Günstige Medikamente werden zur bitteren Pille

Der Bund will neue Preise für den Vertrieb von Arzneimitteln – das geht ins Geld.

Die Folgen der Vorschläge des BAG: Ein geringer Spareffekt und hohe Kosten für günstige Präparate. Foto: Keystone

Die Folgen der Vorschläge des BAG: Ein geringer Spareffekt und hohe Kosten für günstige Präparate. Foto: Keystone

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Um die Gesundheitskosten zu senken, sollen günstige und ­gebräuchliche Medikamente teurer werden. Was paradox tönt, hat das Bundesamt für Gesundheit (BAG) ausgearbeitet und für gut befunden. Per Juli will es nun die Preise für den Vertrieb von rezeptpflichtigen Arzneimittel erneuern. Zwei Vorschläge hat das BAG in die Vernehmlassung geschickt. Deren Sparpotenzial: 47 Millionen Franken pro Jahr.

Laut Berechnungen des Krankenkassenverbands Santésuisse würde viel mehr drinliegen. Bis zu 330 Millionen wären möglich, dies entspricht 1 Prämienprozent. «Das BAG schont insbesondere die Grosshändler zu stark», sagt ­Matthias Müller von Santésuisse. Ohne diese Bevorzugung der Mittelsmänner zwischen Pharmafirmen und Apothekern wären die Einsparungen deutlich höher.

Das Schmerzmittel Novalgin würde 40 Prozent teurer.

Aktuell kalkuliert das BAG für Präparate bis 879 Franken mit einem Vertriebsanteil von 4,5 Prozent für die Logistiker und 7,5 Prozent für den Detailhandel. Das Amt ist aber zum Schluss gekommen: Dieser Zuschlag von insgesamt 12 Prozent ist zu hoch. Den Apothekern will es daher nur noch 2 Prozent zugestehen.

Anders geht das BAG mit den Grossisten um. Für sie sieht es neu einen höheren Anteil vor, nämlich 7 Prozent. «Dies nach Einschätzung der betroffenen Distributoren», wie das BAG schreibt. Unverständlich für Müller von Santésuisse. «Das Ziel müsste sein, Kosten zu sparen, und nicht, neue zu generieren.» Und vor allem: die Prämienzahler zu entlasten.

Geringer Spareffekt und hohe Kosten

Der Vertrieb wird jedoch nicht nur mit dem preisbezogenen Zuschlag entschädigt. Hinzu kommt noch ein fixer Zuschlag pro Packung. Je nach Preis des Medikaments ­beträgt dieser zwischen 4 und 240 Franken. Neu soll er aber für günstige Präparate bis 24 Franken – die Mehrheit der verkauften ­rezeptpflichtigen Arzneien – deutlich teurer werden.

Die Folgen der Vorschläge des BAG: Ein geringer Spareffekt und hohe Kosten für günstige Präparate. Am Beispiel des Schmerzmittels Novalgin zeigt sich dies deutlich. So würde eine Packung mit 50 Filmtabletten statt 12.60 Franken nach der BAG-Variante 1 17.60 Franken kosten – inklusive 9 Prozent preisbezogenem Zuschlag und 9 Franken pro Packung. Und nach Variante 2 16.15 Franken – inklusive 25 Prozent preisbezogenem Zuschlag und 7 Franken pro Packung. Also rund 40 Prozent mehr.

Das sei keine Lösung, finden Santésuisse und der Apothekerverband Pharmasuisse. Beide haben eigene Revisionsvorschläge ausgearbeitet und dem BAG unterbreitet. Die Versicherer sehen für den Vertrieb einen preisbezogenen Zuschlag von 5 Prozent und einen fixen Zuschlag von 10 Franken pro Packung vor, vergleichbar mit der Situation in Deutschland.

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Geht es nach Pharmasuisse, soll der preisbezogene Zuschlag nur 3 Prozent betragen. Dafür will der Verband pro Packung einen Zuschlag von 14.85 Franken. Damit möchte er verhindern, dass ein teures statt ein günstiges Medikament verkauft oder verschrieben wird. «Die Apotheker sollen nicht bestraft werden, wenn sie ein Generikum abgeben», sagt Fabian Vaucher, Pharmasuisse-Präsident.

Doch: Der Vorschlag der Apotheker lässt aufgrund des hohen Fixzuschlags die Kosten für günstige Medikamente noch stärker steigen. Für eine Packung Novalgin wären 23.40 Franken zu berappen, 85 Prozent mehr als heute.

Claus Hysek, Präsident des Vereins Ifak, der die Interessen der unabhängigen Apotheken vertritt, unterstützt den Vorschlag von Pharmasuisse zwar nicht. Hysek sagt aber: Er gehe in die richtige Richtung. «Bereits heute gehen bei vielen Arzneien mehr als 9 Prozent an die Grossisten.» Dem Apotheker bleibe in vielen Fällen de facto vom prozentualen Vertriebsanteil gar nichts übrig. Hysek ­verlangt daher, dass das BAG die Situation inklusive der vergangenen und zukünftigen Preissenkungen analysiert, bevor es am System herumschraube. «Sonst entzieht das Amt den Apothekern die Grundlage, bei der Senkung der Gesundheitskosten mitzuhelfen.»

Online-Apotheker habenandere Interessen

Die Apotheker sind sich uneinig. Das liegt auch daran, dass günstige Arzneien häufig über die Theke verkauft werden, mittel- bis hochpreisige sowie Generika oft via Onlinehandel. «Die Vorschläge des BAG diskriminieren daher einmal mehr die Versandapotheken», sagt Pascale Ineichen von der Zur Rose Group. Dabei seien im Versand rezeptpflichtige Medikamente 12 Prozent günstiger. So fällt dort unter anderem der «Bezugs-Check» von 4.31 Franken weg. «Das BAG sollte keine neuen wettbewerbshindernden Regulierungen schaffen, und auch Pharmasuisse sollte nachhaltige und sachgerechte Kostensenkungspolitik betreiben», so Ineichen.

Noch ist nichts entschieden. Voraussichtlich wird dies Bundesrat Alain Berset bis Mitte Jahr tun.

Erstellt: 23.02.2019, 23:34 Uhr

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