Grosse Gefühle statt nur Bierdosen

Kaum etwas wird momentan so romantisiert wie die «Bromance», die tiefe Freundschaft zwischen Männern. Vielleicht, weil sie im richtigen Leben vielen fehlt.

Mehr als nur Freundschaft: die Bromance zwischen Matt Damon und Ben Affleck.

Mehr als nur Freundschaft: die Bromance zwischen Matt Damon und Ben Affleck. Bild: Reuters

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Die Szene, in der Winnetou zu Geigenklängen in den Armen von Old Shatterhand stirbt und sie einander nicht mehr viel sagen ausser «mein Bruder», weil damit alles gesagt ist – diese Szene ist so klischiert und passt zugleich so gut zum wachsenden Hype, der um enge Männerfreundschaften gemacht wird. Jedes Mal, wenn zwei Kerle öffentlich zeigen und sagen, wie sehr sie sich mögen, sind alle ganz ergriffen.

So wie bei Barack Obama, als er seinen Vize Joe Biden vor einem Millionenpublikum als Bruder bezeichnete, mit einer Freiheits­medaille überraschte und Biden damit zu Tränen rührte. So wie bei Marco Streller, als er im «Sportpanorama» über seinen Freund Benjamin Huggel sagte: «Sein Rücktritt hat mein Herz tief berührt.»

Barack Obama rührt Joe Biden zu Tränen. (Quelle: Youtube/Euronews)

Auch zahlreiche andere Prominente wie Matt Damon und Ben Affleck, Brad Pitt und George Clooney, Justin Timberlake und Jimmy Fallon pflegen seit Jahren enge Beziehungen. «Bromance» werden sie genannt, ein Mix aus «Brother» und «Romance», ein bisschen Bruder, ein bisschen Romantik, kurz: Seelenverwandte ohne Sex.

«Bromance»-Begriff wird zweckentfremdet

Die Entzückung darüber geht so weit, dass man als Frau am liebsten auch eine Bromance hätte, weil bei Männerfreundschaften immer ein bisschen Abenteuer mitschwingt, dieses Unbeschwerte, Unverkrampfte in Kombination mit Gefühlen in der richtigen Dosis von nicht zu viel und – neuerdings ganz offensichtlich – auch nicht zu wenig.

Der Begriff ist momentan so populär, dass er medial auf geradezu inflationäre Weise zweckentfremdet wird und alle gleich «Bromance» jubeln, wenn sich zwei Männer nur schon gemeinsam blicken lassen. Justin Trudeau und Emmanuel Macron beim G-7-Gipfel vor malerischer Kulisse auf Sizilien: «Bromance!» Trump bei Putin: «Bromance!» Und als kürzlich Nicolas Stemann und Benjamin von Blomberg als neues Leitungsduo für das Zürcher Schauspielhaus vorgestellt wurden, auch da gab es ein begeistertes «Bromance!». Mit liebevoller Zuneigung haben diese Zweckbündnisse natürlich nichts zu tun.

Bester Freund statt «Bachelor»

Nur: Was hat diese Idealisierung zu bedeuten? Wandelt sich da etwa gerade das Konzept der Männerfreundschaft? Kommen nun nicht mehr nur die Bierdosen auf den Tisch, sondern auch die Gefühle? Darf man sich nun selbstverständlich umarmen und küssen, statt sich einfach nur lässig auf die Schulter zu klopfen?

Filme zelebrieren Männerfreundschaften schon seit einer Weile, zum Beispiel «I Love You, Man!». Darin muss ein Mann um die 40 einen neuen besten Freund finden, weil er keinen Trauzeugen hat. In der MTV-Realityshow «Bromance» – so etwas wie «Bachelor», einfach ohne Frauen – gab es dasselbe mit einem wirklichen Mann.

Männerbeziehungen gelten als weniger wertvoll

Das ist alles sehr schön, aber: «Die Freundschaftsbeziehung zwischen Männern wird durch diese Idealisierung der Bromance weder emotionaler, noch wird sie ernster genommen», sagt Steve Stiehler, Dozent für Soziale Arbeit an der Fachhochschule St. Gallen und Autor des Buches «Männerfreundschaften – Grundlagen und Dynamiken einer vernachlässigten Ressource». Der Wert von Männerfreundschaften hinke in der Wahrnehmung demjenigen von Frauen noch immer hinterher.

Das liegt laut Stiehler auch daran, dass Freundschaften mit weiblichen und nicht mit männlichen Massstäben gemessen werden. Freundinnen tauschen sich über alles aus, was sie bewegt und berührt, daher gelten die emotionale und die körperliche Nähe als Gradmesser dafür, wie tiefgründig eine Freundschaft ist. Da können Männer meist nicht mithalten. Ihre Freundschaften sind anders als bei Frauen fast immer an eine gemeinsame Aktivität gekoppelt. Man trifft sich jeden Dienstag zum Fussballschauen und zweimal pro Monat zum Töggelen, aber kaum einfach so, um Probleme zu wälzen.

«Vielen Männern reicht es, zu wissen, dass es einen Freund gibt, an den sie sich im Ernstfall wenden können.»Steve Stiehler, Autor von «Männerfreundschaften»

«Das wirkt nicht gerade tiefgründig, aber vielen Männern reicht es, zu wissen, dass es einen Freund gibt, an den sie sich im Ernstfall wenden können», sagt Steve Stiehler. Selbst wenn es sich dabei um «ruhende» Freunde handelt, mit denen sie seit Monaten oder gar Jahren keinen Kontakt haben, von denen sie aber meinen, sie jederzeit aktivieren zu können. «Die meisten tun es am Ende trotzdem nicht.» Ist die Bromance also nur ein schickes Etikett, das mit der Realität wenig bis nichts zu tun hat?

Jungs schwärmen noch von ihren Freunden

Selbst Soziologen haben Mühe, Antworten zu Freundschaften zu finden – auch weil sich bislang erst wenige Forscher mit dem Thema als eigenständigem Phänomen beschäftigt haben. So übertünchen stereotype Vorstellungen oft feine Nuancen. Frauenfreundschaften können aber so zweckgebunden sein wie Männerfreundschaften emotional.

Die amerikanische Soziologin Lisa Wade ist überzeugt, dass sich Männer genauso nach engen Freundschaften sehnen wie Frauen. «Sie wissen nur nicht, wie das geht.» Vielleicht lässt sich der wachsende Hype um Männerfreundschaften auch mit dieser Sehnsucht erklären.

«Männer sehnen sich genauso nach engen Freundschaften wie Frauen. Sie wissen nur nicht, wie das geht.» Lisa Wade, Soziologin

In ihren Untersuchungen hat Lisa Wade die spannende Entdeckung gemacht, dass kleine Jungs noch liebevoll von ihrem besten Freund schwärmen, von der Verbundenheit und Nähe, die sie teilen. Aber dann, mit etwa 15 oder 16 Jahren, ändert sich das plötzlich. Freundschaften werden auf einmal kumpelhaft nüchtern beschrieben und nicht mehr emotional – als nett, aber nicht zwingend, passend zum Bild des einsamen Wolfs, der ganz gut alleine zurechtkommt.

In diesem Alter gilt es, möglichst ­alles Weibliche zu vermeiden – emotionale Zuneigung und körperliche Nähe gelten als unmännlich oder schwul. Diese Vorstellung hält sich hartnäckig bis ins Erwachsenenalter. Am Bedürfnis nach engen Freundschaften ändert das jedoch nichts.

Erst der Tod und dann die Emotionen

Ähnliches fiel dem Berliner ­Literaturprofessor Andreas Krass auf, als er für sein Buch «Ein Herz und eine Seele: Geschichte der Männerfreundschaft» zahlreiche Freundschaften von der Antike bis zur Neuzeit analysierte. «In literarischen Geschichten sprechen «Männer meist erst dann passioniert über ihren besten Freund, wenn dieser im Sterben liegt oder bereits tot ist.»

Winnetou stirbt in den Armen seines Blutsbruders Old Shatterhand. (Quelle: Youtube)

Erst dann gilt es ­offenbar als sicher, Emotionen für einen Freund zu zeigen, ohne unter Schwulenverdacht zu geraten. Im richtigen Leben trauen sich die meisten auch erst mit genügend Promille im Blut, dem Freund zu sagen, wie viel er einem bedeute. Im Begriff «Bromance» ist das Sexuelle durch das verwandtschaftliche «Brother» ebenfalls schon eliminiert – mit dem Bruder hat man ja schliesslich keinen Sex.

Neue Freunde zu finden, fällt vielen Männern schwer

Dabei wären gerade enge Freundschaften gesundheitsfördernd. Keine Freunde zu haben, soll genauso schädlich sein wie Rauchen. Schimpansen- und Rattenmännchen etwa kuscheln sich in belastenden Situationen an andere Männchen, um sich zu erholen. Hiesige Menschenmänner hingegen tun sich schon schwer, neue Freundschaften zu knüpfen.

«Männer sind in dieser Beziehung komischerweise überhaupt nicht locker. Vielen fehlt es an den sozialen Fähigkeiten, ­jemanden zu fragen, ob er nach der Arbeit ein Bier trinken gehen möchte», sagt der FAZ-Journalist Tobias Rüther, der im Buch «Männerfreundschaft: Ein Abenteuer» versucht hat, sich dem Thema anzunähern. Es gebe viele Männer, die darunter litten, keinen engen Freund zu haben.

Die Sehnsucht, einfach abzuhauen mit dem Freund

Für sein Buch setzte sich Rüther mit fiktionalen Freundschaften aus Filmen und Büchern auseinander, er befragte aber auch echte Freunde. Bei allen fand er einen gemeinsamen Nenner, nämlich die romantische Sehnsucht, einfach abzuhauen mit dem besten Freund, und der Vorstellung vor Augen, dass da draussen das wahre Abenteuer wartet, das man mit seinem Seelenverwandten teilen kann.

«Die Frage ist, ob diese Sehnsucht in unseren Genen verankert ist oder ob es an den vielen Filmen und Büchern liegt, mit denen wir aufwachsen und die allesamt romantisierend von Männern erzählen, die durch dick und dünn gehen und sich füreinander aufopfern.» Für empfängliche Seelen sei dieses Ideal sehr verführerisch und pflanze bei ihnen einen lebenslangen Traum ein.

In der Realität ist mit Mitte 40 der alte Freundeskreis wegen Kind und Karriere meist auf mehr als die Hälfte zusammengeschrumpft, und viele Männer im fortgeschrittenen Alter haben kaum enge Vertraute ausserhalb der eigenen Beziehung, was bei einer allfälligen Trennung fatal sein kann. Der Bromance-Hype kommt da vielleicht gerade recht. (SonntagsZeitung)

Erstellt: 22.07.2017, 21:51 Uhr

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