So machen Sie klimaneutral Ferien

Zug oder Flug? Wer umweltschonend verreisen will, muss sich diese 9 Gewissensfragen stellen.

Wer grün reisen will, muss mehr als eine CO<sub>2</sub>-Kompensation buchen. Foto: Istock

Wer grün reisen will, muss mehr als eine CO2-Kompensation buchen. Foto: Istock

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Diese Woche beginnen in einigen Kantonen die Herbstferien, und an den Flughäfen werden sich Schlangen bilden – Schweizerinnen und Schweizer reisen trotz Debatten um Klima und Overtourism nach wie vor gerne. Vor allem Kurztrips sind beliebt: 58 ­Prozent verreisen laut einer Umfrage der ­Allianz zwei oder mehrmals pro Jahr für eine bis zwei Nächte. Doch genau solche kurzen Vergnügungsreisen geraten allmählich in Verruf. Kunden im ­Reisebüro sind verunsichert: Was ist noch salonfähig, wenn es an die Sonne oder auf einen Städtetrip geht? Wie geht Reisen mit grünem Anstrich überhaupt?

Jahrelang waren die Veranstalter vor allem darum bemüht, den Kunden möglichst viele Arrangements an die schönsten Orte der Welt zu verkaufen. Nun aber müssen sie neue Töne anschlagen, um ihre Klientel abzuholen. «Nachhaltig unterwegs in den Herbstferien» – so titelte die Migros-Tochter Hotelplan vor ein paar Wochen in einem ­Communiqué und gab Tipps für Reisende: Eigene Trinkflasche statt PET am Strand, Zug statt Flug, internationale Fast-Food-Restaurants meiden. Auch der Schweizer Reise-Verband bereitet die Branche diskret auf die neue grüne Welle vor: Ende August fand ein Workshop statt, in welchem die Profis von der Verkaufsfront lernten, wie sie ihre Kunden zu ressourcenschonenderem Reisen animieren könnten.

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Das Problem ist: Wer wirklich grün durch die Welt tingeln will, muss weit mehr tun, als eine CO2-Kompensation zu buchen. «Wer korrekt reisen will, ist dauernd in Verhandlung mit sich ­selber», sagt Nina Sahdeva vom Reiseportal Fair­unterwegs.org. Die Liste potenzieller Nachhaltigkeitssünden ist lang und reicht bis zur falschen Sonnencreme, die Korallenriffe schädigen kann:

  • Gewissensfrage 1: Zug oder Flug? Die Empfehlung an Reisebüros lautet: Unter 800 Kilometern Anreise mit Bahn oder Bus. Airlines nennen als Richtwert in der Regel zwischen 400 und 500 Kilo­meter.
  • Gewissensfrage 2: Direktflug oder umsteigen? Der direkte Flug ist zwar teurer, aber er ist weniger schädlich für die Umwelt. Wer etwa von Zürich nach Kapstadt fliegt, verursacht gemäss Myclimate-­Berechnungen 33 Prozent mehr CO2, wenn er via ­Dubai statt direkt fliegt.
  • Gewissensfrage 3: Kurze oder längere Trips? Tendenziell wird empfohlen, das Ferienkonto eher mit längeren Trips aufzubrauchen, wenn man denn fliegt. Ab 800 Flugkilometern empfehlen Fachleute mindestens eine Woche Aufenthaltsdauer, ab 3800 Kilometern mindestens zwei Wochen. Nina Sahdevas Faustregel lautet sogar: Pro Stunde ­Fliegen sollte man eine Woche Ferien investieren.
  • Gewissensfrage 4: Luxus-Unterkunft oder Touristen-Bleibe? Wer auf den Onlineportalen ein Fünfsternhotel an Traumlage zum Schnäppchenpreis findet, freut sich, weil er mehr fürs Geld bekommt. Dumm ist: Solche Luxusunterkünfte verbrauchen bis zu fünfmal mehr Energie, etwa für die Beheizung der Pools oder Wellnessanlagen. Wer diese Extras nicht braucht oder nur kurz dort ist, sollte eine weniger infrastrukturlastige Unterkunft wählen, was in der Regel die einfacheren Hotels sind.
  • Gewissensfrage 5: Hotel mit ­Knospe oder ohne Gütesiegel? Biosphere, Earthcheck oder Green Globe: Weltweit existieren über 150 Gütesiegel für nachhaltige touristische Institutionen. Nachprüfen lohnt sich. Gibt es im Hotel eine Kinderschutz-Policy? Ist das Personal in einer Festanstellung? Wie viel Wasser wird verbraucht? Fragen wie diese können solche Labels unter ­Umständen klären. Durch den Erfolg von Airbnb wurde der Overtourism massiv angeheizt. Mit der Plattform Fairbnb.coop soll bald eine nachhaltige Alternative entstehen.
  • Gewissensfrage 6: All-inclusive oder à la carte? ­All-inclusive-Modelle sind bei Touristen, die aufs Budget achten müssen, beliebt – bei Familien etwa. Unter dem Aspekt des Food-Waste sind sie allerdings nicht nachhaltig.
  • Gewissensfrage 7: Jetski-Fahren oder Paddeln? Es macht Spass, mit dem Jetski über das Meer oder mit einem Quad durch die Natur zu düsen – es ist aber leider nicht sehr grün. ­Hotelplan empfiehlt Paddeln oder ­Velofahren als Alternativen.
  • Gewissensfrage 8: Kreuzfahrt – ja oder nein? Eigentlich seien Kreuzfahrten aufgrund ihrer Emissionen, den Arbeitsbedingungen des Personals und des mangelnden Profits für das lokale Gewerbe vor Ort ein No-go, meint Nina Sahdeva von Fairunterwegs.org. Reiseveranstalter sehen das anders: «Selbstverständlich verkaufen wir weiterhin Kreuzfahrten», sagt selbst Globetrotter-­Chef André Lüthi, der Prediger des korrekten Reisens. Er rät den Kunden jedoch, neue, umweltschonendere ­Schiffe zu buchen statt «alte Kähne».
  • Gewissensfrage 9: Ferienfotos auf Instagram posten? Das Phänomen wird immer heisser diskutiert: Touristen fotografieren pittoreske Orte und laden die Bilder auf Instagram. Mit dem Effekt, dass Tausende andere auch dorthin wollen und der Overtourism angeheizt wird. «Runiniert Geotagging Naturwunder?», fragte letztes Jahr die «New York Times». WWF Frankreich hat diesen Sommer eine Sensibilisierungskampagne unter dem Titel «I protect nature» gestartet, mit einem fiktiven Geotag für Instagram. Statt auf den entsprechenden Ort wurde auf den WWF-Standort in Frankreich ­verwiesen.

Der Reiseverband will seinen Umwelt-Workshop nicht als Erziehungsoffensive verstanden wissen. «Es ist nicht der Job des Reiseberaters, den Kunden ins Gewissen zu reden», stellt SRV-Präsident Max Katz klar. Es gehe darum, grüne Alternativen anbieten zu ­können. Die Kunden aber sind offenbar bis dato zurückhaltend. Eine Umfrage, die der Verband unter seinen Mitgliedern gemacht hat, zeigt: Erst 38 Prozent der Reisebüros glauben, dass der Anteil Buchungen mit Thema Klimawandel deutlich bis sehr deutlich zunehmen wird.



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Erstellt: 07.10.2019, 20:37 Uhr

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