In der Mortadella-Leberwurst lauert Hepatitis-Gefahr

Fast niemand kennt Hepatitis E. Dabei ist die Krankheit in der Schweiz epidemisch. Männer über 50 sind besonders gefährdet.

Produkte mit roher Schweineleber, etwa Mortadella di fegato, sind gesundheitsgefährdend.

Produkte mit roher Schweineleber, etwa Mortadella di fegato, sind gesundheitsgefährdend. Bild: Getty Images

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Es beginnt wie bei einer Grippe mit unspezifischen Krankheitszeichen: mit Übelkeit, Bauch- und Muskelschmerzen sowie erhöhter Temperatur. Lange blieb Hepatitis E deshalb unter dem Radar von Ärzten und Patienten. Neue Einschätzungen zur Leberentzündung zeigen jetzt: Das Virus ist in der Schweiz verbreiteter als angenommen, und die Zahl der diagnostizierten Fälle steigt.

Seit Anfang Jahr ist die Krankheit meldepflichtig. 44 neue Infektionen hat das Bundesamt für Gesundheit seither registriert, drei im vergangenen Monat. «Das sind aber nicht alle Fälle», sagt Darius Moradpour, Chefarzt für Gastroenterologie und Hepatologie an der Universitätsklinik Lausanne (CHUV). Er und sein Team forschen seit einigen Jahren an dem in den 80er-Jahren entdeckten Virus. «Erst ging man davon aus, dass Hepatitis E nur in Ländern mit tiefem Hygienestandard vorkommt und vor allem durch verunreinigtes Wasser übertragen wird, vergleichbar mit Hepatitis A.»

Die Wissenschaft irrte. Hepatitis E ist in der Schweiz epidemisch. Wie viele Menschen betroffen sind, ist unklar. Es gibt Hochrechnungen, die von jährlich 1500 Neuansteckungen ausgehen. Moradpour schätzt, dass es bis zu 20 000 sein könnten. «Geht man von zwei Millionen Infizierten europaweit aus, ist diese Zahl realistisch.»

Jeder fünfte Blutspender kam mit Hepatitis E in Kontakt

Ein Hinweis, wie viele Menschen mit Hepatitis E infiziert sein könnten, geben auch Auswertungen von getesteten Blutspendern. Forscher konnten nachweisen, dass in der Schweiz jeder fünfte Spender Kontakt mit dem Virus hatte. Bei rund 20 Prozent stellten sie Antikörper fest. Diese Spender hatten sich irgendwann angesteckt, die Infektion ist aber spontan ausgeheilt. Das ist nicht unüblich. Oft verläuft Hepatitis E ohne Symptome.

Das Hepatitis-E-Virus ist regional unterschiedlich verbreitet. Im Tessin sind die Fälle deutlich zahlreicher als anderswo. Jeder dritte Blutspender kam dort in Kontakt mit dem Virus. Zurückzuführen ist das wahrscheinlich auf die Essgewohnheiten, da die Übertragung des hier verbreiteten Virus-Typs meist durch infiziertes Schweine- oder Wildschweinfleisch sowie Wildbret stattfindet.


Bilder: Leben mit dem Virus (Hepatitis C)


Produkte mir roher Schweineleber sind dabei besonders gefährlich. Und gerade in der Südschweiz sind solche Spezialitäten verbreitet, etwa die Rohwurst Mortadella di fegato. Mit der italienischen Mortadella, einer Brühwurst, hat sie jedoch nur den Namen gemein. Die Tessiner Delikatesse wird im Gegensatz auch zu Streich- und Leberwürsten, beides Kochwürste, die Schweinelebern enthalten, roh gegessen.

Roger Stephan, Direktor des Instituts für Lebensmittelsicherheit und -hygiene der Universität Zürich, hat zusammen mit dem kantonalen Labor Tessin die Mortadella di fegato untersucht und sagt: «Wir konnten in solchen Produkten Hepatitis-E-Viren nachweisen.» Auch nahmen Stephan und sein Team 140 Lebern von Mastschweinen unter die Lupe und stellten in zwei Lebern das Virus fest. «Rohe Schweineleber ist ein Risikoprodukt», sagt Stephan.

Praktisch alle erholen sich, doch zwei Männer starben

Das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) hat nun auf die von Hepatitis E ausgehende Gefahr reagiert und die Produzenten aufgefordert, bei risikoreichen Lebensmitteln Selbstkontrollen durchzuführen. «Ebenso wäre auch das Anpassen der Produktion eine Möglichkeit», sagt Nathalie Rochat vom BLV. Beispielsweise indem die Leber erhitzt würde.

Doch mit dem Erhitzen ist es so eine Sache. «Wir sind dabei, zu erforschen, wie viel Grad es braucht, um die Viren abzutöten; noch ist das nicht vollständig klar», sagt Lebensmittelexperte Stephan. Für das BLV wäre daher auch denkbar, auf den Verzehr von roher Schweineleber zu verzichten.

Das sieht auch der Schweizer Fleisch-Fachverband (SFF) so. «Einige unserer Mitglieder haben die rohe Schweineleber in Würsten bereits durch Kalbslebern ersetzt – ohne dass es zu Einbussen betreffend Geschmack und Konsistenz gekommen wäre», sagt SFF-Direktor Ruedi Hadorn. Seit vergangenem Jahr ist der Verband auf das Risiko Hepatitis E sensibilisiert.

«Das Virus wurde bis anhin unterschätzt.»Darius Moradpour, Hepatologe

«Wir wollen das Risiko einer Infizierung mit kontaminiertem Rohmaterial so gut wie möglich eliminieren.» Der SFF hat daher die neuste Version der Hygiene-Leitlinien für die Branche beim BLV zur Genehmigung eingereicht. Rohe Schweineleber wird darin als kritischer Kontrollpunkt definiert. «Wir empfehlen deshalb, diese in den jeweiligen Rezepturen zu ersetzen oder regelmässige Analysen vornehmen zu lassen.»

Für den Hepatologen Moradpour vom CHUV steht fest: «Das Virus wurde bis anhin unterschätzt.» Zwar verläuft die Krankheit bei vielen ohne Symptome und heilt in der Regel folgenlos aus. Doch nicht bei allen. Knapp fünf Prozent der Infizierten entwickeln eine symptomatische akute Hepatitis E, bei der sich dann auch die Augen und die Haut gelb verfärben können.

Besonders gefährdet sind Männer über 50 und Menschen mit einer Immunschwäche. Rund 100 symptomatische Fälle hat das Lausanner Team zwischen 2011 und 2016 untersucht. Und es zeigt sich: Praktisch alle Betroffenen hatten das Virus in der Schweiz aufgelesen und erholten sich nach zwei, drei Wochen wieder davon. Für zwei Patienten mit einer vorbestehenden Lebererkrankung kam aber jede Hilfe zu spät. Sie starben.

«Ich will keine Panik verbreiten, sondern sensibilisieren», sagt Moradpour. Insbesondere Menschen mit einer Lebererkrankung oder einer Immunschwäche und Schwangere sollten Schweinefleisch sowie Wild nur gekocht essen. Denn knapp 60 Prozent der Schweine und 10 Prozent des Wilds kamen einmal mit dem Hepatitis-E-Virus in Berührung.

* Dieser Artikel erschien erstmals am 21. Oktober 2018 in der SonntagsZeitung.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 23.10.2018, 16:31 Uhr

Weitere Hepatitis-Viren


  • Hepatitis A: Übertragung fäkal-oral, meist auf Reisen durch ungewaschene Hände, verunreinigtes Wasser oder Essen. Magen-Darm-Beschwerden. Impfung vorhanden.

  • Hepatitis B: Übertragung durch Körperflüssigkeiten. Magen-Darm-Beschwerden, Gelbsucht und schwere Langzeitschäden möglich. Schutzimpfung vorhanden.

  • Hepatitis C: Übertragung durch Blut oder Blutprodukte. Meist ohne auffällige Symptome. Gelbsucht sowie schwere Langzeitschäden möglich. Noch kein Impfschutz.

  • Hepatitis D: Übertragung durch Blut oder Körperflüssigkeiten. Nur mit Hepatitis B Infizierte können sich anstecken. Infektion verläuft meist schwerer, Risiken für Leberzirrhose und -krebs steigen. Impfung gegen Hepatitis B schützt.

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