Die Öko-Welle erreicht die Waschküche

Sechs Tipps, wie man Umwelt und Kleidung schont.

Was für Jeans gilt, gilt für alle Textilien: An der frischen Luft verflüchtigen sich Gerüche von selbst. Foto: Getty Images

Was für Jeans gilt, gilt für alle Textilien: An der frischen Luft verflüchtigen sich Gerüche von selbst. Foto: Getty Images

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Wer um sein Öko-Karma besorgt ist, muss derzeit schaurig aufpassen. Fliegen, Importgemüse, Billigkleider, Plastikbecher – alles tabu. Und gerade taucht die nächste grosse Sünde am Horizont auf: das Kleiderwaschen. Synthetische Textilien verlieren nämlich Fasern, die als böses Mikroplastik im Abwasser landen, genauso wie die ganze Chemie aus den Waschmitteln. Ausserdem braucht das alles auch noch Strom. Letzte Woche hat die britische Designerin Stella McCartney das Problem auf den Punkt gebracht: «Wenn du etwas nicht wirklich reinigen musst, dann lass es», sagte sie dem «Observer».

Recht hat sie. Wir waschen Kleider viel zu oft. In der Schweiz hat sich der Stromverbrauch beim Waschen und Trocknen zwischen 2000 und 2017 sage und schreibe verdoppelt. Laut Schätzungen der Bundesamtes für Energie (BFE) wird in einem Einfamilienhaushalt fast viermal in der Woche die Waschmaschine angeworfen. Kommt hinzu, dass wir immer öfter tumbeln: Gemäss dem BFE sind die Verkaufszahlen von Trocknern seit 2002 um 88 Prozent gestiegen, was ebenfalls zu diesem massiven Anstieg des Stromverbrauchs beigetragen habe.

Dass wir nach einem gemütlichen Tag im Büro das Hemd oder die Bluse in den Wäschekorb schmeissen, hat mit unserer naiven Vorstellung von Sauberkeit zu tun. «Nur wenn etwas nach Waschmittel riecht, empfinden wir es als sauber», sagt Rainer Stamminger, Professor für Haushalts- und Verfahrenstechnik an der Universität Bonn. Darauf habe uns die Industrie konditioniert, «weil wir leider nicht wahrnehmen können, ob sich Bakterien entwickelt haben oder wie viel Hautfett und Schmutzpartikel in der Bluse tatsächlich sind». Es gibt jedoch einfache Methoden, wie man den «Waschzwang» reduzieren kann – und damit Kleidung und Umwelt schont:

Tipp 1: Auslüften statt waschen

Einfach das T-Shirt, die Bluse oder Hose am Abend an einen Bügel hängen und ab damit an die frische Luft. Wer keinen Balkon oder Garten hat, kann seine Kleider auch im Bad durchlüften lassen. «Die feuchte Luft beseitigt nicht nur Gerüche, sie glättet auch Knitterfalten», sagt Johanna Schaufelberger, Leiterin der Bäuerinnenschule Strickhof. Eine Alternative zum Waschen bieten auch sogenannte Auffrischungsprogramme bei modernen Tumblern. «Dabei werden viele Gerüche und Schmutzpartikel mit Dampf entfernt», sagt Rainer Stamminger. Die Frischkur dauert nur etwa eine Viertelstunde und ist somit ökologischer als ein Waschgang.

Tipp 2: Müffeltest machen

Es lohnt sich, an getragenen Kleidern erst einmal zu schnuppern, bevor man sie reflexartig in die Wäsche schmeisst. Allerdings ist das mit dem Riechen so eine ­Sache. Die meisten haben Panik zu versagen, insbesondere beim eigenen Schweissgeruch. Schaufelberger kennt dieses olfaktorische Di­lemma von ihren Schülerinnen nur zu gut. Sie empfiehlt deshalb, den Schnuppertest nicht unmittelbar nach dem Ausziehen zu machen, ­sondern erst am nächsten Morgen, am besten gleich nach dem Duschen. «Da haben wir eine besonders ­sensible Nase, weil alles frisch riecht und Gestank dann besonders auffällt.»

Tipp 3: Schmutz ausbürsten

Anzüge, Jacken, Mäntel und Hosen kann man zwischendurch einfach mit einer Bürste reinigen. «Vor der Erfindung der Waschmaschine war das eine sehr gängige Methode, um Staub und Schmutzpartikel aus Kleidern zu entfernen», sagt Schaufelberger. Gerade bei Anzügen spart man sich dadurch auch ein paar mühsame Gänge zur chemischen Reinigung.

Tipp 4: Jeans brauchen kein Wasser

Chip Bergh, der CEO von Levi’s, schockiert gern mit der Botschaft, dass er seine Jeans seit zehn Jahren nicht gewaschen habe. Das sei viel besser für den Stoff, und Flecken würden mit der Zeit einfach verblassen. Dass der Mann bisher nicht an einer Jeansvergiftung gestorben ist, grenzt jedoch nicht an ein Wunder. «Für die Hautflora von gesunden Menschen ist es völlig unbedenklich, wenn man eine Jeans ein paar Monate nicht wäscht», sagt Stamminger. Die Bakterienwerte seien nach mehreren Monaten ähnlich hoch wie bereits nach einigen Tagen. Johanna Schaufelberger ergänzt: «Wolle braucht man eigentlich auch nie zu waschen, Lüften bei nebligem Wetter ist für das Material ideal.» Sie empfiehlt dennoch, alles Wollige spätestens im Frühling einmal im Handwaschgang zu reinigen, «damit Hautschuppen, die Motten so gern haben, entfernt werden».

Tipp 5: Keine Kurzprogramme

Früher oder später kommt man um die Waschmaschine nicht herum. Wie aber wäscht man sauber und ökologisch zugleich? «Ein Eco-Programm bei 40 Grad ist ähnlich hygienisch, aber um einiges energiefreundlicher als ein 60-Grad-Normalprogramm», sagt Schaufelberger. Die Waschmaschine arbeitet anstatt mit der Temperatur mit einer längeren Einweichzeit. 60 Grad lohnen sich nur noch bei stark verschmutzter Kleidung, Putzzeug oder Unterwäsche. Auf Kurzprogramme soll man grundsätzlich verzichten, weil sie sehr viel Energie aufwenden, um das Wasser möglichst rasch aufzuheizen. Und was ist mit Tumbeln? «Auch das verbraucht viel Strom, und die Hitze greift die Fasern an.» Also am besten nur noch Bett­wäsche und Frotteetüchli tumbeln, weil diese dann schön weich werden.

Tipp 6: Wind statt Weichspüler

Eigentlich ist der Weichspüler ein psychologisches Produkt. Nicht die Wäsche braucht ihn, sondern wir, um unser Bedürfnis nach Flauschigkeit zu befriedigen. Leider schadet der Weichspüler mehr, als er nützt: Die zusätzliche Chemikalie belastet Umwelt und Haut, «weil sie ja in der Kleidung bleibt und allergische Reaktionen auslösen kann», warnt Schaufelberger. Der Weichspüler verstopft zudem atmungsaktive Materialien und reduziert die Saugfähigkeit von Baumwolle, was bei Bade- und Abwaschtüchern nicht wirklich ideal ist. Flauschfans müssen jedoch nicht verzagen: «Kleider und Frotteetücher werden weich, wenn man sie draussen aufhängt», sagt Stamminger. Der Wind sorge nämlich dafür, dass sich die nassen Fasern durch die Bewegung voneinander lösen, was die Textilien fast genauso soft mache wie der böse Weichspüler.

Crashkurs Haushalt und Verpflegung, an sechs Samstagen, Beginn am 24. 8., www.strickhof.ch



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Erstellt: 20.07.2019, 18:30 Uhr

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