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Hippe Heiler

Homöopathen und Lifestyle-Gurus konkurrenzieren zunehmend die Ärzte. Was macht deren Versprechen so viel attraktiver als die Wissenschaft?

Ein bisschen Show kann beim Heilen nicht schaden. (Illustration: Luca Schenardi)
Ein bisschen Show kann beim Heilen nicht schaden. (Illustration: Luca Schenardi)

Der Komiker Eckart von Hirschhausen sitzt auf der Bühne und liest aus seinem Buch «Wunder wirken Wunder – Wie Medizin und Magie uns heilen», das seit Monaten auf der «Spiegel»-Bestsellerliste steht. «Vier Tabletten mit nichts drin wirken stärker als zwei. Placebo-Spritzen wirken besser als Tabletten. Am besten wirken Placebo-Operationen. Placebos, die der Chefarzt im weissen Kittel verabreicht, wirken besser als die vom Pfleger im Poloshirt.»

Der Saal grölt vor Lachen. Nur: Was Eckart von Hirschhausen in «Wunder wirken Wunder» schreibt, sind keine Gags. Es ist eine relativ nüchterne Auseinandersetzung mit alternativen Heilmethoden. Und da klingt so manches halt etwas absurd. Zum Beispiel, wenn sich von Hirschhausen, der ursprünglich Medizin studiert hat, auf eine schamanische Traumreise begibt.

Eckart von Hirschhausen liest aus seinem Bestseller «Wunder wirken Wunder». Quelle: Youtube

Es geht aber auch um Zugänglicheres wie Arnika-Globuli, Akupunktur, Kinesiologie, Bioresonanz oder O2-Wasser, das dank der Extraportion Sauerstoff das Immunsystem stärken und den Stoffwechsel optimieren soll. Davon müsste man aber tausend Liter trinken, um auf dieselbe Menge Sauerstoff zu kommen, die man innerhalb einer Stunde einatmet. Oder wie es von Hirschhausen ausdrückt: «Selbst wenn ich mich in einen Tank voll Sauerstoffwasser stürzte, würde ich noch ertrinken.»

Der Hang zu Magie wächst

Dass «Wunder wirken Wunder» das aktuell meistverkaufte Sachbuch in Deutschland ist – in der Schweiz steht es auf Platz 2 –, verwundert natürlich nicht bei dem Titel, der Esoterik-Affine magisch anzieht. Dass Eckart von Hirschhausen vieles entzaubert, allerdings auf sehr charmante Art, bringt aber nur wenige Leser in Rage. Die meisten lachen darüber hinweg – vielleicht, weil sie sich nicht angesprochen fühlen oder weil sie es besser wissen. Schliesslich wirken Globuli, Kinesiologie und Co. ja, da kann einer noch ­lange das Gegenteil behaupten.

Alternative Heilmethoden, die eine extrem hohe Nachfrage erleben, werden auffallend wenig hinterfragt. Eigentlich paradox in einer Zeit, in der wir je länger, je aufgeklärter sind und entsprechend kritischer sein müssten. «Die Welt wird, wie es der Soziologe Max Weber formuliert hat, immer stärker entzaubert dank Wissenschaft und Technik, und doch sehnen wir uns scheinbar immer stärker nach Zauber», sagt Marko ­Kovic von Skeptiker Schweiz, dem Verein für kritisches Denken.

Hausärzte haben zu wenig Showeffekte

Diese Entwicklung sei aber die Nebenwirkung einer grundsätzlich positiven Entwicklung: «Unsere Bildungsniveaus steigen, und wir werden tendenziell weniger autoritätsgläubig.» Viele Leute suchten heute auf eigene Faust Informationen zu gesundheitlichen Themen. Der Nachteil davon sei, dass traditionelle Autoritätsfiguren wie etwa die Halbgötter in Weiss weniger ernst genommen würden, als eigentlich gut wäre.

Kommt hinzu, dass diese den alternativen Heilern offenbar in zwei zentralen Punkten hinterherhinken: bei der Zeit und beim Showfaktor. Viele Patienten fühlen sich abgefertigt bei den paar wenigen Minuten, die ein Arzt für sie zur Verfügung hat. Das machen die Alternativmediziner besser, indem sie sich deutlich mehr Zeit nehmen. Auch beim Showfaktor sind diese den Hausärzten einen Schritt vor­aus. Die einen verwenden Gift in geringster Konzentration, andere Elektroden oder Magnete, wieder andere behelfen sich mit Trommeln, Federn und Amuletten. Da können unter den Ärzten höchstens die Spezialisten mit ihren teuren Hightechgeräten mithalten.

Showfaktor ist effektiv im Heilverlauf

Wie entscheidend der Showfaktor für die Heilung ist, weiss man aus Placebo-Studien. Am deutlichsten zeigt sich dieser Effekt in Form von Operationen. Die Knie­arthro­sko­pie, bei der das Kniegelenk durchgespült wird, kann Schmerzen deutlich senken – was allerdings am Placebo­effekt liegt. Da bleibt der Hausarzt mit seinen bescheidenen Mitteln natürlich auf der Strecke. Wenn es so weitergehe, sterbe dieser sogar aus wie der Säbelzahn­tiger, schrieb der Zürcher Hausarzt Daniel Oertle unlängst in der «Schweizer Ärztezeitung». Frustrierend für ihn: Viele Befindlichkeitsstörungen würden «nach ein paar Tagen aggressiven Abwartens spurlos verschwinden». Eckart von Hirschhausen zitiert dazu aus der Arztroman­satire «House of God»: «Die Kunst der Medizin besteht darin, so viel wie möglich nichts zu tun.»

Nur, der Patient von heute will sich nicht mit «nichts» abspeisen lassen. Lieber konsultiert er einen Spezialisten oder greift auf alternative Heilmethoden zurück, die die Wartezeit bis zur Selbstheilung zu überbrücken wissen. «Ich habe noch nie gehört, dass jemand zum Homöopathen ging und ohne ein Mittel nach Hause kam», schreibt Eckart von Hirschhausen. Wird man gesund, führt man dies auf die Mittel zurück, selbst wenn sie objektiv unwirksam sind. Eine Erklärung liefert die Neurologie: Unser Hirn kann schlecht mit Zufällen umgehen und versucht jeweils, Zusammenhänge zu finden.

Die neuen Gurus sind weiblich, attraktiv und jung

Während die Hausärzte also auszusterben drohen, erleben Gesundheitsgurus mit dem derzeit so beliebten Thema Ernährung dank sozialen Medien gerade einen Höhenflug – meist sind es junge, charismatische Frauen mit Modelattributen. Eine der einflussreichsten ist die Britin Ella Mills alias Deliciously Ella mit rund einer Million Followern auf Instagram. Sie steht hinter der Clean-Eating-Bewegung, die in kurzer Zeit eine rasante Verbreitung erlebt hat. Die Botschaft: Wenn man nur das Richtige isst, kann man seinen Körper von Krankheiten heilen.

Ella Mills alias Deliciously Ella bereitet gesunde Nutella zu. Quelle: Youtube

Ella Mills selber hat es vorgemacht. Nachdem bei ihr eine Nervenkrankheit diagnostiziert wurde, gegen die monatelang keine Tablette etwas ausrichten konnte, stellte sie ihre Ernährung von heute auf morgen komplett um und nahm nur noch naturbelassene Lebensmittel zu sich. Und tatsächlich: Sie wurde gesund – und zur Marke Deli­ciously Ella. Inzwischen hat die 25-Jährige unglaublich erfolgreiche Kochbücher geschrieben, Delikatessen-Bistros eröffnet und eine riesige Zahl von Nachahmern gefunden. Allein auf Instagram gibt es weit über 27 Millionen Posts mit dem Hashtag #cleaneating.

Promifaktor suggeriert Glaubwürdigkeit

Nun kommt sie jedoch unter Beschuss. Erstens kam heraus, dass ihre Symptome wie bei fast allen Betroffenen wohl innerhalb von ein paar Monaten von allein verschwunden wären. Ausserdem hat sich die wissenschaftliche Basis, auf die sich die Clean-Eating-Philosophie stützt, als nicht stichhaltig erwiesen. Das hat vorige Woche ein Wissenschaftler für die BBC aufgedeckt. Auch Theorien anderer Lifestyle-Gurus wurden als Humbug entlarvt.

Dass wir ihnen trotzdem so grosszügig vertrauen, liegt unter anderem daran, dass wir von der Fülle teils widersprüchlicher Gesundheitsbotschaften überfordert sind und uns die Musse fehlt, zu überprüfen, wer tatsächlich glaubhaft ist. Daher verlassen wir uns auf Faustregeln, sogenannte ­kognitive Heuristiken. «Dass Gurus und Promis von vielen Menschen bewundert werden, suggeriert, dass sie vertrauenswürdig sind», erklärt Marko Kovic. Umso mehr, wenn sie bestechend einfache Botschaften haben. «Das ist ungeheuer attraktiv. Man braucht nur ein paar Anweisungen zu befolgen, et voilà, schon ist man gesund.»

«Dass Gurus und Promis von vielen Menschen bewundert werden, suggeriert, dass sie vertrauenswürdig sind.»

Marko Kovic, Skeptiker Schweiz, Verein für kritisches Denken

Ein Grund dafür ist, dass unser Gehirn die Angewohnheit hat, derart einfache Informationen zu speichern und auch dann daran festhält, wenn diese sich als falsch erweisen wie die Detox- oder die AntiGluten-Philosophie. Dagegen können weder Wissenschaftler noch Eckart von Hirschhausen etwas ausrichten. Höchstens ein neues Heilsversprechen. Und ­dieses ist auch schon parat: Gesundheit durch den richtigen Schlaf. Clean Sleeping heisst das. Der Guru dahinter: Schauspielerin Gwyneth Paltrow.

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