Gold aus Dreck

Ein Besuch in New York beim legendenumwobenen Maler Rudolf Stingel, dem die Fondation Beyeler ihre grosse Sommerausstellung widmet.

Der grosse Geheimnisvolle: Rudolf Stingel in seinem Atelier im New Yorker Stadtteil Queens. Fotos: Sally Montana

Der grosse Geheimnisvolle: Rudolf Stingel in seinem Atelier im New Yorker Stadtteil Queens. Fotos: Sally Montana

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Einen Künstler in seinem Atelier aufzusuchen, erfordert etwas Mut. Er könnte, wie ein Löwe, seinen Unterschlupf vor neugierigen Störenfrieden verteidigen. Vor allem, wenn der Besuch in einem delikaten Moment vor einer grossen Ausstellung stattfinden soll und die Nerven des Löwen blankliegen.

Aber schon erreichen wir die Häuserecke in Queens, unweit des East River in New York, wo der Maler Rudolf Stingel sein stattlich bemessenes Atelier eingerichtet hat. Die Fenster sind von aussen silbern verspiegelt, die Türe ist freundlich angelehnt, und der grosse Geheimnisvolle unter den Stars des heutigen Kunstbetriebs schaut einem leicht skeptisch unter den buschigen Augenbrauen entgegen. «Kommt herein», sagt er, alle Befürchtungen in den Wind schlagend, auf Deutsch, mit einer sanften Stimme und weichem südlichen Akzent, denn der 63-Jährige stammt aus Meran.

In Stingels Arbeitsräumen stehen Farbtöpfe so gross wie Salatschüsseln.

Rudolf Stingel gehört schon seit mehreren Jahrzehnten zu den innovativsten Erforschern des zeitgenössischen Kunstideals, doch vielen ist er als Name wohl erst richtig geläufig geworden, als der Schweizer Künstler Urs Fischer ihn an der Venedig-Biennale 2011 vor einer grossen griechischen Skulptur langsam abbrennen liess. Am Schluss blieben nur die Beine ab dem Knie stehen. Dieses Stingel-Porträt in der Form einer Kerze war die Attraktion der Venedig-Schau und blieb in Erinnerung. Seine Wahlheimat USA hatte der Norditaliener damals längst erobert gehabt. Seine Werke waren gerade dabei, an Auktionen mit Riesenschritten an Preis zuzulegen.

Zwei Jahre später bekam Rudolf Stingel vom Sammler François Pinault für die Zeit der Biennale den ganzen Palazzo Grassi anvertraut und hat ihn komplett, von oben bis unten, alle Säle, Korridore und Seitenaufgänge, mit Teppichen ausgelegt. 5000 Quadratmeter Teppichboden waren das insgesamt, eigens angefertigt nach einem vergrösserten Orientteppichfoto. Der Palast wirkte fantastisch, wie Ali Babas Höhle, und die vor dem Hintergrund des Teppichwahnsinns ausgestellten Ölbilder Stingels konnten sich verblüffend gut behaupten. Wem es bis dato noch nicht klar war, wusste spätestens jetzt, dass an dem ­Italiener kein Vorbeikommen war. So schön und so spröde wie dieser konnte keiner sonst die zeitgenössische Kunst inszenieren.

Noch nicht ganz in der Schweiz angekommen

Im Atelier in Queens gibt es keine Teppiche, auch keine orangen Flokatis, mit denen Stingel schon früh in New York Furore machte. Dafür grosse Leinwände in schimmerndem Gold, unterlegt mit Blau und Rosa, Farbtöpfe mit wunderbaren Pastellpasten und so richtig altmodische Malerschuhe – grobe Treter mit Farbspritzern darauf. Viele der Bilder sehen reisefertig aus, und sie sind es auch, denn in der nächsten Woche werden sie nach Übersee verschifft, für die grosse Sommerausstellung in der Fondation Beyeler. Dem dynamischen Privatmuseum unter der Leitung Sam Kellers ist mit der Ein­ladung Rudolf Stingels für die Hauptausstellung des Jahres – während der Art Basel – ein effektvoller Coup gelungen.

Ein Miniaturmodell der Räume der Fondation Beyeler – inklusive Wandteppichen.

Wie kann es überhaupt sein, dass man in der Schweiz noch nicht mehr von Rudolf Stingel gesehen hat? Dem Künstler, der fast an der südlichen Schweizer Grenze aufgewachsen ist, auch die alpine Kultur in seinen Gemälden feiert und mit seiner differenzierten Haltung zur Moderne (streng und verspielt zugleich) sehr gut in die Schweizer Kunstlandschaft des leisen Zweifels passen würde?

In Queens steht mittlerweile die Fondation, oder zumindest ein Miniaturmodell ihrer Räume, auf dem grossen Ateliertisch in der Mitte. Wir beugen uns, gemeinsam mit dem Künstler, über die in Kleinformat bereits eingerichtete Ausstellung. Es gibt auch Teppiche! Aber vor allem an den Wänden. Wegen der Lüftungsschlitze im Holzboden, erfährt man, ­würde sich eine Palazzo-Grassi-Behandlung des Riehener Renzo-Piano-Baus nicht anbieten. Und überhaupt, sollte man seine Markenzeichen so extensiv pflegen? Es ­gehört zu den Eigentümlichkeit dieses Künstlers, dass er mit seinen Installationen auch Über­legungen wie diese reflektiert. Er betätigt sich dabei als regelrechter Alchemist: Kunst, die am Schluss des Prozesses steht, transformiert jede Berührung mit der Trivialität in erhabene Schönheit.

Halb archaisch, halb futuristisch

Diese Verwandlung bewerkstelligt Stingel mit Nonchalance und Stil, darin ist er ganz der Italiener. Selbst die alchemistische Losung «Gold aus Dreck» darf man bei ihm wörtlich nehmen. Wenn er etwa im Whitney-Museum jede verfügbare Oberfläche von einem der Räume mit Celotex-Isolierplatten auskleidet, die Besucher darin kritzeln lässt und dann die verkratzte Oberfläche in Bronze abgiesst, nur um sie anschliessend mit Altgold zu galvanisieren. Juwelengleich funkelnde Objekte entstehen daraus, die halb archaisch, halb futuristisch anmuten. Für Basel ist übrigens auch ein solcher Celotex-Raum geplant.

Einige Bilder sind schon bereit für die Reise nach Riehen.

Die schimmernden Bilder, die hier im Atelier an den Wänden hängen und angelehnt stehen, erklären etwas von der immer noch wachsenden Marktmacht dieses Künstlers (am 16. Mai wird etwa ein Gemälde bei Christie’s für 5 bis 7 Millionen Franken angeboten): Verführerischer kann man sich zeitgenössische Kunst nicht vorstellen. Diese Tafeln wirken umwerfend theatralisch, wie schwerer barocker Kirchenschmuck oder geheimnisvolle romantische Gemälde. Sie gehen aber auf ganz profane Vorgänge und Materialien zurück, etwa wenn der Künstler eine Styropor-Platte schnitzt, eine verwitterte Oberfläche abgiesst oder Sonnenuntergangsbilder aus dem Internet ornamental verfremdet. Daraus resultiert dann diese sattmachende Opulenz, doch der Künstler erlaubt das Spektakel nur darum, weil er es gleichzeitig mit banalen Mitteln sabotiert.

Als Stingel in den Achtziger­jahren nach New York kam, erlebte der Meraner, der nach eigener Aussage immer eher nach Norden orientiert war, einen Kulturschock. Die strengen Konzeptkünstler aus dem vorangehenden Jahrzehnt unterrichteten an den meisten amerikanischen Kunstschulen, sodass seine schon damals vor allem durch Präsenz überzeugenden Gemälde einen schweren Stand hatten. Ein anerkannter Künstler musste in der damaligem Kunstszene New Yorks eloquent über seine Werke sprechen können. Stingel ist aber einer jener wortkargen Maler alter Schule, die dem Gerede misstrauen. Ihm liegt eine müde Melancholie mit einem Schuss zynischer Weltabkehr mehr als alerter Diskurs zu gesellschaftspolitischen Themen. Entnervt fabrizierte er damals das ironische Werk «Gebrauchsanweisung», in dem er mit didaktischen Bildern das geneigte Pu­blikum in der Kunst unterwies, silbrig schimmernde Stingels selber herzustellen.

Traditionelle Werkzeuge: Pinsel in allen Grössen.

Seine Kunst sei Arte Povera mit Glamour, ist schon getitelt worden, doch das trifft den Nagel nicht ganz auf den Kopf. Da ist noch viel mehr als «zerstörte Oberfläche» in der Manier eines Lucio Fontana, der seine Leinwände mit einem Messer schlitzte. Mit Rudolf Stingel feiert gleichzeitig auch die lyrische Kunstauffassung aus der Zeit vor Arte Povera ihr Wiedersehen mit der Moderne. Wenn er sich etwa vom Künstlerkollegen Sam Samore in malerisch verlorenen Posen fotografieren lässt und diese Fotos in gemalte Selbstporträts verwandelt, die einen charismatischen Sog erzeugen. Auch diese Porträts reisen übrigens nach Riehen und leihen den stingelsch verwandelten Räumen ihre emotionale Tiefe.

Eine fast schon schmerzhaft schöne Installation

Vergleiche mit Gerhard Richter interessieren den Maler nicht, obwohl es da schon Ähnlichkeiten gäbe, unter anderem, dass beide Künstler nach Fotos malen und Abstraktion sowie Gegenständlichkeit gleichzeitig pflegen. Doch zu den guten Freunden Stingels gehören eher Maler wie der verstorbene Franz West, der italienische Kurator Francesco Bonami, der deutsche Museumsmann Udo Kittelmann, der auch die Beyeler-Schau kuratiert, oder eben der Mann mit den Kerzen, der aus Zürich stammende Meister der grossen Form, Urs Fischer. Mit Letzterem teilte sich Stingel sogar das Atelier in Queens, bevor ­Fischer nach Red Hook, Richtung Süden, weiterzog.

In einer Ecke des Ateliers wird inzwischen das Mittagessen serviert (eine Gewohnheit aus der Fischer-Zeit, das gemeinsame Kochen und Essen), und wir schicken uns an, den magischen Raum hinter den Spiegeln zu verlassen. Unser letzter Blick gilt noch einem Saal im Beyeler-Modell. Da hängt nur wenig: links ein üppiges Blumenbild, rechts ein Triptychon aus Tapetenmuster. Obwohl das hier erst ein Modell ist, wird einem die fast schmerzhafte Schönheit dieser Installation bewusst. Wer hätte das geahnt, denkt man, dasssolche Höhen und Tiefen in einer Tapete stecken.

Erstellt: 12.05.2019, 21:46 Uhr

Die Basler Ausstellung

Es ist die erste grosse Präsentation Rudolf Stingels in Europa nach derjenigen im Palazzo Grassi in ­Venedig (2013). Alle bedeutenden Werkserien aus den letzten zwanzig Jahren sind zu sehen, aber auch neue, noch nie gezeigte Werke. Das komplette Restaurant der Fondation Beyeler wird anlässlich der Ausstellung mit silbernen Celotex-­Platten ausgekleidet.

Riehen: Fondation Beyeler, vom 26. Mai bis zum 6. Oktober

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