Glatze weg, Sex weg

Finasterid galt einst als Wundermittel gegen einen kahlen Kopf. Dann zeigten sich Potenzstörungen. Jetzt kommt die Sache vor Gericht.

Der Wirkstoff wurde zuerst bei einer gutartigen Vergrösserung der Prostata eingesetzt. Foto: Getty Images

Der Wirkstoff wurde zuerst bei einer gutartigen Vergrösserung der Prostata eingesetzt. Foto: Getty Images

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Eine Pille hat aus Thomas Meier ein Wrack gemacht. Sie ist klein und hellrosa, und sie sollte Meier eigentlich gegen etwas ziemlich Läppisches helfen: seinen Haarausfall. Viel zu früh, mit 32, war das dunkelblonde, leicht lockige Haar des Unternehmers aus Nordrhein-Westfalen schütter geworden. Er fragte seinen Arzt, ob man etwas dagegen tun könne. Und der sagte: Es gibt Schaum. Oder Tabletten. Die Tabletten helfen besser.

So entschied sich Thomas Meier, der eigentlich anders heisst, für die rosa Pillen mit dem Wirkstoff Finasterid. Tatsächlich wurde sein Haar wieder etwas voller. Aber zugleich passierten unangenehme Dinge. «Ich bekam Erektionsprobleme», erzählt der inzwischen 36-Jährige. Später folgten Libidoverlust, Depressionen und Panikattacken. Heute hat Meier Schmerzen im Unterleib, seine Hoden sind klein geworden, Samenfäden finden sich kaum in seinem Sperma. Und nachts schläft er so schlecht, dass er nur noch einen halben Tag arbeiten kann.

Sie alle eint die Empörung darüber, dass sie niemand gewarnt habe.

All das führen er und der Professor, der ihn jetzt behandelt, auf die kleinen Tabletten zurück. Meier leide am «Post-Finasterid-Syndrom», sagt Michael Zitzmann, Männerheilkundler an der Universitätsklinik Münster. Obwohl sein Patient die Arznei längst abgesetzt hat, halten die schweren Nebenwirkungen an. Meier, der schon lange keine Freundin mehr hat, will den Hersteller dieser Pillen deshalb verklagen. Er gehört zu einem guten Dutzend Gleichgesinnter in Deutschland. Die Zahl der Betroffenen dürfte aber erheblich höher sein, das Thema ist schambesetzt: Schliesslich geht es um Erektionsstörungen, noch dazu nach Einnahme eines Mittels gegen Haarausfall. In den USA haben sich jedenfalls schon Tausende Männer zusammengetan.

Sie alle eint die Empörung darüber, dass sie niemand gewarnt habe. Und dass sie die Nebenwirkungen mit dem Absetzen der Pillen nicht wieder loswerden. Im Januar wird vor dem Landgericht Berlin die erste Verhandlung in Deutschland stattfinden. Die zentrale Frage: Was wussten die Pharmafirmen zu welchem Zeitpunkt? Und wurden die Patienten zu den Gefahren ausreichend informiert?

Medizinrechtler: Hersteller werden alles abstreiten

Der Berliner Medizinrechtler Jörg Heynemann hat inzwischen vier Musterklagen gegen die beiden Finasterid-Hersteller MSD und Dermapharm eingereicht. Doch einfach wird es nicht werden: «Die Hersteller verfolgen die gleiche Strategie wie immer», sagt Heynemann. «Sie bestreiten den bestimmungsgemässen Gebrauch des Arzneimittels durch unsere Mandanten; sie bestreiten, dass ein Post-Finasterid-Syndrom überhaupt existiert, und wenn es doch existiert, dann, dass der Kläger darunter leidet.» Dermapharm will sich wegen des laufenden Verfahrens nicht äussern; MSD teilte mit, dass die Existenz des Post-Finasterid-Syndroms «nicht gesichert» sei.

Rechtsanwalt Heynemann glaubt dennoch an den Erfolg, denn im Juni 2017 hat der Europäische Gerichtshof die Rechte von Patienten gestärkt. Sie müssen nicht mehr beweisen, dass ein Medikament bei ihnen zu Problemen geführt hat. Es reicht, wenn ein Zusammenhang mit «einem hinreichend hohen Grad an Wahrscheinlichkeit» besteht.

«Ausserdem hemmt DHT im Gehirn Botenstoffe, die bei der Regulation von sexueller Aktivität eine Rolle spielen.»Michael Zitzmann, Androloge

Dass Finasterid Sexualität und Stimmung belastet, ist jedenfalls nicht überraschend. Das Mittel hemmt ein Enzym, das aus dem Männlichkeitshormon Testosteron das noch potentere DHT macht. Die Abnahme von DHT mindert den androgenbedingten Haarausfall, zugleich schrumpfen Hoden und Prostata. «Ausserdem hemmt DHT im Gehirn Botenstoffe, die bei der Regulation von sexueller Aktivität, Stimmung und Denken eine Rolle spielen», sagt Androloge Zitzmann.

Aber können diese Wirkungen auch nach dem Absetzen anhalten? So etwas sei gar nicht so ungewöhnlich, sagt Wolfgang Becker-Brüser vom Infodienst Arznei-Telegramm. «Dauerschäden durch Arzneimittel gibt es bei mehreren Medikamenten, zum Beispiel auch bei dem Malariamittel Mefloquin.» Wissenschaftler vermuten, dass sogenannte epigenetische Prozesse hinter dem Post-Finasterid-Syndrom stecken. Diese führen im Laufe des Lebens dazu, dass sich die Genaktivität dauerhaft ändert. Deshalb könnten die Nebenwirkungen bestehen bleiben.

Die Begleiterscheinungen wurden schnell erkannt

Finasterid wurde Anfang der 90er-Jahre zunächst gegen gutartige Prostatavergrösserung eingesetzt. Doch dann zeigte sich eine angenehme Nebenwirkung: Das Mittel führte bei den Herren, die es nahmen, zu vollerem Haar. So brachte MSD Finasterid 1998 in geringerer Dosierung gegen Haarausfall auf den Markt. Schnell wurde das Medikament als «Hoffnung für kahle Köpfe» und als «Lebensfreude aus dem Labor» gefeiert.

Dabei hatte sich schon in den ersten Studien angedeutet, dass Finasterid weniger Lebensfreude, sondern vor allem Gefahren für die Seele birgt. Einem Protokoll aus dem Jahr 1991 zufolge entwickelten Finasterid-Probanden dreimal so häufig psychische Probleme wie die Kontrollgruppe. Nach der Markteinführung war dies nicht mehr zu leugnen; so standen die psychischen Risiken bald neben den sexuellen im Beipackzettel. Und im Juli 2018 räumten die Hersteller schliesslich ein, dass sexuelle Probleme «nach Absetzen der Therapie länger als zehn Jahre fortbestehen können».

Trotzdem bleibt das Medikament für die Indikation Haarausfall auf dem Markt. Das Nutzen-Risiko-Verhältnis sei immer noch positiv, lässt das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wissen. Ärzte seien aber angehalten, den Leidensdruck ihrer Patienten gegen die Risiken abzuwägen. In der Schweiz schlucken schätzungsweise 100'000 Männer die rosa Pillen. Bei etwa 2 Prozent, also rund 2000, treten Nebenwirkungen auf.

Keine Verbesserung nach dem Absetzen

Viele Betroffene waren gutgläubig. Selbst wenn sie von ihrem Arzt auf die Gefahr von Potenzstörungen hingewiesen wurden, beruhigten sie sich mit dem Gedanken: Wenn es mich trifft, dann setze ich die Tabletten eben ab. Doch bei vielen Patienten verschlimmerten sich die Arzneimittelfolgen nach dem Absetzen sogar noch. So auch bei Thomas Meier: Ende 2016 folgte ein «kompletter Zusammenbruch», sagt er, mit Depressionen und Suizidgedanken.

Michael Zitzmann hat inzwischen rund 150 Patienten mit dem Post-Finasterid-Syndrom behandelt. Den meisten könne er mit Männlichkeitshormonen helfen, so der Androloge, aber der Erfolg lasse oft Jahre auf sich warten. Thomas Meier hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Er ist noch jung, auch wenn er sich oft fühlt wie ein alter Mann. So einer mit Glatze.

Erstellt: 22.12.2018, 20:12 Uhr

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