«Gib mir die Hand! Das ist ein Befehl!»

Der Retter Thomas Schmidt erinnert sich an die dramatischen Minuten nach dem Superpuma-Absturz.

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Blankes Entsetzen erfasst Thomas Schmidt. Er kauert auf dem Gotthardpass im Gras. Über ihm bricht der startende Superpuma, den er eben mit einer französischen Delegation verlassen hat, in der Luft auseinander. Einer Kreissäge gleich wirbelt das Heck über seinem Kopf hinweg, bohrt sich senkrecht ins Erdreich. Neben ihm schlägt ein Rotorblatt ein. Kabel der Stromleitung, die der Hubschrauber touchiert hatte, geisseln durch die Luft – eines peitscht unweit von einem der Franzosen auf den Boden, entlädt sich explosionsartig.

Ein Jahr nach dem Absturz des Armeehelikopters neben dem Gotthardhospiz beschreibt Thomas Schmidt, wie er innert weniger Minuten dem Tod gleich mehrmals von der Schippe sprang. Zwar sagt er: «Ich habe die dramatischen Szenen verarbeitet.» Trotzdem wühlt das Gespräch den Erzählenden auf. Gestikulierend, Geräusche nachahmend, schildert er, wie er unter Lebensgefahr einen Menschen rettete.

«Meine letzten Sekunden»

An jenem Mittwochmittag im September ist der Waadtländer mitten im Trümmerhagel überzeugt: «Das sind meine letzten Sekunden.» Er duckt sich, wartet, bis es knallt – und vorbei ist. Tosend schlägt die grosse Kabine des Heli vor der kleinen Menschengruppe auf. «Weg hier! Lauft! Alle rüber zur Strasse!», brüllt Schmidt. Er ist es gewohnt, Kommandos zu erteilen, hat sich vom Rekrut bei den Gebirgssanitätern zum Kommandanten eines Spitalbataillons hochgedient. «Ist jemand verletzt?» Er ist verantwortlich für die Franzosen, die die Schweizer Armee einer OSZE-Inspektion unterziehen. Wie durch ein Wunder blieb die Delegation unversehrt. Der 45-Jährige befiehlt seinem Stellvertreter: «Sofort Alarm bei der Armeeführung auslösen!»

Besonnen, konzentriert und zuweilen angriffig, so werden die Anwesenden den Waadtländer in dieser Situation später beschreiben. Fassungslos flucht er. «Verdammt! Mein Heli ist abgestürzt. Verdammt!» Dieser Verdruss ist ein Jahr später noch spürbar: An dieser Stelle haut der Erzählende gleich mehrmals energisch auf den Tisch des Restaurants beim Bärengraben in Bern. Unweit davon arbeitet er im Armeestab im Bereich internationale Beziehungen, reist oft, auch in Krisengebiete.

Brennendes Kerosin

In jener Katastrophe auf dem Gotthard fackelt er nicht lange – funktioniert. Aus der Kabine dringt schwarzer Rauch. Er bildet einen krassen Kontrast zum weissen, auf der Seite liegenden Rumpf. Gemeinsam mit seinem Kollegen, einem Wachtmeister der Militärpolizei, stürzt Schmidt zurück zur Absturzstelle. Per Mobiltelefon melden die Experten der Luftwaffe: «Die Maschine explodiert nicht, brennt aber schnell.» Mit Feuerlöschern bewaffnete Zivilisten eilen herbei. Einer steht beim Cockpit, meldet, dass die Piloten keinen Ton von sich geben, sich nicht bewegen. Wo aber ist der Flughelfer?

Aus dem hinteren Teil lodern die ersten Flammen. Schmidt schlägt die Warnungen der Umstehenden in den Wind und steigt vor dem Militärpolizisten durch eine aufgeborstene Luke in die Kabine. Entdeckt den jungen Mann und erinnert sich ein Jahr später noch haargenau, wie er daliegt: halb sitzend, halb liegend, Arme und Beine von sich gestreckt. Er hat den Helm noch auf. Seine kleine, ovale Brille sitzt schief, ein Glas ist zerbrochen. Schmidt kommt wegen der Trümmer nicht an ihn heran. Er gellt: «Hey! Gib mir die Hand!» Der Mann stöhnt nur. «Donne-moi ta main! Gib mir die Hand!» Plötzlich spürt Schmidt Stiche im Nacken, brennendes Kerosin tropft vom Motorblock auf ihn herunter.

«Gib mir deine Hand! Das ist ein Befehl!» Endlich erwacht der Flughelfer aus seiner Schockstarre, zitternd reicht er seinem Retter die Hand. Schmidt zieht ihn zu sich. Ein Sicherheitskabel aus Stahl verbindet den Flughelfer mit dem Hubschrauber, hält ihn zurück. «Kommt sofort raus, es brennt wie die Sau!», brüllt draussen jemand. Drinnen tropft das Kerosin. Fieberhaft öffnet der Oberstleutnant etliche Schnallen. Endlich bekommt er den Flughelfer frei. «Hilf mir», ruft er hinaus. Mit vereinten Kräften hieven die beiden Militärs den Verletzten aus der Luke. Schwerstarbeit.

«Ich konnte fast nicht mehr, hab vor Anstrengung Sterne gesehen.» Im gemütlichen Restaurant reflektiert er, wie sein Körper damals reagierte, sein Medizinstudium hilft ihm zu verstehen. «Die Luft war dünn da oben.» Der Erzähler hält kurz inne. Dafür blieb ihm damals auf dem Gotthardpass keine Zeit.

Sprung in den brennenden Rumpf

Kaum ist der Flughelfer in Sicherheit, erfassen meterhohe Flammen die Passagierkabine. Ein Zivilist hält mit immer neuen Löschern das Feuer in Schach. Schützt so das Cockpit und seine Besatzung. Die beschädigte Tür klemmt. Eine Französin von der Delegation reicht Schmidt ein Sackmesser. Damit schlägt er das Plexiglasfenster ein, der Wachtmeister wuchtet die Türe weg. Mit der Hilfe von Zivilisten holen sie den ersten Milizpiloten raus. In sicherer Distanz zum brennenden Wrack versuchen Helfer ihn wiederzubeleben – umsonst.

Hinter Schmidt faucht das Feuer. Neben dem Wachtmeister kniet er auf dem gekippten Rumpf. Die Trümmerteile im Kabineninnern müssen weg, unter ihnen liegt der zweite Pilot, reglos. Seine Füsse stecken im zerstörten Armaturenbrett. Der verbogene Steuerknüppel drückt seine Beine zu Boden. Die Flammen sind nicht mehr weit. Die beiden Militärs tauschen einen hastigen Blick. «Haben Sie noch Löschpulver?», schreit Schmidt dem helfenden Zivilisten zu. «Nicht mehr viel, du musst dich beeilen!» Schmidt springt ins Cockpit, kniet sich hin. Befreit den Piloten. Bricht ein. Kerosin tränkt seine Hosen, fliesst in seine Stiefel. «Kein Pulver mehr!» Mit letzter Kraft holen die beiden Militärs den Piloten raus. Nichts wie weg. Hinter der rennenden Gruppe krachts, eine Hitzewelle folgt. Schneller! Doch Schmidt kann nicht mehr. Er geht zu Boden. «Die Kräfte waren mir ausgegangen. Ich brauchte einen Augenblick.»

Das tut der Erzähler auch an dieser Stelle. Das Schicksal seiner Kameraden erschüttert ihn noch ein Jahr später. «Meine Stunde war an diesem Tag ganz offensichtlich noch nicht gekommen.» (SonntagsZeitung)

Erstellt: 30.09.2017, 21:39 Uhr

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