Hinter Gitter bis ans Lebensende

Eine neue Untersuchung zeigt, wie viele verwahrte Straftäter freikommen. Entlassungen sind selten.

Mordprozess Rupperswil: Was auf die Schweiz zukommt und welches Urteil man erwarten könnte, erklärt Gerichtsreporter Thomas Hasler. (Video: Lea Koch, Nicolas Fäs)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Durch eine List verschafft sich Thomas N. Zutritt zum Haus der Familie Schauer in Rupperswil AG. Zwingt Mutter Carla Schauer, ihre Söhne Davin, 13, Dion, 19, und dessen Freundin Simona, 21, zu fesseln und dann Geld zu beschaffen. Fast 10'000 Franken bezieht Mutter Carla an einem Bankschalter – wohl in der Hoffnung, damit ihre Kinder zu retten. Vergeblich. Zurück im Haus, wird auch sie gefesselt und geknebelt. Thomas N. vergeht sich am 13-jährigen Davin. Dann schneidet er allen die Kehle durch.

Seit jenem 21. Dezember 2015 ist in Rupperswil nichts mehr, wie es einmal war. Für die Luzerner Kantonsrichterin und Strafrechtsprofessorin Marianne Heer ist der Vierfachmord von Rupperswil eines der brutalsten Verbrechen der Schweizer Kriminalgeschichte. «Dieses kaltblütige Töten für Geld ist wenig nachvollziehbar und schlicht grauenhaft», sagt Heer.

Umgang mit Verwahrten gleicht keiner Kuscheljustiz

Am Dienstag beginnt nun der Prozess gegen den heute 34-jährigen Thomas N. auf dem Stützpunkt der Polizei in Schafisheim AG. Die Staatsanwaltschaft dürfte wohl eine ordentliche Verwahrung, vielleicht gar eine lebenslange Verwahrung beantragen. Ein Hinweis dafür sind die beiden psychiatrischen Gutachter, die zum Prozessauftakt das Wort erhalten werden. Das Strafgesetz sieht vor, dass es für eine lebenslängliche Verwahrung zwei Gutachten braucht, die einen Täter als «dauerhaft nicht therapierbar» einstufen. Als dritte Möglichkeit kommt eine stationäre Therapie, die sogenannte kleine Verwahrung, infrage.

Unabhängig vom Urteil von SVP-Richter Daniel Aeschbach: Die Wahrscheinlichkeit ist gering, dass der Vierfachmörder je wieder auf freien Fuss kommt. Der ­SonntagsZeitung liegen erstmalige Untersuchungen von Thomas Freytag vor, Vorsteher des Amtes für Justizvollzug des Kantons Bern. Die Erhebung zeigt, dass die bedingte Entlassung aus der Verwahrung in der Schweiz «ausserordentlich selten gewährt» wird, wie Freytag und Co-Autorin Aimée Zermatten schreiben.

In den letzten zehn Jahren haben die Behörden lediglich bei 2 Prozent der ordentlich Verwahrten eine bedingte Entlassung ausgesprochen. 2015 wurden zwei Täter entlassen, 2016 einer – und 2017 keiner. «Die wenigen, die in Freiheit kommen, sind praktisch immer alt, krank und nicht mehr imstande, ein schweres Delikt zu begehen», sagt Freytag. «Somit ist die ordentliche Verwahrung de facto eine lebenslange Verwahrung.»

20 Prozent werden länger als 20 Jahre verwahrt

141 Straftäter waren durchschnittlich in den vergangenen Jahren ordentlich verwahrt, mehr­heitlich in geschlossenen Strafanstalten. Die meisten von ihnen, 70 Prozent, seit über 10 Jahren. 20 Prozent gar mehr als 20 Jahre. Grund für die wenigen Entlassungen: eine Null-Risiko-Mentalität. Richter und Gutachter lehnen lieber einen Antrag auf Freilassung zu viel ab als einen zu wenig.

Auch bei den 441 Insassen der sogenannten kleinen Verwahrung, der stationären Massnahme nach Artikel 59 gemäss Strafgesetzbuch. Lediglich 10 Prozent der Täter wurden im Schnitt in den vergangenen zehn Jahren bei der jährlichen Überprüfung bedingt entlassen. Das sind siebenmal weniger, als aus dem Vollzug einer normalen Freiheitsstrafe entlassen werden.

«Diese Zahlen zeigen, dass die Schweiz alles andere als eine Kuscheljustiz hat», sagt Freytag. Der Ruf nach noch härteren Strafen bei schweren Delikten sei unbegründet. «Der Schutz der Gesellschaft vor gefährlichen Tätern ist da.» Und zwar in allen Kantonen. «Denn im Umgang mit Verwahrten ist die Praxis schweizweit einheitlich restriktiv.»

«Jedes Gutachten birgt die Gefahr, dass ein Verwahrter freikommt.»Bernhard Guhl, BDP-Nationalrat

Die lebenslange Verwahrung sprachen die Gerichte bisher fünf Mal aus. Vier Täter zogen bis vor Bundesgericht, das die Höchststrafe aufhob. So wie auch diese Woche im Fall von Claude Dubois, dem Mörder der 19-jährigen Marie. Somit ist aktuell nur ein Täter lebenslang verwahrt: Der Thurgauer Callgirl-Mörder Mike A., der sein Urteil akzeptierte.

Es sei «praktisch nicht möglich», eine Prognose zu stellen, dass ein Mensch bis an sein Lebensende nicht therapierbar sei, sagt Richterin Heer. «Deshalb hat das Bundesgericht eine solch rigide Massnahme noch nie gestützt.» Sie ­kritisiert aber, dass ordentlich Verwahrte heute in den allermeisten Fällen nie mehr auf freien Fuss kommen. «Das kommt einer Todesstrafe gleich und ist nicht für alle Verwahrten angemessen.»

Und es generiert enorme Kosten. Laut Gesetz muss eine normale Verwahrung jährlich überprüft werden, ein entsprechendes Gutachten kostet 12'000 bis 15'000 Franken. «Das führt zu horrenden Kosten», sagt BDP-Nationalrat Bernhard Guhl, «und jedes Gutachten birgt die Gefahr, dass sich ein Verwahrter verstellt und freikommt.» Nach einem Vorstoss von Guhl, den Bundesrat und Parlament unterstützen, soll der Überprüfungsintervall künftig auf drei Jahre erhöht werden.

Hohe Kosten für die Betreuung von Straftätern

Im Fall Rupperswil waren bereits die Ermittlungen teuer. Belohnung für Hinweise: 100'000 Franken. Auswertung von Handydaten: 200'000 Franken. Zudem waren 40 Polizisten fast fünf Monate nur für diesen Fall zuständig, was Lohnkosten von mindestens 1,17 Millionen Franken ergibt.

Nun kommt der Vollzug hinzu. Ein Tag in der Zürcher Anstalt Pöschwies, wo Thomas N. derzeit auf den Prozess wartet, kostet im normalen Haftregime 301 Franken. Bleibt er, gerade einmal 34 Jahre alt, tatsächlich bis zum Lebensende hinter Gittern, ergibt das bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von knapp 82 Jahren total 5,27 Millionen Franken. Erhält Thomas N. jedoch als Strafe eine stationäre Massnahme mit Therapie, wären es gar 770 Franken am Tag und insgesamt 13,49 Millionen Franken.

Thomas N. ist geständig. 146 Tage nach der Tat hatte die Polizei den mutmasslichen Vierfachmörder von Rupperswil verhaftet. Sie fanden bei ihm zu Hause einen gepackten Rucksack mit Kabelbindern, Klebeband und Seilen – die nächste Tat hatte er offenbar schon geplant.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 10.03.2018, 22:23 Uhr

Psychiater: «Manche Täter sind einfach böse»

Für eine lebenslange Verwahrung müssen Gutachter zum Schluss kommen, dass ein Täter «dauerhaft nicht therapierbar» sei. Ist eine solche Aussage überhaupt möglich?
Das Bundesgericht interpretiert «dauerhaft» als «lebenslänglich». Eine solche Prognose kann man nur in ein paar sehr exotischen Fällen stellen.

Konkret?
Bei Tätern, die nicht mehr lange leben und eine Störung haben, die man in den nächsten Jahren mit neuen wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht behandeln kann.

Was sind das für Störungen?
Zum Beispiel schwere hirnorganische Verletzungen oder eine frühzeitige massive Demenz bei einem Sexualstraftäter. Aber bei allen anderen Persönlichkeitsstörungen oder Störungen der Sexualpräferenz kann man in der Regel nicht sagen, dass man jemanden lebenslänglich nicht behandeln kann. «Nicht behandeln können» meint, dass die Rückfallwahrscheinlichkeit nicht so sinkt, dass eine Behörde oder ein Richter die Entlassung eines Täters als verhältnismässig beurteilt.

Am Vierfachmord von Rupperswil sorgt nicht zuletzt die brutale und sadistische Vorgehensweise für Fassungslosigkeit. Spielt der Grad der Grausamkeit einer Tat eine Rolle für die Therapierbarkeit?
Ja, weil die Grausamkeit häufig ein Ausdruck der Persönlichkeitsstruktur ist. Sie zeigt, dass ein Täter bereit ist, soziale und gesellschaftliche Normen für die eigene Bedürfnisbefriedigung zu verletzen, gerade beim Sadismus. Eine grosse Grausamkeit spricht oft für eine tief greifende strukturelle Störung, die schlechter behandelbar ist.


Video: «Warum mussten die vier Menschen sterben?»

Mordprozess Rupperswil: Was auf die Schweiz zukommt und welches Urteil man erwarten könnte, erklärt Gerichtsreporter Thomas Hasler. (Video: Lea Koch, Nicolas Fäs)


Kommt es vor, dass jemand tötet, ohne dass er psychisch krank ist – sondern einfach böse?
Ja. Denken Sie zum Beispiel an häusliche Gewalt.

Laut einer neuen Studie wird kaum ein Täter aus der ordentlichen Verwahrung entlassen. Warum?
Es handelt sich um eine negative Selektion. Wir reden hier von Tätern, die eine hohe Rückfallgefahr haben und über die nächste Zeit nicht behandelbar sind. Sie bekommen auch keine intensive Behandlung, also wird sich mit grosser Wahrscheinlichkeit auch wenig ändern. Und diese Tätergruppe altert. Wir kommen langsam an den Punkt, wo gleich viele Straftäter in der Verwahrung sterben wie entlassen werden.

Wann sind Freilassungen besonders selten?
Bei schweren Sexualdelikten wie Sexualmord, Kindsmissbrauch, schweren Vergewaltigungen. Und bei schweren Tötungsdelikten, also Mord.

Was braucht es eigentlich, damit ein Verwahrter rauskommt?
Sicher einen guten Vollzugsverlauf. Diese Woche wurde bekannt, dass der Bankräuber Hugo Portmann freikommen soll und nicht nachträglich verwahrt wird, obwohl er eine Therapie stets abgelehnt hat. Er wird entlassen, weil er einen guten Verlauf und keine psychischen Störungen im engeren Sinn hat. Hinzu kommt: Ein 65-jähriger Mann, der mit 30 schwere Straftaten begangen hat, stellt nicht mehr das gleiche Risiko dar. Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die zeigen, dass die Rückfallwahrscheinlichkeit mit dem Alter ganz massiv abnimmt.

Warum?
Es gibt verschiedene Faktoren. Ich bin sicher, dass bei Gewalt- und Sexualdelikten auch der männliche Testosteronspiegel eine Rolle spielt. Er nimmt bereits ab 30 deutlich ab.

Straftäter sind oft Meister der Manipulation. Wie wappnet man sich als Gutachter dagegen, dass man ausgetrickst wird?
Wir wissen ja, dass sie das können, und lernen schon in der Ausbildung, wie man damit umgeht. Man kennt die eigenen Verletzlichkeiten und weiss, wo man verführt werden kann.

Kann ein Ersttäter wie der mutmassliche Mörder von Rupperswil verwahrt werden?
Das kann ich mir bei ganz schweren Gewalttaten vorstellen. (Tages-Anzeiger)

Sicherheit im Vordergrund

Kleine Verwahrung (stationäre Massnahme nach Art. 59 StGB): Psychisch schwer gestörter Täter, gilt als therapierbar. Erhält Therapie statt Haft.

Ordentliche Verwahrung (Art. 64 StGB): Täter begeht schwere Straftat, gilt als therapierbar. Die Verwahrung beginnt nach der Strafe. Sie wird jährlich überprüft.

Lebenslange Verwahrung: Extrem gefährlicher Sexual- oder Gewaltstraftäter, gilt als nicht therapierbar bis ans Lebensende.

Artikel zum Thema

Der Hund kann das Herrchen überführen

SonntagsZeitung Polizisten und Staatsanwälte ermitteln immer öfter mit Tier-DNA. Mehr...

Der Mörder von Marie wird doch nicht lebenslänglich verwahrt

Das Bundesgericht hat die lebenslange Verwahrung des Mannes, der die 19-jährige Marie in Payerne VD ermordet hatte, aufgehoben. Mehr...

Kontroverse um kleine Verwahrung

Soll bei Straftätern auch ohne psychische Störung eine stationäre Therapie angeordnet werden können? Ein Bundesgerichtsurteil und Aussagen von Experten deuten in diese Richtung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Vier Pfoten für die Zukunft: Chilenische Polizistinnen marschieren mit den Welpen zukünftiger Spürhunde an der jährlichen Parade in der Hauptstadt Santiago de Chile. (19. September 2018)
(Bild: Rodrigo Garrido) Mehr...