Gemeines Gemüse

Das Grünzeug auf dem Teller hat einen viel zu guten Ruf. Avocados verwüsten ganze Landstriche, Erdnüsse töten und Zucchetti ebenso. Eine kleine Ernährungsberatung.

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Massaker am Regenwald

Gegen die Sojabohne ist grundsätzlich nichts einzuwenden. Im Gegenteil: Dank der mineralstoff- und proteinreichen Hülsenfrucht werden Fleischgerichte mehr und mehr obsolet. Das Problem ist, dass auch etwas Gutes wie die Sojabohne Furchtbares anrichten kann: Dem stetig wachsenden Anbau von Soja sind in den letzten Jahrzehnten viele Millionen Hektaren Grasland und Regenwald zum Opfer gefallen, vor allem in Südamerika. Schuld daran ist allerdings nicht das vielbelächelte Vegetarier-Veganer-Gutmenschentum, das sich Sojadrinks und Tofu einverleibt. Lebensmittel für den Menschen machen nur 6 Prozent der Produktion aus. Etwa 80 Prozent des importierten Sojas fliessen in die Fütterung von Schlachttieren. Laut WWF wird fast ein Kilo Soja benötigt, um ein Kilo Pouletfleisch zu erzeugen. Es ist also nicht die Sojabohne, die unseren Planeten zerstört, auch nicht der Soja-Latte-Macchiato-Trinker, sondern: der Fleischesser.

Bazillen-Brutstätte

Es gibt viele Gründe, den Konsumwahnsinn zu verdammen. Ein oft vergessener ist die Existenz von Sacksalat. Er suggeriert anstrengungslosen Genuss: vorgeschnittene, gewaschene Salatblätter, in Plastik eingeschweisst. Die Illusion genussfertiger Gesundheit. Im abgepackten Salatkonfetti to go zeigt sich, wie sehr der verwöhnte Mensch zum unmündigen Ignoranten degeneriert ist, auf den genau das zutrifft, was Kant über den Faulen geschrieben hat: «Es ist so bequem, unmündig zu sein. Ich habe nicht nötig zu denken, wenn ich nur bezahlen kann.» Doch Faulheit ist eine Todsünde und rächt sich schon im Diesseits. Salat aus dem Plastiksack ist derart keimbelastet, dass man das Dressing dazu auch in einem öffentlichen Pissoir anrühren könnte. Der aus den Schnittkanten austretende Pflanzensaft begünstigt das Bakterienwachstum. Salmonellen und Kolibakterien gedeihen darin prächtig. In einer Packung Meeresalgensalat wurden schon Hepatitis-E-Viren nachgewiesen. Dabei sind Salatblätter noch nicht einmal vitaminreich, sie bestehen zu 95 Prozent aus Wasser. Wer es nicht schafft, sie selbst zu schneiden und zu waschen, der verdient, davon etwa Durchfall zu bekommen.

Rote Zumutung

Tomaten sind eigentlich nur in einem einzigen Zustand erträglich. In Gestalt frischer Cherrytomaten nämlich, etwas süsslich im Geschmack, auf dem eigenen Balkon anbaubar und ­direkt verzehrbar, da Mutter Natur sie für ihre hungrigen Menschenkinder bereits mundgerecht geformt hat. Alle anderen Tomaten sind unzumutbar. Zum Beispiel die «Fleischtomate», einst irreführend als «Liebesapfel» bezeichnet, die ihren Geschmack im Kühlschrank gänzlich verliert, da bei längerer Kühlung weniger Aromastoffe produziert werden und die sogenannten flüchtigen Verbindungen, die das Aroma wesentlich mitbeeinflussen, über den Stielansatz entweichen können. Ideal sei deswegen eine Temperatur um 15 Grad, weshalb man sie am besten im Keller aufbewahre. Empfohlen wird überdies, die reife Tomate in ein weiches Tuch zu betten, um Druckstellen zu verhindern. Was bitte soll diese Prinzessinnenattitüde? Lächerlich! Zudem ist die wasserhaltige Frucht schimmelanfällig und kann zum Sammelbecken für Mykotoxine werden, die so giftig sind, wie sie klingen. Ist die Tomate grün und unreif, enthält sie ein anderes Gift, Solanin nämlich, das sie gegen Fressfeinde schützen soll. Besonders am Stielansatz, der deshalb immer mühsam herausgeschnitten werden muss. Was für sich genommen schon ein guter Grund wäre, sie zu ignorieren.

Risikofaktor

Man stelle sich das vor: Da ist man mal ganz Hobbygärtner und züchtet sich eine Zucchetti, so ein krummes grünes Ding, das es natürlich auch in jedem Lebensmittelgeschäft oder Bioladen gibt, aber gut, man ist ja Selbstversorger. Und dann erntet man das und macht sich so einen leckeren Zucchettiauflauf und freut sich, dass man da etwas isst, das man mit den eigenen Händen angebaut hat. Wie ein echter Hobbygärtner eben. Es schmeckt nur ein bisschen bitter, aber was solls, wäre ja schade um die Mühe. Tja, und dann fällt man tot um. Natürlich nicht sofort, erst fühlt man sich unwohl, dann wird einem übel und dann hat man Durchfall. Und wenns blöd läuft, wird das Ganze blutig. Und dann zack, bumm, tot. Alles nicht erfunden, alles schon passiert. 2015 in Deutschland. Der Mann war 79. Schuld an der Auflösung seiner Magen-Darm-Schleimhaut war der giftige Bitterstoff Cucurbitacin, der aus Kürbisgewächsen eigentlich herausgezüchtet wurde. In Einzelfällen kann es zu Rückmutationen kommen. Das Hauptrisiko liege im Hobbygärtnerbereich. Für den armen Mann kam die Warnung zu spät. Bitter.

Vielfliegerin

Von Karl Lagerfelds Katze Choupette heisst es, sie sei zusammen mit ihrem Herrchen im Privatjet um die Welt geflogen. Wer den verstorbenen Modezar für einen unverantwortlichen Snob hält, weil er das Klima durch die Flugreisen eines Haustiers belastet hat, der halte im Lebensmittelgeschäft Abstand von der Flugmango. Diese trägt ihren Namen, weil sie im Flugzeug aus Amerika, Afrika, Asien oder Australien nach Europa importiert wird. Als eine Art Mango-Premiumvariante für angebliche Gourmets, die sagen, die edle Flugmango sei im Vergleich zur Pöbel-Mango, die auf dem gemeinen Schiffsweg reist, geschmackvoller, weil sie länger am Baum hängen könne, von einem Sack gegen zu viel Sonne geschützt, um nach drei Monaten reif gepflückt und quasi direkt in den Mund eines Feinschmeckers transportiert zu werden. Dabei belastet sie die Umwelt ungefähr zehnmal so stark – für ein Kilogramm Flugmango wird sogar 170-mal mehr Kohlenstoff­dioxid in die Atmosphäre gepustet. Es werde ja aber nicht extra für sie geflogen, sagen ihre Verteidiger, sie fliege auf Passagierflügen im unteren Teil der Maschine mit. Eine Mango hat aber gar nicht zu fliegen, ebenso wenig wie Birma-Katzen, egal, wie süss und flauschig sie sind. Sorry, Choupette!

Kotzbrocken

Die Durian stinkt so bestialisch, dass immer wieder ganze Flugzeuge geräumt und gelüftet werden müssen und ihr Verzehr in thailändischen Hotels und U-Bahnen verboten ist. Sie stinkt wie eine Mischung aus verschwitzten Sportsocken, verfaultem Abfall und verrottetem Fleisch. Verantwortlich dafür ist die Kombination zweier chemischer Verbindungen, wie Forscher herausgefunden haben: «fruchtiges Ethyl-2-methylbutanoat und zwiebeliges 1-(Ethylsulfanyl)ethanthiol». Trotzdem gilt die stachelige, kokosnussgrosse Frucht in Südostasien als Delikatesse – wegen ihres gelben vanilleähnlichen Fleisches. Noch unerträglicher als der Gestank aber ist das in ihr steckende Challenge-Potenzial, das man in Dschungelcamp- und Youtuber-Kreisen für sich entdeckt hat. Die Durian generiert zuverlässig Aufmerksamkeit und Klicks nach dem Prinzip: «Das hier ist eine Kotzfrucht, sie stinkt nach einem Furz – und ich esse sie jetzt! Hihihi.» Während man sich das so anschaut, wünscht man sich nur eines: Wäre die Durian doch giftig.

Gefahr aus der Hülse

Die Erdnuss ist im botanischen Sinn nicht mal eine Nuss, sondern eine Hülsenfrucht. Und das ist nur das erste Problem. Es besteht der dringende Verdacht, dass wir es mit einer Hoch­staplerin zu tun haben, die sich als Heilsbringerin feiern lässt, um sich hinterrücks an Unschuldigen zu vergehen. Was verspricht man sich nicht alles vom spanischen Nüssli. Es soll einen positiven Einfluss auf einen erhöhten Cholesterinspiegel haben, eine hervorragende Eiweiss-, Vitamin-B-, Vitamin-E- und Vitamin-sonstwas-Quelle sein, das Risiko verschiedener Krankheiten verringern und das Leben verlängern. Für den Menschen ist es vor allem eines: eine Gefahr. Schon winzige Spuren im Essen können bei Allergikern Hautausschlag, Atemnot oder Kreislaufzusammenbrüche verursachen. In westlichen Ländern sind heute bereits bis zu 3 Prozent der Kinder von einer Erdnussallergie betroffen, offenbar doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Nach der Leitlinie eines amerikanischen Allergie-Instituts soll Kindern dennoch so früh wie möglich erdnusshaltige Nahrung zugeführt werden – um einer Allergie vorzubeugen. Was aber ist erstrebenswert daran, Kinder mit einer Hülsenfrucht zu traumatisieren, die gerne Nuss wäre, aber eigentlich nur Erbse ist? Richtig. Gar nichts.

Unheilsbringer

Mal angenommen, die Herren Trump, Erdogan, Bolsonaro und Kim Jong-un würden sich zu einem Brainstorming zusammensetzen, Darth Vader, Sauron und Lord Voldemort wären zu Impulsvorträgen geladen, um darüber zu beraten, mit welcher Frucht sich das grösstmögliche Unheil über die Menschheit bringen liesse. Ihre Wahl fiele auf die Ölpalme. Sie ist die schlechteste aller Ideen in der schlechtesten aller Welten. Nicht nur für die Orang-Utans und Borneo-Zwerg­elefanten, deren Regenwaldheimat die Ölpalme vernichtet. Auch für das Klima. Die Abwässer einer südostasiatischen Palmölplantage setzen pro Jahr mehrere Tausend Tonnen des Treibhausgases Methan frei. Um sich weltweit auf bis zu 19 Millionen Hektaren Land ausbreiten zu können, kommt die Ölpalme in verführerischem Gewand daher: Ihr Anbau ist effizient, ihr Fett hitzebeständig, haltbar und billig. Der Kapitalist in uns reibt sich die Hände und füllt 50 Liter palmölhaltigen Biodiesel in seinen SUV. Doch auch ihn wird die Frucht niederringen: Wenn er eines Morgens mit einer Herz-Kreislauf-Erkrankung vom Stuhl kippt, weil er sich zu wenig bewegt hat, dann ist auch daran womöglich die Ölpalme schuld.



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Erstellt: 30.06.2019, 12:58 Uhr

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