Generation kurzsichtig

Jedes dritte Kind braucht schon während der Schulzeit eine Brille. Bald wird es jedes zweite sein. Schuld ist fehlendes Tageslicht.

Langes In-die-Nähe-Schauen macht kurzsichtig: Immer mehr Kinder im Schulalter werden zum Brillenträger. Foto: Getty Images

Langes In-die-Nähe-Schauen macht kurzsichtig: Immer mehr Kinder im Schulalter werden zum Brillenträger. Foto: Getty Images

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Brillenträger sind schlauer. An diesem Streberklischee ist etwas dran. Forscher der Universität Mainz haben herausgefunden, dass ein Zusammenhang besteht zwischen Kurzsichtigkeit und Bildungsniveau. So ist die Wahrscheinlichkeit einer Sehschwäche grösser, je höher der erreichte Abschluss ist.

Stundenlanges Nahsehen, wie Lesen oder Schreiben in Schulzimmern und Bibliotheken, sowie der Mangel an Tageslicht schaden den Augen. Auch hierzulande ist die sogenannte Schulmyopie weit­verbreitet. Brauchen zu Beginn der Primarschule nur wenige Kinder eine Brille, um die Buchstaben an der Wandtafel zu entziffern, ist es in der Oberstufe bereits jedes dritte Kind, Tendenz steigend.

Kinder gehören zwei Stunden täglich nach draussen

«Wir gehen davon aus, dass in ein paar Jahren jeder zweite Schulabgänger kurzsichtig ist», sagt Veit Sturm, leitender Arzt der Augenklinik am Kantonsspital St. Gallen. Dafür verantwortlich ist allerdings nicht die häufig verteufelte digitale Revolution in den Klassenzimmern. Ob die Kinder und Jugendlichen in Büchern oder auf Tablets lesen und ob sie ihre Hausaufgaben in Heften oder am Computer erledigen, macht keinen merklichen Unterschied.

«Entscheidend ist die Dauer des In-die-Nähe-Schauens», sagt Sturm. Mit dem gestiegenen Leistungsdruck und dem veränderten Freizeitverhalten verbringen Mädchen und Buben heute mehr Zeit drinnen. Und über Stunden einen immer gleichen und vor allem kurzen Abstand zu Büchern und Bildschirmen zu haben, fördert die Augenerkrankung. Der Krümmungsmechanismus der Augenlinse wird übermässig beansprucht. «Deshalb ist es wichtig, dass man zwischendurch aufschaut und den Blick in die Ferne schweifen lässt.»

Die beste Prophylaxe gegen Kurzsichtigkeit in der Kindheit ist jedoch Tageslicht. Und zwar viel Tageslicht. «Kinder sollten so oft wie möglich Zeit unter freiem Himmel verbringen», sagt Wolf Lagrèze, Spezialist für Kinderaugenheilkunde an der Uniklinik in Freiburg i. Br. «Zwei Stunden im Freien pro Tag wären optimal.» Also wenn immer möglich in die Schule laufen, während der Pausen auf dem Pausenplatz spielen und auch nach der Schule oder am Wochenende in der Natur sein. «Bei Kindern, die weniger als eine Stunde draussen sind, ist das Risiko für Kurzsichtigkeit um 33 Prozent höher», sagt Lagrèze.

Verkäufe von Kinderbrillen um 50 Prozent gestiegen

So erstaunt es nicht, dass Stadtkinder häufiger eine Brille für die Weite brauchen als solche, die auf dem Land aufwachsen. Im Extremen zeigt sich die Problematik in einigen Ländern Asiens. In Teilen Singapurs, Chinas oder Taiwans hat die Kurzsichtigkeit epidemische Ausmasse angenommen. Fast 90 Prozent der jungen Erwachsenen sind dort betroffen.

Zwar sind die Raten hierzulande nicht so hoch, doch der Chef der grössten Schweizer Handelskette für Brillen und Kontaktlinsen, Daniel Mori von Visilab, ist trotzdem alarmiert. Die Verkäufe von Kinderbrillen für Fünf- bis Zehnjährige haben in den vergangenen zehn Jahren um 50 Prozent zugenommen. Und auch der Absatz für Teenagermodelle ist stark gewachsen. Auch wenn dies gut ist fürs Geschäft, sorgt sich Mori um die Schulkinder. «Je früher die Kurzsichtigkeit beginnt, desto stärker ausgeprägt ist sie am Ende des Jugendalters», sagt Mori.

Ist die Fehlsichtigkeit sehr stark, ist das nicht nur lästig, sondern kann auch der Gesundheit schaden. So birgt eine hohe Kurzsichtigkeit jenseits der sechs Dioptrien ein erhöhtes Risiko für grünen und grauen Star sowie für eine Ablösung der Netzhaut.

Tollkirschengift Atropin soll Sehverschlechterung stoppen

«Es ist deshalb wichtig, Kurzsichtigkeit vorzubeugen und das übermässige Wachstum des Augapfels zu stoppen», sagt Mathias Abegg, leitender Arzt der Orthoptik am Inselspital in Bern. Neben Tageslicht ist dies mit speziellen Kontaktlinsen, Gleitsichtbrillen und neu auch Augentropfen möglich.

Diese enthalten das Tollkirschengift Atropin und werden bisher von Augenärzten etwa dafür benutzt, die Pupillen vor einer Untersuchung zu weiten. Wegen der Nebenwirkungen kam Atropin zur Behandlung der Kurzsichtigkeit lange nicht infrage. Das hat sich nun geändert. «Insbesondere wenn sich die Sehfähigkeit bei einem Kind rasch verschlimmert, sind Atropin-Tropfen schwach dosiert effektiv», sagt Abegg.

Schweizer Kinder haben keine sehr starke Sehschwäche

Seine Erfahrungen decken sich mit Studien aus Asien. Diese zeigen: Atropin-Tropfen allabendlich in einer Konzentration von 0,01 Prozent abgegeben verhindern eine Zunahme der Myopie von 0,53 Dioptrien pro Jahr. Dann folgen Kontaktlinsen mit 0,21 Dioptrien jährlich. Zwei Stunden Tageslicht täglich schützen vor einem Verlust von 0,14 Dioptrien und ­­liegen damit gleichauf mit Gleitsichtbrillen.

Noch werden in der Schweiz erst wenige Hundert Kinder mit ­Atropin behandelt. Allerdings haben die meisten Mädchen und Buben hierzulande keine sehr starke ­Sehschwäche – diese bewegt sich zwischen einer halben und zwei ­Dioptrien. Ophthalmologe Mathias Abegg schätzt allerdings, dass die Zahl der Atropin-Behandlungen zunehmen wird. Im Kampf gegen immer weiter zunehmende Kurzsichtigkeit bei Kindern versprechen sich Augenärzte viel von dem Mittel.

Erstellt: 03.02.2018, 20:18 Uhr

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