Schweizer Airlines halten an der Schminkpflicht fest

Zwei Fluggesellschaften haben das Uniformenreglement für ihre Crews gelockert. In der Schweiz zählt jeder Bart-Millimeter.

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Die britische Fluggesellschaft Virgin Atlantic Airways hat eine historische Tradition der Luftfahrt gebrochen: Sie hat vor fünf Tagen die Schminkpflicht ihrer weiblichen Flugbegleiter aufgehoben. Bisher war den Virgin-Frauen vertraglich vorgeschrieben, Wangenrot, Mascara und Lippenstift zu tragen. Laut eigenen Angaben will die Airline des Milliardärs Richard Branson damit den Frauen «eine grössere Freiheit geben, sich selbst auszudrücken».

Die Reaktion der Konkurrenz liess nicht lange auf sich warten: Aer Lingus aus Irland hat vor zwei Tagen angekündigt, dem Beispiel der Virgin Airways zu folgen.

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Sollen sich Flight Attendants schminken müssen?





Diese neue Freiheit können sich die Flugbegleiterinnen der grossen Schweizer Airlines abschminken. Denn wie eine Umfrage zeigt, sind diese nicht bereit, die Make-up-Pflicht aufzuheben. Ungeschminkt darf lediglich die Kabinenbesatzung der kleinen, in Altenrhein SG beheimateten Airline People’s arbeiten. Swiss verpflichtet seine Stewardessen hingegen weiterhin, Gloss oder Lippenstift in Rot- oder Brauntönen aufzutragen. Den männlichen Flugbegleitern ist es hingegen verboten, sich zu schminken – nur das Abdecken von Hautunrein­heiten ist ihnen erlaubt. Von der Lippenstiftpflicht entbunden sind bei Swiss allein die Pilotinnen.

Nur einen Ohrring für Männer

Anders handhabt es Edelweiss, die Lidschatten und Wimpern­tusche genauso vorschreibt wie Lippenstift – dieser im Rot der Uniformjacke. Die Vorschrift, Schminke aufzutragen, gilt sogar für die Frauen im Cockpit.

Ein Muss für die Kabinenbesatzung sind bei Helvetic Airways Lippenstift und Mascara. Bei der Farbe der Lippen dürfen die Frauen zwischen zwei Farben wählen, wobei die Airline die Lippenstifte kostenlos zur Verfügung stellt.

Die Schminkpflicht ist aber längst nicht die einzige Vorschrift, die für den Auftritt der Angestellten gilt. Es gibt bei allen Airlines umfangreiche Reglemente. Bei der Swiss dürfen die Männer beispielsweise nur einen einzigen, diskreten Ohrring tragen. Die Frauen können hingegen ihre Ohren mit je zwei schmücken – sie müssen in der unteren Ohrhälfte stecken, zwei Zentimeter ist die vorgeschriebene Höchstlänge. Ragen die Haare der weiblichen Crewmitglieder über den Kragen hinaus, sind sie zusammenzubinden – etwa zu einem Pferdeschwanz. Ragt dieser bis zur Rückenmitte, muss ihn die Flugbegleiterin nochmals unterteilen.

Helvetic will keine Rastas

Genaue Masse gelten auch für die Schuhe: Ihr Absatz muss zwischen 1,5 und 8 Zentimeter hoch sein, der Durchmesser darf nicht kleiner als ein Zentimeter sein. Diese Schuhe müssen die Flugbegleiterinnen bei allen Aktivitäten tragen – ausser beim Service im Flieger. Dann dürfen sie sich umziehen und in sogenannte Service-Schuhe mit einer maximalen Absatzhöhe von vier Zentimetern wechseln.

Das Reglement von Helvetic verbietet explizit kahl rasierte Köpfe, Rastas und sogenannte Cornrows – eine aus Afrika stammende Flechtfrisur. Den Herren ist es erlaubt, einen Bart zu tragen – vorausgesetzt er ist fünf bis zehn Millimeter lang und «gut geschnitten».

Kleiderregeln für die Chefs von Edelweiss

Wie die anderen Airlines beschränkt Edelweiss die Anzahl Ringe, die ihre Besatzung tragen darf: pro Hand zwei, aber keinen am Daumen. Bei der Fluggesellschaft gelten auch Kleidervorschriften für die Firmenleitung: Sie trage keine Krawatte, sagt Sprecher Andreas Meier. «Schliesslich sind wir eine Ferienairline.»

Nicht nur in der Luft, sondern auch am Boden gelten für die Angestellten der Aviatik-Branche Vorschriften. Das Uniformenreglement von Swissport schreibt für die Frauen Lippenstift oder getönten Lipgloss in Rot- oder Brauntönen vor, sofern sie direkten Kundenkontakt haben. Bei den männlichen Mitarbeitern dürfen die Haare den Kragen des Vestons nicht berühren, sind sie länger, müssen sie aus dem Gesicht frisiert und zusammengenommen werden.

Das Unternehmen stellt sich nicht a priori gegen die Aufhebung der Schminkpflicht: Da Swissport Dienstleistungen im Auftrag von diversen Fluggesellschaften erbringe, entspreche das Uniformenreglement mehrheitlich den Anforderungen der Kunden, sagt Swissport-Sprecherin Nathalie Berchtold. «Folgen die Fluggesellschaften mehrheitlich dem Beispiel von Virgin Atlantic beziehungsweise einem veränderten gesellschaftlichen Schönheitsverständnis, ist es für uns gut vorstellbar, dass wir unser Uniformenreglement dahingehend anpassen.»

Der Flughafen Zürich kennt für seine weiblichen Angestellten keine Schminkpflicht, jedoch Anweisungen bezüglich Haare, Make-up und Schmuck. «Bei Make-up gibt es nur für die Mitarbeitenden des VIP-Services besondere Empfehlungen», sagt Sprecherin Jasmin Bodmer. «Zum Beispiel zur Farbe von Lippenstift oder Nagellack.»

Bei der Gleichstellung ein Graubereich

Es mutet ironisch an, dass gerade Virgin Atlantic Airways sich nun Natürlichkeit auf die Fahne schreibt. Schliesslich war es Bransons Fluggesellschaft, die eine aufgedonnerte Pamela Anderson als Werbeträgerin an ein Jubiläum einlud. Die Airline provoziert zudem durch zweideutige Slogans, «More experience than our name suggests» (mehr Erfahrung, als unser Name suggeriert), und der Patron prahlte mit den «attraktivsten Flight Attendants», und so sind die Virgin-Flugbegleiterinnen bekannt für ihre knallroten Lippen, roten Pumps und Uniformen.

Die Schminkpflicht für Frauen ist punkto Diskriminierung ein Graubereich. «Die Arbeitgeber müssen sachliche Gründe nennen, wieso die Vorschriften Männer und Frauen unterschiedlich behandeln», sagt Binh Tschan von der Zürcher Fachstelle für Gleichstellung. Eine angeordnete Schminkpflicht stelle klar eine Ungleichbehandlung dar, die sich durch keine sachlichen Gründe rechtfertigen liesse – insbesondere nicht mit dem Argument des Firmenimages.

Erstellt: 09.03.2019, 19:02 Uhr

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