Gruppensex auf Felswänden

Kunstvolle urzeitliche Malereien im Osten Brasiliens geben Hinweise auf die ersten Menschen Südamerikas.

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Es gibt Laufvögel zu sehen mit langen Hälsen und Beinen, Hirsche mit tannenbaumartigen Geweihen, Gürteltiere und immer wieder Menschen: rostrote Strichmännchen. Viele von ihnen sind in Bewegung – und wie: Sie jagen Tiere oder kämpfen gegeneinander. Sie werfen ihre Arme in die Luft. Sie tanzen um einen Baum. Sie gebären, kopulieren oder frönen gar dem Gruppensex.

Zahlreiche Felswände im Nationalpark Serra da Capivara im Nordosten Brasiliens im Bundesstaat Piauí sind mit diesen einzigartigen Malereien geradezu übersät. Bisher haben Einheimische und Forscher im Nationalpark über 400 frühzeitliche Siedlungsplätze ausgemacht und mehr als 30'000 Zeichnungen entdeckt. Meist schützen Felsüberhänge die Kunstwerke seit Jahrtausenden vor Wind und Wetter. Ein Eldorado für Archäologen. «Die Zeichnungen sind zwischen 6000 und 12'000 Jahre alt», sagt Gisele Daltrini Felice, die an der Universität Vale do Sao Francisco am Campus Serra da Capivara in São Raimundo Nonato forscht und für das Museum des Amerikanischen Menschen (Fumdham) arbeitet.

Kommunikation durch wiederkehrende Zeichen

Die Prähistorikerin hält sich damit zurück, die Abbildungen zu deuten. Vieles wisse man nicht. Einige Motive finden sich aber immer wieder an verschiedenen Orten, sagt sie und zeigt an der Fundstelle Toca da Entrada do Pajaú auf zwei Figuren. Sie stehen Rücken an Rücken, und über ihren Köpfen sind drei Striche zu sehen, die vielleicht den Fussabdruck eines Vogels symbolisieren. Diese Komposition sei ein Emblem, sagt Daltrini Felice. Das wiederkehrende Bild weise darauf hin, dass die Menschen mithilfe von Zeichen miteinander kommunizierten.

Doch wer waren diese Urzeitmenschen, die mit den Fingern und später mit Tierhaaren oder Pflanzenfasern die Felsen bemalten? «Wir wissen es nicht», sagt Daltrini Felice. Selbst die Altersangaben sind nicht klar. Die Forscherin vermutet: «Einige Zeichnungen könnten sehr viel älter sein als 12'000 Jahre.» Was für den Laien, der sich an den faszinierenden Bildern erfreut, wie eine Spitzfindigkeit klingt, birgt unter Experten erheblichen Sprengstoff: das Alter der frühmenschlichen Spuren in Südamerika.

Der Grund: Sollten die Zeichnungen oder Ausgrabungsfunde im Nordosten Brasiliens älter als 15'000 Jahre sein, dann stellt die Datierung die gängige These auf den Kopf, wie die ersten Menschen den amerikanischen Kontinent besiedelt haben. Lange galt als gesichert, dass die Ureinwohner Amerikas am Ende der letzten Eiszeit – frühestens vor 15'000 Jahren – von Asien über die damalige Landbrücke Beringia, die Beringstrasse, nach Alaska gewandert sind. Von dort seien die Menschen nach Nord-, Mittel- und schliesslich Südamerika vorgedrungen. Immer mehr Funde – vor allem in Südamerika – könnten diese These aber kippen.

50'000 Jahre alte Feuerstelle gefunden

Die Spanierin Irma Asón Vidal, Mitglied im brasilianischen Forscherteam, leitete eine Ausgrabung an der Fundstelle Toca do Sítio do Meio. «Wir gruben unterhalb von Felsstücken, die aus der darüberliegenden Felswand heruntergefallen waren», sagt Asón Vidal und deutet auf ein tiefes Loch. Dort fand die Gruppe zahlreiche Steinwerkzeuge und Feuerstellen mit geschwärzten Steinen.

«Wir haben uns bis zum Felsboden vorgearbeitet», sagt Asón Vidal. Die Auswertung ist fertig. Die älteste Datierung stamme von Holzkohle, die vor 20'000 Jahren gebrannt habe, sagt die Forscherin. Die älteste im Park datierte Feuerstelle sei sogar 50'000 Jahre alt, gefunden an der Toca do Boqueirão da Pedra Furada, fügt später Niède Guidon in einem Vorlesungssaal im Museum des Amerikanischen Menschen an. Die 85-jährige Grande Dame der brasilianischen Archäologie hat sich dafür eingesetzt, dass 1979 der Nationalpark Serra da Capivara gegründet und 1991 zum Unesco Weltkulturerbe ernannt wurde. Für Guidon ist seit Jahren klar: «Südamerika wurde in mehreren Wellen besiedelt.» Und zwar lange bevor Menschen über die Bering-Landbrücke nach Nordamerika kamen. Die ersten südamerikanischen Ureinwohner seien per Boot aus Afrika gekommen, so die Annahme.

Die frühen Datierungen sind tatsächlich unumstritten, da sie technisch einwandfrei seien, bestätigt Markus Reindel vom Deutschen Archäologischen Institut in Bonn. Dennoch streiten sich die Experten um die Deutung. Waren die Feuer von Menschen entzündet worden oder lediglich von Blitzeinschlägen? Reindel fehlen zudem Werkzeuge, Produktionsabfälle oder Knochenfunde, die sicher ins Pleistozän passen. Zwar haben die brasilianischen Forscher zahlreiche Artefakte sichergestellt, zum Beispiel Steine, die im Archiv des Museums des Amerikanischen Menschen sorgsam nummeriert lagern. Doch während die Befürworter der früheren Besiedlung vor 15'000 Jahren Spuren einer menschlichen Bearbeitung in den abgesplitterten Steinfragmenten aus den uralten Schichten erkennen, sind die Zweifler nicht überzeugt. Ihnen fehlen die klaren Formen, wie sie beispielsweise die Speerspitzen aus der Zeit der Clovis-Menschen aufweisen.

Urzeitliche Boote wurden nie ausgegraben

Reindel ist kein expliziter Gegner der Theorie, wonach Frühmenschen über den Atlantik gesegelt sein könnten. «Das ist theoretisch möglich», sagt Reindel. Man habe aber nie Boote gefunden. Erschwerend kommt aber hinzu, dass der Meeresspiegel bei der letzten Vereisung 100 Meter tiefer lag. «Mögliche Fundstellen sind heute meist überschwemmt», sagt Reindel.

Der deutsche Altamerikanist findet es schade, dass immer nur über das mögliche Alter der Funde in der Serra da Capivara diskutiert wird. «Dabei ist alleine schon die Anzahl der Fundstätten im Nordosten Brasiliens bemerkenswert.» Zudem kenne er nichts Vergleichbares aus der Zeit. «Die Zeichnungen sind einzigartig und erstaunlich in ihrer Detailtreue», sagt Reindel. In der Region befinden sich die meisten prähistorischen Felszeichnungen der Welt.

Reindel interessiert, warum gerade dort so viele Menschen so lange siedelten, wie die ersten Bewohner damals gelebt haben, welche Kultur sie hatten und wann die Nomaden sesshaft wurden. Und: warum sich die Ureinwohner dort offenbar nicht weiterentwickelt haben. In der Serra da Capivara ist keine Hochkultur entstanden wie sehr viel später in Peru oder Mexiko.

«Unsere Arbeitshypothese ist, dass sich im Nordosten Brasiliens vor 9000 Jahren das Klima veränderte und es zu trocken wurde, sodass die Menschen weiterzogen», sagt Reindel. Der Forscher wird mit seinem Team voraussichtlich im nächsten Jahr die Schichten genauer untersuchen, welche die brasilianischen Kollegen auf ihrer Suche nach den ältesten Funden zunächst beiseitegelegt haben.

Die Reise wurde unterstützt vom deutschen Verband der Wissenschaftsjournalisten WPK und dem Bundesstaat Piauí

Erstellt: 03.06.2018, 07:27 Uhr

Woher kamen die Menschen, die Amerika besiedelten?


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Bis vor einigen Jahren galt, dass die ersten Einwanderer aus Asien über die Bering-Landbrücke von Alaska bis Feuerland gingen – und zwar zu Fuss. US-Forscher stellten jetzt im Fachblatt «Science» neue Daten aus Gesteinsproben und Luftbildern aus dem Nordosten Nordamerikas vor. Sie unterstützen eine andere Hypothese: Demnach folgten die ersten Menschen der pazifischen Küstenlinie mit Booten, statt dass sie land­einwärts durch einen eisfreien Korridor gen Süden wanderten.

Vielleicht kamen aber auch andere Gruppen von Frühmenschen aus Australien oder über die Polynesischen Inseln nach Südamerika. Die Forscherin Niède Guidon vermutet, dass Afrikaner mit Schiffen schon sehr früh über den Südatlantik setzten. Und eine weitere Theorie besagt, dass Früheuro­päer – wie später die Wikinger – nach Nordamerika gesegelt sein könnten. Für alle Theorien gibt es Hinweise, aber bisher nicht genug, um alle Experten zu überzeugen.

Schwierige Datierung der Rottöne


Jagdszene, gemalt mit roten Pigmenten.

So speziell die hauptsächlich rötlichen Felszeichnungen der Serra da Capivara aussehen, so rätselhaft sind sie für Archäologen. Die uralten Bilder sind schwierig zu datieren, da die Frühmenschen mineralische Farbstoffe verwendeten, die kein organisches Material enthalten. Aber nur das wäre mit der sogenannten C14-Methode zu datieren. Der dabei gemessene Kohlenstoff C14 ist beispielsweise in Holzkohle enthalten, mit der die Wände in der berühmten Höhle von Lascaux verziert wurden.

So sind die Archäologen in der Serra da Capivara auf indirekte Messungen angewiesen. Sie haben beispielsweise Bodenproben datiert, die unter abgebrochenen bemalten Felsstücken lagen. Das Bruchstück mit der Malerei muss also älter sein als der Boden darunter.

In den Felszeichnungen der Serra da Capivara dominieren Rottöne. «Die Pigmente bestehen überwiegend aus Eisenoxid», sagt Maria Conceição Meneses Lage von der Universität in Teresina. Die Chemikerin untersucht die Pigmente zum Beispiel mit tragbaren Analysegeräten wie einem Mössbauer-Spektrometer. Dabei hat sie mit ihrem Team herausgefunden, dass die Rottöne unterschiedlich gemischt wurden. «Entweder stammen die unterschiedlichen Farben aus anderen Epochen», sagt die Professorin, «oder es waren verschiedene Künstler am Werk.» Die Chemiker sammeln auch Informationen, um die einzigartigen Kunstwerke zu erhalten.


Ein Jaguar. Fotos: André Pessoa

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