Griff nach den Sternen

Markus Somm über die Chefs der ABB.

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Noch sucht die ABB nach einem CEO, während Präsident Peter ­Voser, dessen Vater einst als Montagechef bei der BBC gearbeitet hatte, interimistisch auch als CEO eingesprungen ist. BBC hiess die Firma, bevor sie 1988 mit der schwedischen Asea zur ABB ­fusionierte. Voser wäre wohl besser schon früher CEO geworden, nachdem er in den Jahren 2002 bis 2004 als Finanzchef die Firma vor dem sicheren Untergang gerettet hatte, doch dem damaligen Präsidenten Jürgen Dormann war Voser – ein KV- und Fachhochschulabgänger, ein knorziger, eher stiller Mann – bereits zu mächtig oder zu fähig oder beides. Voser verliess die ABB – und seither hat sich der Niedergang schier unaufhaltsam fortgesetzt. Als Ende 2018 bekannt wurde, dass die ABB ihre Stromnetzsparte an die ­japanische Hitachi veräussern will und bald darauf der ziemlich ­erfolglose CEO Ulrich Spiesshofer gehen musste, wurde auch dem unbefangensten Beobachter klar, dass womöglich das definitive Ende einer einst charismatischen Firma bevorstand. Ist ausgerechnet Voser, der wie ich in einer sogenannten BBC-Familie aufgewachsen ist, wie es Abertausende in Baden gab, ist ausgerechnet Voser der Mann, der als Letzter das Licht löscht?

Selbstverständlich hoffe ich das nicht, und ich wünsche ihm eine glückliche Hand, umso mehr, als gerade die Geschichte der Brown Boveri & Cie. (BBC) zeigt, wie wichtig eine geregelte Nach-folge ist. Inzwischen bin ich gar überzeugt, dass der Niedergang, den wir heute beklagen, eigentlich damit begonnen hatte: mit einer ­ungelösten Personalie.

In den 1960er-Jahren galt Walter Boveri, der Sohn eines der Gründer und damaliger Präsident der BBC, als der wohl mächtigste Industrielle der Schweiz. Er war auch der unbeliebteste. Zwar fähig, intelligent und hochverdient – immerhin hatte er die BBC in den 1930er-Jahren vor dem Bankrott bewahrt –, war er eben auch ein Mann mit dunklen Seiten. Autoritär und unnahbar. Im Gegensatz zu seinem Vater lebte er nicht mehr in Baden, sondern hoch über Herrliberg in einem Haus, das er selbst geplant hatte, eine Festung eher, weit weg von allen Menschen. Bloss einmal in der Woche kreuzte er in Baden auf, immer im Cadillac mit Chauffeur, mit Vorliebe trug er Kamelhaarmäntel. Wenn er eine Sitzung abhielt, sprach er vor allem von sich selbst, während die Untergebenen verzweifelt versuchten, herauszufinden, was er über das ­Geschäft denn dachte. Man hasste ihn in Baden, wo er fast jeden Manager routinemässig abkanzelte, man hasste ihn in Bern, wo er berüchtigt dafür war, dass er Bundesräte wie BBC-Lehrlinge über die Weltpolitik und darüber hinaus belehrte.¨

Demütigung durch Barzahlung

Man konnte ihn den Herren in Baden nicht mehr zumuten», erzählte mir einst Paul Eisenring, der verstorbene CVP-Nationalrat, der zu jener Zeit Boveri beriet, «zu ausfällig, zu bitter, zu überheblich». Also suchte man nach einem Nachfolger, den man lange nicht fand, zum einen, weil Boveri sich sträubte, zum andern, weil Boveri einen so aufwendigen Lebensstil pflegte, dass er nur zurücktreten wollte, wenn man ihm seinen Aktienanteil an der BBC abkaufte. Dafür verlangte er Bargeld. Einen so hohen Betrag konnten sich jedoch nur wenige leisten. Einer davon hiess Max Schmidheiny, der zweitmächtigste Industrielle, aber ungleich reichere der beiden, die sich übrigens nicht ausstehen konnten. Trotzdem kam man ins Geschäft. Vielleicht gefiel es Schmidheiny, den arroganten Boveri mit einer Barzahlung zu demütigen: Jedenfalls wurde Schmidheiny 1966 Verwaltungsratspräsident der BBC. Und nun ­begann das Elend erst recht. Denn Schmidheiny, bei allen Verdiensten, die er sonst haben mag, kümmerte sich kaum um die BBC, ­immerhin der grösste Konzern des Landes, und liess die Dinge schleifen. Schon nach drei Jahren langweilte oder überforderte ihn die Aufgabe. Erneut suchte man einen Nachfolger.

Nun sollte es ein Bundesrat sein: Hans Schaffner, ein blitzgescheiter Berner mit Aargauer Wurzeln. Doch auch diese Personalie fand kein gutes Ende, denn als es darum ging, dass ihn die General-versammlung der BBC wählte, bestand Schaffner darauf, dass sich ­keiner gegen ihn stellte. Demokratie war ihm schon recht, solange er nicht davon betroffen war. Es kam, wie es musste. Ein Gewerkschaftsvertreter stand auf und reklamierte – umgehend liess Schaffner mitteilen, dass er nicht mehr zur Verfügung stehe. Er werde mit Freude künftig im Zug an Baden vorbeifahren, sagte er noch, während der Verwaltungsrat der BBC verhagelt, begossen und ratlos da sass. Man hatte keinen Plan B vorbereitet. Weil kein anderer Kandidat in Griffweite war, nahm man Franz Luterbacher, der seit kurzem bei der BBC arbeitete, ebenfalls ein Berner. Vorher hatte er die Maschinenfabrik Oerlikon geleitet und beinahe in den Ruin getrieben, bis die BBC sie übernahm. Also nicht unbedingt ein Mann mit Meriten, ebenso wenig eine sorgfältige Wahl noch eine glückliche. Unter ­Luterbacher geriet die BBC in ständiges Schlingern, das nicht mehr aufhörte bis zur Fusion. Heute gehen viele Kenner der BBC-Geschichte davon aus, dass mit Luterbacher der Niedergang einsetzte.

Walter Boveri glaubte ernsthaft an die Astrologie, oft machte er Geschäftsentscheide von der Konstellation der Sterne abhängig. Trotzdem blühte die Firma unter ihm während Jahrzehnten. An den Sternen hat es nicht gelegen.

Markus Somm ist Autor der SonntagsZeitung.



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Erstellt: 29.06.2019, 22:13 Uhr

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