Greenpeace und VCS verlieren jährlich Tausende Mitglieder

Die Organisationen sind auf Schrumpfkurs. Sie gelten als zu radikal – Pro Natura macht es besser und ist erfolgreich wie nie zuvor.

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Das Glühwürmchen ist kein Wurm, sondern ein Käfer. Es glüht auch nicht, sondern es leuchtet. Der korrekte Name lautet «Grosser Leuchtkäfer». Pro Natura hat das Insekt zum Tier des Jahres 2019 erkoren und bei dieser Gelegenheit allerlei Wissenswertes über den Käfer verbreitet.

Die Schweizer lieben solche Nachrichten: Die Naturschutzorganisation ist erfolgreich wie nie zuvor – rund 150'000 Mitglieder hat der Verband heute. Das ist Rekord. Vor zehn Jahren waren es erst etwas mehr als 100'000.

Eine grüne Welle hat die Welt erfasst: Hunderttausende Schüler nehmen seit Monaten an Klimastreiks teil. Mit dem Kampf gegen CO2, Pestizide und Plastik im Meer lässt sich auch in der Schweiz wieder politisch punkten. Laut Tamedia-Wahlumfrage wird die grüne Partei bei den nationalen Wahlen im Oktober kräftig zulegen und fast zur CVP aufschliessen.

«Ökoterror» und «Spassbremse»

Doch nicht alle profitieren. Der Verkehrs-Club der Schweiz (VCS) befindet sich seit Jahren im Krebsgang. Jährlich kehren Tausende Mitglieder dem Verband den Rücken. Der einst stolze Verein, der Mitte der Nullerjahre noch rund 140'000 Mitglieder hatte, ist Ende 2017 bei nur noch knapp über 100'000 angelangt.

Wie viele es per Ende 2018 sind, will der VCS auf Anfrage nicht bekannt geben. Auf der Geschäftsstelle heisst es bloss, es seien auch 2018 noch mehr als 100'000. Gut unterrichtete Quellen bezweifeln diese Aussage jedoch. Angesichts des Negativtrends der letzten Jahre sei klar, dass die magische Grenze von 100'000 mittlerweile unterschritten sein müsse.

So oder so haftet dem VCS ein Verhinderer-Image an, er gilt als «Spassbremse» – als Organisation unter der Fuchtel von grasgrünen Fundamentalisten. Immer wieder kommt es intern zu ideologischen Streitereien um die Ausrichtung. 2017 schasste der VCS seine langjährige Geschäftsführerin, sie galt als Pragmatikerin – jetzt ist wieder die «Birkenstock-Fraktion» am Drücker, wie Spötter sagen.

Auf Schrumpfkurs ist auch Greenpeace. Die Umweltschutzorganisation generiert zwar oft Medienpräsenz, eckt aber auch an. Mit Transparenten stört sie mal ein Champions-League-Spiel in Basel oder die Generalversammlung der Credit Suisse in Zürich. Doch es scheint, also würde dieses Auffallen-um-jeden-Preis nach dem ewig gleichen Muster nicht mehr goutiert. Auch in der Schweiz verliert Greenpeace Supporter und Geld – und damit Einfluss. «Die politische Schlagkraft ist erlahmt», titelte sogar die linke ­«Wochenzeitung». Zoff und Personalabgänge jedenfalls kennt auch Greenpeace – eine Gemeinsamkeit mit dem VCS.

Warum das Image von Green­peace leidet, scheint die Organisation allerdings wenig zu kümmern. Geschäftsführerin Iris Menn sagt dazu bloss, es lasse sich «nie mit absoluter Bestimmtheit» sagen, warum es bei den Spenden einen Rückgang gebe. Dabei ist offensichtlich: Der Radikalkurs, die Maximalforderungen und die Kompromisslosigkeit sind unpopulär geworden im Volk.

Das lässt sich am Niedergang des VCS zeigen: Obwohl die Zürcher 2003 Ja gesagt hatten zum Neubau des Hardturm-Stadions, bekämpfte der VCS das Projekt bis zum bitteren Ende. Die Credit ­Suisse als Geldgeberin liess die Pläne schliesslich zermürbt fallen. Der damalige Stadtpräsident Elmar Ledergerber sprach öffentlich von «Ökoterror».

Dieser Ruf haftet dem Verband bis heute an. Und er wird weiter kultiviert: Ein neues Parkhaus hier, ein neues Einkaufszentrum da? Eine Seilbahn über den Zürichsee oder ein Formel-E-Rennen? Der VCS legt sich quer.

Ein gewisses Image als Verhinderer will VCS-Geschäftsführer Anders Gautschi gar nicht wegdiskutieren – es ist Teil des Programms. «Dank dem Verbandsbeschwerderecht werden heute Anliegen der Umwelt und der ­Bevölkerung bei grossen Bau­projekten besser berücksichtigt», sagt Gautschi, der den Verband nach den jüngsten Querelen seit letztem Sommer führt. Und das sei «ein wesentliches Verdienst» des VCS.

VCS will besser kommunizieren und jünger werden

Trotzdem findet Gautschi nicht alles gut, was sein Verband macht – verbessern will er die Kommunikation. «Wir sind die einzige national tätige Organisation, die sich konsequent und umfassend für einen umweltverträglichen Verkehr einsetzt», sagt Gautschi. Das sei zu wenig bekannt.

Allerdings dürfte der Mitgliederschwund kaum nur mit dem Image zusammenhängen. Früher gab es viele Autobesitzer, die wegen der Versicherungen beim VCS waren. Weil heute die Autokonzerne solche Dienstleistungen oft gleich selbst anbieten, bricht dem VCS mehr und mehr ein Standbein weg. Mit anderen Worten: Die alten Mitglieder sterben weg, zu wenig junge kommen nach. Der Geschäftsführer strebt denn auch «eine Verjüngung» an.

Solche Probleme sind dem WWF fremd. Die Naturschutzorganisation hat in der Schweiz wie Pro Natura in den letzten Jahren Supporter und Mitglieder gewonnen. Daran ändert auch nichts, dass die Organisation immer wieder Vorwürfen ausgesetzt ist. Erst diese Woche berichtete das US-Onlinemagazin «Buzzfeed», dass der WWF Anti-Wilderer-Einheiten mitfinanziert haben soll, die folterten und sogar mordeten. Doch wenn es um die Akquirierung von Nachwuchs geht, zeigt der WWF auch seine sanfte Seite. Die Organisation bietet Kindern eigene Exkursionen und Magazine sowie eine breite Palette an Stofftieren. Tatsächlich seien die Kleinsten «eine wichtige Gruppe bei den Mitgliedern», sagt WWF-Sprecher Philip Gehri.

Kein Wunder, dass man sich bei Pro Natura für das Glühwürmchen als Tier des Jahres 2019 entschied.

Erstellt: 09.03.2019, 23:10 Uhr

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