

Erstellt: 10.11.2018, 18:43 Uhr

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