Hätte ich doch bloss Zeit für die Kinder gehabt

CEO zu sein und kleine Kinder zu haben ist fast nicht vereinbar. Nur will das kein Manager zugeben.

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Als Formel-1-Weltmeister Nico Rosberg im vergangenen Jahr seinen Rücktritt erklärte, war er erstaunlich offen. «Ich hatte keinen einzigen schweren Moment mit meiner Tochter durchzustehen», bilanzierte er aus seinem vielbeschäftigten Rennfahrer­leben. Die Kleine habe mit der Zeit verinnerlicht, dass man Daddy nicht stören dürfe, wenn er zwischendurch einmal zu Hause war.

Rosberg ertrug das Dilemma nicht mehr – und trat zurück. Der Ex-Rennfahrer fühlt sich durch Stimmen aus der Wirtschaft bestärkt, wie er in einem jüngeren Interview sagte: «Mir haben einige erfolg­reiche Manager gesagt, sie würden keinen einzigen Businessdeal bereuen, wohl aber, nicht genügend Zeit mit ihren kleinen Kindern verbracht zu haben.»

Auch ich habe diesen Satz schon gehört, Dutzende Male. Er ist bei Führungskräften beliebt, weil sie mit ihm bei den Zuhörern risikolos punkten können. Süss – das schlechte Gewissen nagt an ihm! Eigentlich hätte er ja gerne mehr für die Familie getan, aber es war schlicht nicht möglich unter den Umständen.

Manager sind nicht einfach Opfer ihres Zeitkorsetts, sondern auch ihres Egos.

Die unpopuläre Wahrheit ist eine andere. Manager sind nicht einfach Opfer ihres Zeitkorsetts, sondern auch ihres Egos. Kleine Kinder verlangen nach Geduld, Verspieltheit, Planlosigkeit, hoher Frustrationstoleranz – all das, was Führungskräfte nicht von vornherein haben – schon gar nicht nach einem 13-Stunden-Tag. Darum treffen viele von ihnen eine Wahl und flüchten sich in ihrer spärlichen Freizeit bewusst in Aktivitäten, die ihnen mehr Erholung versprechen als der eigene Nachwuchs. Eine Umfrage unter Konzernchefs bestätigte im vergangenen Jahr meine Vermutung: Sport und nicht die Familie steht an erster Stelle, wenn es darum geht, das gesundheitliche Wohlbefinden zu stärken.

Die Vereinbarkeit von Job und Familie ist bei Frauen ein Dauerbrenner – bei Konzernchefs eine Randnotiz. Ihr Glück, aber die Rückschau könnte zuweilen ehr­licher ausfallen. Zum Beispiel mit dem Satz: «Ich hatte schlicht keinen Nerv für meine Kinder.»


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Erstellt: 23.09.2017, 20:12 Uhr

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