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Gott zieht um, neue Mieter ziehen ein

Wie sich Kirchen und Klöster Geld beschaffen, indem sie ihre Immobilien umnutzen.

Freuen sich auf den Baubeginn der Wohnungen beim Kloster Heiligkreuz in Cham ZG: Ökonomin Schwester Anna-Rita Jörger (l.) und Priorin Simone Buchs.Foto: Joseph Khakshouri
Freuen sich auf den Baubeginn der Wohnungen beim Kloster Heiligkreuz in Cham ZG: Ökonomin Schwester Anna-Rita Jörger (l.) und Priorin Simone Buchs.Foto: Joseph Khakshouri

Cham ZG/Luzern Auf dem Gelände des Klosters Heiligkreuz in Cham herrscht nicht immer besinnliche Ruhe. Manchmal heulen die Sirenen und am Himmel dröhnen Helikopter. Das ehemalige Lehrerinnenseminar des Klosters dient Rettungskräften als Trainingsgelände für Sondereinsätze. «Die Feuerwehr übte vor kur­zem die Bergung von Schwerge­wich- ­­­­­t­igen», sagt Priorin Schwester ­Simone.

Das ans Kloster angebaute Seminar ist seit 2006 geschlossen. Danach diente es als Altersheim. Nun steht das Gebäude leer und zerfällt, genauso wie der einstige Kindergarten. Die derzeitige Zwischennutzung der Feuerwehr ist eine Notlösung. Dem Kloster fehlen Einkünfte. Früher besass es Ländereien. Die sind verkauft. Einst waren es 360 Schwestern, heute sind es noch 65 – Durchschnittsalter 76. «Neueintritte haben wir schon lange keine mehr, und es ist auch kein Nachwuchs in Sicht», sagt Schwester Anna-Rita, die Ökonomin des Klosters. Sie sieht die Lage nüchtern. «Aus wirtschaftlicher Sicht ist klar, dass wir regelmässige neue Einnahmen benötigen.»

Deshalb haben sich die Schwestern für eine radikale Lösung entschieden: den Abriss von Seminar und Kindergarten. An ihre Stelle kommen 80 altersgerecht gebaute Miet- und Eigentumswohnungen. Rund 2000 Franken Miete wird eine 3,5-Zimmer-Wohnung kosten. Für die Region Zug ist das unterdurchschnittlich. «Luxuswohnungen hätten wir hier nicht ­gewollt. Das Projekt muss zum Klosterbetrieb passen», sagt Schwester Simone. Das Land bleibt im Besitz des Klosters. Das Immobilienunternehmen erhält ein ­Baurecht für 100 Jahre und zahlt dafür Zinsen. Ein Konzept, das auch bei anderen Klöstern auf Interesse stösst. «Wir haben schon Anfragen von mehreren anderen Klöstern erhalten», sagt Sibylle Huwiler vom verantwortlichen ­Immobilienunternehmen Huwiler & Partner. Sie sieht viel Potenzial für Neubauten in den Gärten von Klöstern.

Tai-Chi-Kurse, Restaurants, Büros in alten Gemäuern

Dutzende Schweizer Klöster suchen nach neuen Einnahmen und stehen vor einer Umnutzung oder dem Verkauf, wie eine Erhebung der Universität Bern zeigt. Einige haben den Schritt bereits gemacht und dabei ganz unterschiedliche Lösungen gefunden. Die Kapuzinerinnen des Klosters Wattwil im Kanton St. Gallen sind 2010 aus dem über 400 Jahre alten Gebäude ausgezogen, nachdem sie nur noch zu siebt waren. Nun wohnen dort Jugendliche mit Suchtproblemen.

Schwestern des Dominikanerinnenklosters in Ilanz GR haben Management-Workshops der Universität St. Gallen besucht, um neue Geschäftsmodelle für die Räume des ehemaligen Internats zu entwickeln und zu vermarkten. Heute finden im Kloster Kurse statt. Thai Chi, der Umgang mit Neuen Medien und spirituelle Angebote stehen auf dem Programm. Weiterhin leben dort mehr als 110 Schwestern.

Nicht immer gelingt eine Umnutzung. Die Kapuziner verkauften ihr Kloster in Stans 2004 dem Kanton Nidwalden. Sie kämpfen wie andere Orden mit einem massiven Schwund an Mitgliedern. 1965 waren sie in der Schweiz noch 800 Brüder. Heute sind es 145. Der Kanton Nidwalden liess 2007 die Biotechnologiefirma Mondo Biotech in die Gemäuer einziehen, in denen seit 1684 die Bettelmönche hausten. Das stiess bei den kapitalismuskritischen Brüdern auf wenig Begeisterung. 2014 zog das Unternehmen nach Schwierigkeiten im Geschäft und Umstrukturierungen wieder aus. «Der Kanton vermietete das Kloster an ein Unternehmen, von dem er sich grosse Rendite und eine Renovation des Gebäudes erhoffte, doch die Seifenblase platzte», sagt Willi Anderau, Mediensprecher der Deutschschweizer Kapuziner.

Der Kanton bezahlte eine Million für das Kloster. 2015 verkaufte er es für einen Franken an ein Generalunternehmen, das es für sieben Millionen Franken umbaut und dort eine Gastronomieschule eröffnen will.

Spezielle Bauvorschriften und eine Volksabstimmung

Solchen Umbauten sind Grenzen durch die Denkmalpflege gesetzt. Gleichzeitig gilt es immer strengere feuerpolizeiliche Vorschriften zu erfüllen. Eine anspruchsvolle Kombination.

Im Kloster Wesemlin in Luzern wollen die 13 dort lebenden Kapuziner den Betrieb möglichst lange aufrechterhalten. Dies soll der Bau von dreissig 2,5- und 3,5-Zimmer-Wohnungen im Garten des zentral gelegenen Klosters ermöglichen. Es ist der grösste private Garten der Stadt Luzern. Ohne zusätzliche Einnahmen droht auch Wesemlin das Aus. «Der Unterhalt eines Klosters ist teuer. Die Einnahmen der neuen Wohnungen werden gerade mal reichen, um die laufenden Kosten zu decken», sagt Kapuziner-Sprecher Anderau. Doch in Luzern haben die Bauarbeiten wegen Einsprachen noch nicht begonnen.

Auch die Schwestern im ­Kloster Heiligkreuz brauchten Geduld. Fünf Jahre dauerte das Planungs- und Bewilligungsverfahren. Für das Klosterareal gelten spezielle Bauvorschriften. Sogar eine Volksabstimmung war nötig. Doch diesen Monat kam endlich die Baubewilligung. Bald werden die Bagger im Garten des Klosters auffahren. Die bringen Lärm und Staub. Das schreckt die Klostergemeinschaft aber nicht ab – im Gegenteil, sie freut sich darüber, sagt Schwester Anna-Rita. «Die Klosterfrauen sind ungeduldig. Sie wollen die Bauarbeiten noch vom Kloster aus verfolgen und nicht erst vom Himmel.»

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