Hippe Hühner

Das Federvieh wird als Haustier zunehmend beliebt. Was Sie dazu wissen müssen.

Ein Hühnergehege sollte sorgfältig geplant werden – sonst wird die Wiese schnell zur Erdwüste. Foto: Getty Images, iStock

Ein Hühnergehege sollte sorgfältig geplant werden – sonst wird die Wiese schnell zur Erdwüste. Foto: Getty Images, iStock

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Die gemeine Henne hat eine Anhängerschaft, von der andere Tierarten nur träumen können. «Ich streichle Hühner gern. Sie sind viel weicher als jede Katze, jeder Hund», sagt zum Beispiel Isabella Rossellini, die italienische Schauspielerin, die zusammen mit 120 Hühnern in der Nähe von Manhattan lebt. Auch ihre Kolleginnen aus Hollywood sind dem Gallus gallus domesticus äusserst zugetan, Barbra Streisand und Liz Hurley etwa. Zu erfahren ist dies im kürzlich veröffentlichten Buch «Vom Glück, mit Hühnern zu leben», einem von zahlreichen derzeit erscheinenden Werken über die offenbar freudbringende Wirkung des Federviehs.

Die Henne ist in der Haustier-Hierarchie zu Hund und Katz aufgerückt und sogar schon unter den präsidialen Haustieren vertreten. Agatha heisst die Henne, die der französische Präsident Macron vor Jahresfrist geschenkt bekam und die seither mit Gefährtin Marianne im Garten des Elysée-Palastes ein geruhsames Dasein führt. Es kann deshalb nicht verkehrt sein, einige Fakten zum Wesen der Henne zu kennen, wenn Sie mit dem Gedanken spielen, sich eine im Garten zu halten.

A chtung, Lärmklagen. Wer sich Geflügel anschaffen will, sollte an die Nachbarn denken. Schreifreudige Güggel und gackernde Hühner haben schon manches Gericht beschäftigt. Abhilfe kann eine automatische Türverriegelung schaffen, damit die Tiere morgens länger im Stall bleiben.

B rauchen Hennen einen Hahn, damit sie Eier legen? Nein. Alle Hühner legen Eier, ob Nutz- oder Zierrasse. Auch, wenn weit und breit kein Güggel zu sehen ist.

D ummes Huhn – stimmt das Vorurteil? Nicht ganz: In Experimenten zeigte das Federvieh nebst Sinn für Farben auch Verständnis für rudimentäre Mathematik und Geometrie. So konnten Küken Formen wie Dreiecke, Vierecke oder Kreise unterscheiden.

E ssensverwerter: Hühner sind nicht nur Körnlipicker, sondern Allesfresser. Sie verzehren Grashalme, Beeren, Spinnen und Würmer, aber auch Abfälle aus der Küche, etwa Reis oder Pasta.

F aszinierend ist, wie die Tiere ruhen: Weil ihre Augen mit der jeweils gegenüberliegenden Hirnhälfte verbunden sind, können Hühner gleichzeitig wach sein und schlafen. Das mit der aktiven Hirnhälfte verbundene Auge ist offen, das andere geschlossen.

G lucken sind fürsorgliche Wesen. Sie zupfen sich Brustfedern aus, um ein Stück Haut – den Brutfleck – freizugeben, das sie dann direkt auf die Eier legen, damit diese exakt die richtige Temperatur haben. Schon 24 Stunden bevor das Küken schlüpft, piepst es aus dem Ei. Die Henne gackert zurück und weiss nun, wie lange sie noch auf dem Nest sitzen muss.

H ackordnung: Eine Hühnerherde folgt einer strengen Hierarchie. Die Leithenne hat den besten Futterplatz, die Wächterin hält Ausschau nach Gefahr, die Rangletzte muss nehmen, was übrig bleibt. Und der Hahn ist Chef.

I nge heisst die wohl klügste Henne Deutschlands. Sie war vorletzten Winter an einen Geflügelschlachter verkauft worden – und marschierte schnurstracks in das fünf Kilometer entfernte Kaff zurück, in dem sie aufgewachsen war. Zwei Monate lang war sie unterwegs, durch Flur und Wald.

Je älter ein Huhn, desto weniger Eier legt es – dafür grössere.

K ämme und Kehllappen erlauben den Tieren, ihre Körpertemperatur zu regulieren. Schwitzen können sie nicht.

L anglebig: Hühner können bis zu 15 Jahre alt werden. Regelmässig Eier legen sie aber nur in den ersten Jahren, ungefähr zwischen 150 und 200 jährlich.

N utztiere: Als solche erleben Hühner ebenfalls einen Boom. Herr und Frau Schweizer essen im Schnitt jährlich 181 Eier – also ein Ei jeden zweiten Tag. Dazu 14 Kilo Pouletfleisch pro Person und Jahr. Tendenz bei beidem: steigend.

O hrlappen der Henne verraten, welche Farbe die Eier haben. Rote Ohrlappen = braune Eier, weisse Ohrlappen = weisse Eier.

P latzfrage: Einfach ein Stück Wiese einzäunen, fertig? Dann ist das Gehege innert kürzester Zeit eine braune Erdwüste. Besser grosszügig planen – und die Fläche zweiteilen, damit abgewechselt werden kann. Gewisse Rassen können bis zu zwei Meter hohe Zäune überfliegen. Ausserdem wollen Hühner ihr tägliches Sandbad für die Gefiederpflege.

R und 320 Eier produzieren Industrielegehennen pro Jahr – wahre Spitzensportlerinnen. Viel länger als 15 Monate halten sie das nicht durch –jährlich werden in der Schweiz 2 Millionen ausgediente Tiere zu Suppenhühnern. Ein noch viel kürzeres Leben haben männliche Küken: Da sie keine Eier legen, werden sie meist gleich nach dem Schlüpfen getötet.

S chwarz, und zwar komplett, sind die inneren Organe des Seidenhuhns, ebenso die Haut. Das Gefieder ist verschieden gefärbt.

W arum fallen Hühner beim Schlafen nicht von der Stange? Weil sie eine Art natürliche Klammersicherung haben. Beim Schlafen gehen sie sozusagen in die Knie, dadurch verkürzt sich am Bein eine Sehne, die Krallen ziehen sich zusammen – fertig ist der nächtliche Klemmgriff. Nur mit einiger Kraft lässt sich diese ­Sicherung am Morgen lösen.

Melissa Caughey: «How to Speak Chicken», Haupt-Verlag, 2018. Robert Höck: «Happy Huhn», Cadmos-Verlag, 2018



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Erstellt: 12.05.2019, 20:36 Uhr

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