Hillary Clinton zeigt sich so offen wie noch nie

Donald Trumps ehemalige Gegnerin präsentiert sich in einem Interview plötzlich ganz unverkrampft – das nährt Spekulationen.

«Sag nie nie nie nie nie!»: Hillary Clinton Anfang November auf der Werbetour für ihr neues Buch. Foto: Keystone

«Sag nie nie nie nie nie!»: Hillary Clinton Anfang November auf der Werbetour für ihr neues Buch. Foto: Keystone

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Versucht sie noch einmal, die erste Präsidentin der USA zu werden? Hillary Clinton, die vor drei Jahren gegen den Amateur-Politiker Donald Trump unerwartet verloren hatte, trat diese Woche auf auffällige Weise in die Öffentlichkeit. Zur Freude ihrer Fans und zum Grauen der Gegner steht tatsächlich die Möglichkeit im Raum, dass sie einen dritten Anlauf auf das Weisse Haus unternehmen will.

Einen Hinweis auf ihre möglichen Absichten gab die 72-jährige frühere First Lady, Senatorin und Aussenministerin bereits Anfang November. Hillary Clinton weilte in London, wo sie für ihr neuestes, gemeinsam mit Tochter Chelsea verfasstes Buch über Gutsy Women – mutige Frauen – Werbung machte. Die Interviewerin des BBC-Radios interessierte sich vor allem für Clintons Zukunftspläne. Trotz aller Bemühungen mochte sich die amerikanische Wahlverliererin nicht festlegen.

«Wie ich jetzt mit Ihnen im Studio sitze, plane ich das nicht», sagte Hillary Clinton zum Thema einer Kandidatur. Doch sie fügte vielsagend hinzu: «Sag nie nie nie nie nie!» Dann doppelte sie nach: «Ich stehe unter enormem Druck von vielen, vielen, vielen Leuten, dass ich darüber nachdenken solle.»

Die nicht beweisbare Behauptung klang wie eine Aufforderung an Umfrageexperten, sie sollten doch die Chancen dafür ausloten, ob sie die Spitze der demokratischen Trump-Herausforderer übernehmen kann. In der Psyche ihrer Partei spiele die zweifache Kandidatin nach wie vor eine grosse Rolle, schreibt die «New York Times» – «als Heldin und als Übeltäterin».

Selbst über ihre Liebschaften plauderte sie

Diese Doppelrolle würde für einen Sieg nicht ausreichen. Dafür haftet Hillary Clinton bei Republikanern und Wechselwählern zu viel Negativität an. Um sich durchzusetzen, müsste sie sich, so schwierig das nach bald 37 Jahren im Licht der Öffentlichkeit auch scheint, dem Volk neu präsentieren können.

Genau dies gelang Clinton am Mittwoch in einem ungewöhnlichen Interview in der legendären Talkshow von Howard Stern im Satellitenradio Sirius XM. Das auf Youtube abrufbare Gespräch dauerte zweieinhalb Stunden, ohne je langweilig zu werden. Nicht von ungefähr gilt Stern, der als «Shock Jock» in den 1990er-Jahren die ­Zuhörerschaft mit Unflätigkeiten schockierte, als einer der besten Interviewer im Land.

Dem offensichtlichen Clinton-Superfan gelang es, die Politikerin mit dick aufgetragenen Bauchpinseleien zu umschmeicheln und in einen Wohlfühlzustand zu versetzen. Kaum richtig entspannt, packte die frisch und gesund aussehende Hillary aus. Sie sprach über ihre Herkunft, ihren Bildungsgang, ihre Liebschaften und politischen Erfahrungen so freimütig und gewinnend wie noch selten.


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Die Welt erfuhr zum Beispiel, dass die damalige Hillary Rodham an der Yale-Universität einen athletischen Boyfriend hatte, der wie ein griechischer Gott aussah, aber gegen Bill Clintons Charme chancenlos war. «Im Gegensatz zu dem, was man hört, mag ich Männer», sagte sie lachend in Anspielung auf anderslautende Verdächtigungen. Stern hakte nach. «Sie hatten nie eine lesbische Affäre?» – «Nein.»

Einer der schwierigsten Tage in ihrem Leben sei die Vereidigung Donald Trumps am 20. Januar 2017 gewesen, gestand Clinton. Sie sass neben dem Ex-Präsidenten George W. Bush und dessen Ehefrau Laura, als Trump zu reden begann. Seine Antrittsrede sei «so bizarr gewesen, dass ich mich zu sorgen begann», erinnerte sie sich. Dann habe ihr George W. Bush, der während der Rede neben ihr stand, gesagt: «That was some weird shit!» (Das war aber ein verrückter Scheiss.)

Bush gab bisher kein Dementi von sich, weshalb die Anekdote wohl stimmt. Generell wirkte Clinton im Interview ehrlich und sachkundig, als sie von ihrer Arbeit als Senatorin erzählte, von der Aktion gegen den Terroristenboss Osama Bin Laden oder über ihre Prioritäten für die ersten 100 Amtstage im Fall ihrer Wahl. Clinton hätte sich dem Gesundheitswesen gewidmet, der Einwanderungspolitik und der Ernennung von Richtern.

«Sie rührte mich zu Tränen», sagte eine Zuhörerin nach Clintons Interview in der «Howard Stern Show». «Hätte sie ein solches im Wahlkampf gegeben, wäre ihr der Sieg sicher gewesen.» Eine andere Stimme sagte: «So wie sie jetzt tönt, sollte sie noch einmal antreten.»

Punkto Aufgewecktheit ist sie Joe Biden überlegen

Nur wenige Beobachter wagen die Prognose, dass Hillary Clinton einen erneuten Anlauf nehmen wird. Die Kolumnistin Maureen Callahan von der «New York Post» sieht das stärkste Indiz darin, dass Clinton ausgerechnet jetzt Stern zusagte. Der Radiomann hatte sie seit 2016 erfolglos bekniet, und ihre Buchpremiere liegt schon zwei Monate zurück.

Der unmittelbare Anlass für Clintons Wiedereinführung könnte sein, dass Zweifel über die Stärke des demokratischen Kandidatenfelds zunehmen. Diese Woche schied die afroamerikanische Senatorin Kamala Harris aus dem Rennen. Die Schwächen der anderen haben zwei neue Bewerber ermutigt anzutreten, darunter den Multimilliardär Michael Bloomberg. Und Spitzenreiter Joe Biden, 77, kann Bedenken über seine mentalen Fähigkeiten nicht ausräumen. Gegen die schnelle Aufgewecktheit, die Clinton im Interview vorführte, könnte Biden kaum bestehen.

Auch Parteigänger Trumps müssen sich Sorgen machen. Das glaubt zumindest Senator Lindsey Graham. Hillary Clinton habe im Unterschied zu anderen Anwärtern «keine verrückten Dinge versprochen», sagt Graham. «Sie verlor das Rennen knapp, und aus republikanischer Sicht würde ich nicht über sie lachen.»



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Erstellt: 07.12.2019, 23:06 Uhr

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