Grüne Hypnose

Bei ihrem Wahlsieg hatten die Grünen «die Wissenschaft» auf ihrer Seite. Dabei sind sie die forschungsfeindlichste Partei der Schweiz, schreibt Andreas Kunz.

Illustration: Kornel Stadler

Illustration: Kornel Stadler

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Am Ende hat für die Grünen alles gepasst – selbst die Sieges-Metaphern gerieten naturalistisch: Ein Erdrutsch, ein Sturm, eine Welle, ja gar eine Flut sei letzten Sonntag über die Schweiz hereingebrochen. Seit 100 Jahren konnte keine Partei bei Wahlen so stark zulegen wie die Grünen. Aus der einst belächelten Wald-und-Wiesen-Bewegung ist eine strahlende neue Volkspartei entstanden – wie der Schmetterling aus der Raupe sozusagen.

Viel ist über die Partei seither geschrieben worden – ein Aspekt ging vergessen: Der überwältigende Sieg wäre unmöglich gewesen, wenn die Grünen beim Überthema Klimawandel nicht stets auf «die Wissenschaft» hätten verweisen können. «97 Prozent der Wissenschaftler sind auf unserer Seite», hiess es im Wahlkampf mantramässig. Das erweckte den Anschein, dass praktisch der gesamte akademische Betrieb die Partei unterstützen würde – und verlieh ihr damit bisher nie da gewesene Legitimation und Seriosität.

Die Grünen als Partei der ­kühlen Rationalität und harten Empirie: Es war die vielleicht ­beste Pointe in diesem ansonsten eher humorlosen und moralinsäuerlichen Wahlkampf. Tatsächlich gibt es – das Klimathema einmal weggelassen – keine wissenschaftsfeindlichere Partei in diesem Land. Mit ihren teils naturreligiösen, teils esoterischen Theorien leisten die Grünen einer grassierenden ­Skepsis gegenüber der Forschung Vorschub – und sie bereiten den Nährboden für allerlei Verschwörungstheorien und Hokuspokus.

Mit ihrer sonderbaren Vorliebe für aberwitzige Methoden (man erinnere sich an Tamy Glaus­ers «Veganerblut heilt Krebs») treiben die Grünen nicht nur die Gesundheitskosten in die Höhe, sondern erweisen dem Ansehen der Wissenschaft insgesamt einen schlechten Dienst.

Zum Beispiel beim Impfen. Gemäss einer grossen Umfrage, bei der 2750 Nationalratskandidaten befragt wurden, sind mehr als die Hälfte aller Grünen gegen eine Impfpflicht im Kindergarten. Noch mehr sind es nur bei der FDP – wobei sich die Liberalen gegen den Zwang aussprechen, während die Grünen die wissenschaftlich begründete Notwendigkeit des Impfens offen anzweifeln.

Tatsächlich sind im grünen ­Erweckungsjahr 2019 bisher 212 Menschen in der Schweiz an Masern erkrankt – das sind sechsmal so viele wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Es kam sogar zu zwei Todesfällen – einer davon betraf einen jungen, zuvor gesunden, ungeimpften Mann.

Im Widerspruch mit der Wissen­schaft stehen die Grünen auch bei der Komplementärmedizin. Obwohl für die meisten Anwendungen noch immer keine Studie eine Wirksamkeit belegt, fordern sie in ihrem Positionspapier eine weitere staatliche Förderung von Homöopathie, Globuli und Hypnose. Mit ihrer sonderbaren Vorliebe für aberwitzige Methoden (man erinnere sich an Tamy Glaus­ers «Veganerblut heilt Krebs») treiben die Grünen nicht nur die Gesundheitskosten in die Höhe, sondern erweisen dem Ansehen der Wissenschaft insgesamt einen schlechten Dienst.

Es wäre in ihrem eigenen Interesse, dass die Partei der fortschrittsfeindlichen Stimmung entgegenwirkt.

Auch beim 5G-Netz führen die Grünen den Widerstand an. Der Waadtländer Parteipräsident zum Beispiel publizierte einen Leitfaden, der Gemeinden und Einzelpersonen helfen soll, Einspruch gegen den Bau neuer Antennen zu erheben. Und fast ausnahmslos alle Grünen sprechen sich dezidiert gegen eine Lockerung der Strahlenschutzbestimmungen aus, die nötig wäre für die Einführung der neuen Technologie – für die notabene noch keine wissenschaftliche Studie je eine Gefährlichkeit festgestellt hat.

Bei der Gentechnik bewegt sich die Partei gar in der Fundamentalopposition. Herrscht beim Klima grenzenloses Vertrauen in die Wissenschaft, bekämpfen die Grünen neue, teils bahnbrechende Möglichkeiten in Medizin und Landwirtschaft aus Prinzip – in diesem Fall spielt es auch keine Rolle, ob damit Millionen von Menschen vor Unterernährung, Krankheit oder dem Tod gerettet werden können.

Als die Grünen einstellig waren, konnte man derlei Eigentümlichkeiten noch belächeln. Jetzt, wo die Partei stärker in die Verantwortung kommt, sollte sie auch aus eigenem Interesse darauf bedacht sein, der fortschrittsfeindlichen Stimmung in ihren Reihen entgegenzuwirken.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Erstellt: 26.10.2019, 21:16 Uhr

Artikel zum Thema

Der grüne Wahnsinn

Was macht so ein Erfolg mit einer Partei? Wie geht man mit der Verantwortung um? Szenen einer historischen Woche. Mehr...

Der erste Grüne bringt sich als Bundesrat ins Gespräch

«Wir haben Anspruch auf einen Sitz und müssen Verantwortung übernehmen»: Der Genfer Regierungspräsident Antonio Hodgers sagt, warum er mitregieren will. Mehr...

Der Erfolg stellt die Grünen vor Probleme

Das rasante Wachstum beschert der Partei einen Geldsegen. Doch nun müssen die Wahlsieger ihre Organisation anpassen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Fast wie auf der Titanic: Ein Liebespaar betrachtet die untergehende Sonne im untergehenden Venedig (17. November 2019).
(Bild: Luca Bruno) Mehr...