Er kauft kiloweise Butter und Drucker, die er nicht braucht

Unterwegs mit einem leidenschaftlichen Schnäppchenjäger.

Auf Rabattjagd: Auf seinem Handy hat Georg Mahler die Apps vieler Detail­händler – Migros, Coop, Aldi, Lidl, Denner. Bild: Basil Stücheli

Auf Rabattjagd: Auf seinem Handy hat Georg Mahler die Apps vieler Detail­händler – Migros, Coop, Aldi, Lidl, Denner. Bild: Basil Stücheli

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Es gibt die Unorganisierten, die ein Erdbeerjoghurt holen wollen und mit einem Doppelpack Zwieback den Laden verlassen. Es gibt die Organisierten, die ihre Einkaufsliste Punkt für Punkt abarbeiten. Und es gibt Georg Mahler. Einen Supermarkt unvorbereitet zu betreten, da wird er deutlich, das käme ihm nie in den Sinn. Georg Mahler, auf seiner Kredit­karte steht sein richtiger Name, hat beim Einkaufen nicht nur eine Liste, sondern eine Strategie, immer.

Wenn er, wie jetzt, durch die Schiebetür eines Ladens tritt, scannt er als Erstes die Regale. Rot ist seine Farbe. Das Rabatt-Rot der Aufkleber, die vergünstigte Produkte kurz vor Verfalldatum kennzeichnen; manchmal ist es auch ein Rabatt-Gelb. Mahler ist ein Schnäppchenjäger. Nicht so wie die meisten von uns, die wir uns freuen, wenn zufälligerweise das Lieblingswaschmittel in Aktion ist. Nein, Mahler sammelt Gut­scheine, Treuebons, Rabattcodes mit fast schon professionellem Eifer, immer mit dem Ziel: nicht den vollen Preis zu zahlen.

In Deutschland und den USA nennt man Menschen wie ihn Couponer oder Extrem-Couponer. Sie machen sich einen Sport daraus, ihren Einkaufswagen möglichst üppig zu füllen und dann Wertgutscheine so einzusetzen, dass sie fast nichts bezahlen. Die US-Realityshow «Extreme Couponing» machte das Phänomen ab 2011 einem breiten Publikum bekannt, inzwischen gibt es auch im deutschsprachigen Raum Coupon-Stamm­tische und Youtube-Tutorials.

Es geht um den Kick, nicht ums Geld

Mahler, ein kräftiger Mann von 48 Jahren, Strickjacke über dem Hemd, steht nun also in einem dieser Discounter, wo die Parkplätze fussballfeldgross sind. In der Aargauer Ortschaft gibt es eine zweite Filiale derselben Kette, die mag er lieber, dort sind sie gross­zügiger mit den Rabattklebern. Am liebsten kauft Mahler samstags ein, idealerweise ungefähr um 9 Uhr, dann haben die Angestellten die Regale eingeräumt und streifen das erste Mal mit den roten Rabattklebern durch den Laden. Auf seinem Handy hat Mahler die Apps aller Detailhändler: Migros, Coop, Aldi, Lidl, Denner. So verpasst er keine Aktion. Auch ihre Wochenzeitschriften liest er, wegen der ganzseitigen Schweinebauchinserate, wie manche sie nennen.

Was Mahler an Geld spart, verliert er an Zeit. Es kommt vor, dass er an einem Samstag vier Stunden mit Einkaufen verbringt. Er plant seine Route anhand der Angebote – den Sack Aktionszwiebeln bei Lidl, die Milch im 12er-Pack bei der Migros. Kürzlich hat er 15 Kilo Butter gekauft, das Mödeli zu 1.25 anstatt 3 Franken, da konnte er nicht anders als zugreifen. Er hat die Butter eingefroren.

Natürlich will man jetzt dringend wissen, warum er das tut. «Ganz klar, weil es mir Spass macht», sagt Mahler und nimmt die nächste Frage vorweg: «Vom Finanziellen her hätte ich es nicht nötig.» Schon immer sei er ein Sparfuchs gewesen, sagt er, heute ist er eines der aktivsten Mitglieder der grössten Schweizer Schnäppchen-Community, preispirat.ch. Sie ging Ende 2017 online und zählt jeden Tag 10'000 Besuche. Fast täglich postet Mahler Aktionen, etwa für elektrische Zahnbürsten, die er irgendwo entdeckt hat. Oft über Mittag, so lässt sich das mit dem Job als Informatiker vereinbaren. «Ist doch schön, wenn andere auch davon profitieren können», sagt er. Er will zeigen: Sparen ist nichts Schlechtes.

Die Sonderangebote ­bestimmen das Menü

Spass also. Den Kick suche er, sagt Mahler, da spüre er den Händler in sich, und wenn er ein echtes Schnäppchen mache, seien da Glücksgefühle. Einkaufen ist für ihn mehr als der Tausch von Geld gegen Ware, vielleicht beschreibt man es am besten mit dem Streben nach dem perfekten Lauf, schliesslich wird im Jargon der Hauptgang eines Supermarktes als «Rennstrecke» bezeichnet, und alles ist darauf angelegt, die Kunden auf dem Weg zur Kühltheke ganz hinten abzufangen und ihnen etwas zu verkaufen, von dem sie nicht wussten, dass sie es brauchen. Dass an der Kasse so viele ihre Siebensachen in beiden Händen jonglieren, liegt meist nicht daran, dass es zu wenig Einkaufskörbe hat, sondern dass sie nur rasch einen Liter Milch holen wollten und dann hier und da zugriffen.

Es ist nicht so, dass Mahler immun wäre gegen solche Spontankäufe. Nur ist er als Konsument viel schwieriger zu knacken, weil sein Hirn permanent kalkuliert und vergleicht. Grosspackungen? «Falle ich nicht darauf herein, ich schaue auf die 100-Gramm-Preise.» Mahler kann aus dem Stegreif den Preis für einen Liter Milch nennen, für ein Kilo Ruchbrot oder Peperoni. Er zeigt auf ein Paar Bratwürste. «Kauf ich nicht, Lidl hat die gerade in Aktion.»

Früher oder später ist alles in Aktion. So sieht es Georg Mahler.

Das Rabatt-Rot bestimmt auch seine Menü­planung. Sieht er ein günstiges Produkt, das nicht auf seiner Einkaufsliste steht, rattert es in seinem Kopf. Könnte ich dieses Poulet heute Abend kochen? Vielleicht einfrieren? Stets greift er ganz hinten ins Regal, so erwischt er Lebensmittel mit späterem Verfalldatum. Ihm ist wichtig: Nichts wegwerfen. «Food Waste ist eine Katastrophe», sagt er, und schon deshalb sei es sinnvoll, auf Aktionen zu achten. Gleichzeitig hat er, der ursprünglich gelernte Koch, ein Gespür für Lebensmittel, kauft die Bio-Eier direkt beim Bauern.

Extremsparen galt lange als unschweizerisch

Alle paar Monate fährt Mahler nach Deutschland. Er mag das riesige Angebot. Meterweise Teesorten, Milch mit Fruchtgeschmack, Wurstwaren, «da sind die Deutschen stark». Er testet gerne, etwa mit Probiercoupons und Geld-zurück-Aktionen, die in Deutschland verbreitet sind – paradiesische Zustände für Schnäppchenjäger. Anders in der Schweiz: Extremsparen galt lange als unschweizerisch. Nun lege es sein schlechtes Image ab, sagt Wirtschaftspsychologe Christian Fichter. Auch dank US-Importen wie Black Friday und DeinDeal: «Die amerikanische Sparkultur setzt sich allmählich in der Schweiz durch, wenn auch nicht im gleichen Ausmass wie in Deutschland.» Extrem-Schnäppchenjäger bleiben ein Randphänomen – obwohl der Detailhandel uns dazu erzieht. Rabatte als absatzförderndes Element werden immer wichtiger.

Was tut Mahler mit dem gesparten Geld? Für Elektronik ausgeben oder für Ferien. Aber eben, das Geld ist Nebensache. Manchmal greift er bei Sonderangeboten zu, um sie im Internet weiterzuverkaufen. Kürzlich eine Nespresso-Maschine, inklusive Kapseln zum Vorzugspreis. Die Kapseln hat er behalten. Und nach dem Gespräch wird er sich verabschieden und einen Tintenstrahldrucker kaufen. Nicht, weil er einen braucht. Aber es gibt eine Gratisvignette dazu.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.02.2019, 09:54 Uhr

So spart der Schnäppchenjäger


  • Antizyklisch einkaufen (z.B. Grill im Winter).


  • Wann Supermärkte Produkte rabattieren, kann je nach Filiale variieren. Vor Wochenenden und Feiertagen sind Lebensmittel stark reduziert.


  • Manche Bons/Aktionen lassen sich kumulieren, selbst wenn das Gegenteil angegeben ist.


  • Cashback-Plattformen wie Rabattcorner.ch, Retourgeld.ch oder Rewardo.ch erstatten Bargeld auf Onlinebestellungen zurück.


  • Schnäppchenwebsites und Preisvergleichsportale besuchen (preispirat.ch, toppreise.ch).


  • Auf Onlineplattformen wie Ricardo.ch, Tutti.ch oder Anibis.ch verkaufen Nutzer Rabatt- und Gutscheincodes, die sie nicht brauchen.


  • Newsletter und Kundenzeitschriften abonnieren.


  • Gutschein-Seiten wie gutschein.ch nutzen.


  • Apps installieren und Sonderangebote nutzen (z.B. Kaffee-Stempelkarte bei k Kiosk App).

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