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Hänsel und Gretel geben Gas

Es war einmal . . . war einmal: Trudi Gersters Nachfolger machen aus den Märchen ein Spektakel

Sie sind das Minitheater Hannibal: Andrea Fischer Schulthess und Adrian Schulthess. Foto: Désirée Good/13 Photo
Sie sind das Minitheater Hannibal: Andrea Fischer Schulthess und Adrian Schulthess. Foto: Désirée Good/13 Photo

Der Wolf fletscht seine Draculazähne. Das kleine Geisslein lispelt: «Häscht du s Gfühl, mir sind total bescheuert?» Und die Erzählerin trägt kniehohe Lederstiefel. Sie sitzt unter einem dicken Baum in der freien Natur und beschreibt die Geisslein, die aus dem Bauch des Wolfs purzeln, so genüsslich wie eine Schlammschlacht. «Sie stinken und sind voller Schleim.» In der Schweizer Märchenszene weht ein provokativer Wind. Vier Jahre nach Trudi Gersters Tod haben viele der neuen Erzählerinnen und Erzähler nichts mehr Tantiges an sich. Die Grimmschen Märchen sind zwar nach wie vor ihr Rohstoff, doch nun werden die Originale nach Belieben ausgeschmückt, zugespitzt, beschleunigt, verschärft und sogar performt. Elemente aus Theater und Film reichern die traditionell ­sitzende Erzählsituation an, kabarettistische Zwischentöne verleihen den nach wie vor furcht­einflössenden Geschichten Humor. Und neu kommen auch die Eltern der kleinen Zuhörer auf ihre Kosten. «De Beck chnätet de Teig und dänkt debii a sini Frau», erzählt Andrea Fischer Schulthess vom «Wolf und den sieben Geisslein». Die 47-jährige Zürcherin walzt mit ihren Armen einen imaginären Teig hin und her, man sieht geradezu die üppigen Körperformen seiner imaginativen Gattin. Die Märchenerzählerin, Romanautorin und ehemalige «Mama­bloggerin» des «Tages-Anzeigers» braucht keine Requisiten, um aus dem Grimm-Klassiker einen semi­erotischen Thriller zu machen. Nur ihr überbordendes, komisches Talent und ihren Mann. Der 41-jährige Adrian Schulthess ist die andere Hälfte des Minitheaters Hannibal, das in der Märchenszene zu den populären neuen Formationen gehört. Seine Draculazähne sehen zwar «gfürchig» aus, aber mit wenigen Worten schafft er es, den Kindern die Ironie dahinter zu vermitteln. Und schon schlägt deren Angst in schallendes Lachen um.

Es hat keine Mikrofone und keine Verstärker

Märchenklassiker sind en vogue wie nie. Hollywoodverfilmungen von «Maleficent» über «Snow White and the Huntsman» bis «Die Schöne und das Biest» zeigen deren aktuelle Relevanz. Auch das Schauspielhaus Zürich zeigt gerade den Theaterabend «Grimmige Märchen». Und das Landesmuseum widmete vor drei Jahren der 2013 verstorbenen Trudi Gerster eine Ausstellung. Dabei wurde auch die Nachfolgerin der berühmtesten Schweizer Märchentante gesucht. Die Hannibal-Erzählerin Andrea Fischer Schult­hess machte beim Onlinevoting mit und nahm prompt die erste Hürde, was ihr einen Auftritt mit etablierten Erzählern verschaffte. Aber auch einen Sturm der Entrüstung auslöste, denn die traditionelle Erzählergilde steht innovativen Medien wie Onlinevoting und auch modernen Erzählformen eher skeptisch gegenüber. Die jungen Wilden kann das nicht aufhalten. Als Beschleuniger des Märchenwandels wirkt das Festival Klapperlapapp. Die 2016 erstmals durchgeführte Veranstaltungsreihe setzt auf traditionelle Märchen, inszeniert in modernem Stil. Die neuen Märli-Tanten und -Onkel erzählen in der freien Natur, es gibt keine Mikrofone und keine Verstärker, dafür können die Kinder von Geschichte zu Geschichte switchen und Schlangenbrot bräteln. Es sind also Familienevents, die mit den langweiligen Märli-Nachmittagen in Kirchgemeindehäusern, an die sich Eltern nur widerwillig schleppen lassen, nicht mehr viel gemeinsam haben. Pro Wochenende strömen bis zu 2500 Kinder und Erwachsene in den Berner Dählhölzliwald oder auf eine romantische Bergwiese mit Blick auf Eiger, Mönch und Jungfrau.

Kabarett und eine Prise Rock ’n’ Roll

«Manchmal steht plötzlich ein Kind auf der Bühne», erzählt ­Andrea Fischer Schulthess. Das Minitheater Hannibal bezieht das Publikum mit ein, auch wenn die Kinder dazwischenrufen und sich völlig vergessen. Fischer Schult­hess und Schulthess kommen vom Figurentheater, sie zeigen auch selbst geschriebene Stücke auf renommierten Bühnen wie dem Neumarkt-Theater Zürich («Arche Nora»). Zu Märchenerzählern wurden sie erst, als ihre eigenen Kinder grösser wurden und ihnen nicht mehr zuhören wollten. Von Anfang an erweiterten sie dabei das Trudi-Gerster-Repertoire durch Improvisation, Kabarett und eine Prise Rock ’n’ Roll. «Wir sind die Punks der Szene», sagt Fischer Schulthess.

Der Wolf und die sieben Geisslein des Minitheaters Hannibal. Quelle: Youtube

Und für manche ein rotes Tuch. Die Schweizerische Märchengesellschaft setzt sich für die «Pflege und Verbreitung des Märchengutes» ein. Dabei sollen die Märchen nicht verändert und schon gar nicht theatralisch angereichert werden. Die Erzählerinnen und Erzähler, die auf der Website der Gesellschaft gebucht werden können, halten sich an konventionelle Regeln. Sie sind auch an den Veranstaltungen von Klapperlapapp nur in Ausnahmefällen zu finden. Denn da sind junge oder jung gebliebene Performer mit Charisma gefragt.

«Kinder wollen schnell geschnittene Unterhaltung»

Es gebe einen Boom wie vor zwanzig Jahren bei den Kinderkonzerten, sagt Michael Furler, der Veranstalter von Klapperlapapp. Aus der Musikszene sind bekannte Namen wieder mit dabei, etwa der Bündner Liedermacher Linard Bardill. Die Pionierrolle, die damals die Zürcher Band Schtärneföifi übernahm, kommt nun dem Minitheater Hannibal zu. Wie Schtärneföifi vermag das Duo sowohl Kinder als auch Erwachsene zu begeistern. Mit «Rumpelstilzchen» als politsatirischer Modern-Dance-Komödie. «Kinder wollen keine betuliche Entschleunigungsmoral, sondern schnell geschnittene Unterhaltung», sagt Andrea Fischer Schult­hess. Deshalb erzählt das Minitheater Hannibal den «Wolf und die sieben Geisslein» wie einen ­Pixar-Animationsfilm: voll von comicartigen Figuren und coolen Sprüchen. Der Wolf bringt die Erzählerin aus dem Konzept, der Bäcker singt Elvis Presley, wenn er den Teig – respektive seine Frau – knetet. Und das kleine Geisslein, das sich in der Wanduhr versteckt, ruft: «Mami, bitte hör uf brüele, du bisch megapeinlich!»

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