Hirslanden-Bericht zum Implantateskandal belastet Chirurgen

Eine unabhängige Untersuchung kommt zum Schluss, der Arzt Max Aebi habe weder Patienten über Gefahren informiert, noch finanzielle Eigeninteressen offengelegt.

Teile eines aus einem Rücken operierten Implantats. Foto: Sebastian Magnani

Teile eines aus einem Rücken operierten Implantats. Foto: Sebastian Magnani

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Im Implantateskandal um den Berner Arzt Max Aebi, 71, veröffentlicht die Privatklinikgruppe Hirslanden heute ihren Untersuchungsbericht. Darin belasten die beiden Zürcher Rechtsanwälte Hans Baumgartner und Enrico Moretti, die mit der Abklärung ­betraut wurden, den Professor schwer. Aebi habe im Zusammenhang mit einem problematischen Implantat, das er bei Patienten eingesetzt hatte, Interessenkonflikte nicht offengelegt. Er dürfte auch medizinische Sorgfaltspflichten verletzt haben, halten sie fest.

Als «mangelhaft» bezeichnen die Privatermittler in diesem Fall aber auch die Abläufe im Salem-Spital von Hirslanden, wo die ­Operationen stattgefunden haben. Wichtige Informationen seien ­damals intern nicht weitergeleitet worden.

Das Recherchedesk von Tamedia hat den Fall im November 2018 im Rahmen der «Implant Files» publik gemacht. Die Artikelserie zeigte, wie unreife oder defekte Medizinprodukte an Patienten ­gelangen. Im Fall Aebi ging es um die künstliche Bandscheibe Cadisc-L, die der Professor vor rund zehn Jahren selbst mitentwickelt hatte – als Präsident des wissenschaftlichen Beirates der Herstellerfirma. Zwischen 2011 und 2013 setzt Aebi das Implantat im Salem-Spital bei sieben Patienten ein.

Die britische Herstellerfirma Ranier Technology zog die Prothese im Jahr 2014 vom Markt zurück, weil es zu schwerwiegenden Vorfällen gekommen war. Allein in Deutschland musste die Plastikscheibe seither bei über 70 Patienten entfernt werden, weil sie sich zum Teil im Rücken der Betroffenen zersetzt hatte.

Ein Hirslanden-Arzt verhielt sich vorbildlich

Nachdem der Fall publik geworden war, meldete sich eine Schweizer Patientin bei der Sonntags­Zeitung. Es stellte sich heraus, dass sie dieselben Probleme hatte. Die Bruchstücke des Implantats mussten im Jahr 2016 in einer komplizierten Operation entfernt werden. Besonders gravierend: Die Frau war von Max Aebi im Jahr 2014 nicht über den Rückruf der Prothese Cadisc-L und die Gefahren hingewiesen worden, obwohl die Herstellerfirma die Chirurgen ­aufforderte, die Patienten zu ­kontrollieren.

Zurzeit läuft bei der Berner Staatsanwaltschaft ein Strafverfahren gegen Max Aebi. Es geht unter anderem um den Verdacht der schweren Körperverletzung. Aebi bestreitet die Vorwürfe, für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Die ­Autoren des Hirslanden-Berichts halten fest, dass ihr Ergebnis eine Momentaufnahme sei. Es sei möglich, dass die Strafuntersuchung der Staatsanwaltschaft zu neuen Erkenntnissen komme.

Der Untersuchungsbericht zeigt, dass das Implantat in zwei Hirslanden-Spitälern bei insgesamt acht Patienten eingesetzt wurde. Drei Betroffene benötigten seither eine Revisionsoperation. Neben Max Aebi implantierte auch ein Hirslanden-Arzt im ­St.-Anna-Spital in Luzern eine Scheibe. Der Chirurg informierte seinen Patienten im Jahr 2014 umgehend über den Rückruf. Er bot ihn zu einer ­Kontrolle auf und informierte die Spitalleitung.

Im Berner Salem-Spital hat Max Aebi praktiziert. Foto: PD

Nicht so Max Aebi. Er habe «auf eine Information und Nachuntersuchung seiner im Salem-Spital operierten Patienten verzichtet. Er dürfte damit gegenüber den Patienten seine Aufklärungs- und medizinischen Sorgfaltspflichten nicht wahrgenommen haben», steht im Bericht. Die Beweggründe für sein Verhalten hätten nicht ermittelt werden können, denn der Professor habe in der Untersuchung nicht kooperiert.

Der Berner Chirurg informierte auch die Spitalleitung nicht – und trotzdem hätte das Salem vom Rückruf Kenntnis haben müssen. Swissmedic, die Schweizer Heilmittelbehörde, meldete den Rückruf per E-Mail an die im Spital ­zuständige Person, doch der Hinweis versandete intern. «Im Salem-Spital ist nicht aktenkundig, wie beziehungsweise ob auf die Sicherheitsmitteilung reagiert worden ist», steht im Bericht. Die internen Abläufe seien mangelhaft gewesen, doch die Verantwortung, die Patienten über die Probleme mit Cadisc-L zu informieren, liege ­eindeutig bei Max Aebi. Er sei im Spital als Belegarzt auf eigene Rechnung tätig gewesen und somit für seine Patienten zuständig.

Privatermittler sehen bei Aebi besondere Verantwortung

Zudem trage er in diesem Fall eine besondere Verantwortung, weil er im wissenschaftlichen Beirat der Herstellerfirma sass. Dadurch habe er «einen besonderen Wissensstand über die Entwicklung des ­Implantats und die Ereignisse der präklinischen Studien» gehabt, heisst es im ­Bericht ­weiter.

Mit präklinischen Tests sind Studien an Affen gemeint. In Labors in den USA setzte Max Aebi das Implantat bei Pavianen ein. Ein ­renommierter Radio­loge kam hinterher zum Schluss, dass sich bei fünf der sechs Affen ­bereits nach sechs ­Monaten «beunruhi­gende» Entwicklungen wie beispielsweise Knochenverlust zeigten.

Das Recherchedesk hatte sich im letzten Jahr in Kooperation mit ausländischen Medien Dokumente dazu beschafft und die Vor­gänge rund um die Tierversuche beschrieben. Zentral war dabei ein Protokoll einer ­Sitzung des wissenschaftlichen ­Beirates in London im Juni 2009. Darin sah man, dass Max Aebi und weitere Teilnehmer dem Befund des Radiologen keine ­Bedeutung zumassen.

Dieser Patientin wurde Cadisc-L im Sommer 2011 eingesetzt. Screenshot: SRF

Die untersuchenden Anwälte haben die Protokolle ebenfalls analysiert. Auch sie kommen zum Schluss, dass der Radiologiebericht «heruntergespielt und als irrelevant» bezeichnet worden sei.

Zudem habe ein Sitzungsteilnehmer darauf hingewiesen, dass die Tests ein «Ermüdungsversagen des Implantats», zeigten. Für die Privatermittler hätte dies ein Warnsignal sein müssen. «Dies ist ein Hinweis darauf, dass im Rahmen der später durchgeführten ­klinischen Prüfung ein längerer Beobachtungszeitraum angezeigt gewesen wäre», schreiben sie. Trotz problematischer Befunde hätten die Mitglieder des Beirates, darunter auch Max Aebi, in Fachartikeln und anlässlich von Präsentationen an Fachtagungen ein durchwegs sehr positives Bild der ­Studien mit den Pavianen gezeigt: «Die Cadisc-L wurde als sicher und wirksam bezeichnet.»

Ranier entschied, das Implantat ab Februar 2010 an 29 Patienten zu testen. Nur gerade sechs Monate später erhielt die Herstellerfirma die CE-Marke für den Verkauf auf dem Markt. Diese kurze Studiendauer ist für die Privat­ermittler bemerkenswert. Damals seien keine klinischen Ergebnisse aus einer Beobachtung über einen längeren Zeitpunkt als sechs ­Monate vorgelegen.

Das Implantat musste um jeden Preis erfolgreich sein

Recherchen hatten vergangenes Jahr zudem gezeigt, dass der ­Berner Professor und die anderen Mitglieder des Beirates von Ranier Aktien­optionen besassen. Die Unter­suchung bestätigt das nun. «Er hatte somit ein direktes finanzielles Interesse am Erfolg des Implantats und damit auch an einer raschen Markteinführung.»

Diesen Interessenkonflikt habe er weder seinen Patienten noch dem Spital offengelegt, obwohl er dazu verpflichtet gewesen wäre, heisst es weiter. Denn der Chirurg habe mit dem Spital einen Vertrag abgeschlossen, der zur ­Offenlegung verpflichtet – analog zu den FMH-Standesregeln sowie Richtlinien der Schweizerischen Akademie der Medizinischen Wissenschaften. Als Folge der Affäre verlangt Hirslanden ab Herbst von allen Ärzten, dass sie in einem öffentlich ­zugänglichen Register Interessenbindungen bekannt geben.

Max Aebis Anwalt sagt auf ­Anfrage, den Autoren des Berichts lägen schlicht nicht alle relevanten Dokumente sowie Aussagen vor, um einen umfassenden und ausgewogenen Bericht zu verfassen. Die ungerechtfertigten Vorwürfe belasteten den Arzt schwer, obwohl er sich nichts habe zu Schulden kommen lassen. Aebi stelle sich der Untersuchung der Berner Staatsanwaltschaft.

recherchedesk@tamedia.ch



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Erstellt: 07.09.2019, 22:06 Uhr

«Implant Files» werden zum Schweizer Kriminalfall

Alarmierende Studien zu Kunststoff-Scheibe

Im Jahr 2009 entwickelte die Firma Ranier die künstliche Bandscheibe Cadisc-L. In einem Tierversuch mit Affen führte das Implantat zum Teil zu Problemen. Der Schweizer Arzt Max Aebi (Foto) präsidierte damals den wissenschaftlichen Beirat von Ranier. Er wehrte sich nicht gegen Tests an Patienten.


Professor Aebi setzte Implantat selber ein

Trotz fragwürdiger Affentests startete Ranier ab 2010 eine Studie mit 29 Patienten. Nur sechs Monate später erhielt die Firma eine CE-Marke für den Verkauf des Implantats. Dieses setzte Aebi zwischen 2011 und 2013 sieben Patienten im Berner Hirslanden-Spital Salem ein. 2014 wurde das Implantat zurückgerufen; es hatte sich zum Teil im Rücken von Patienten zersetzt. Die Herstellerfirma forderte von Ärzten die Kontrolle ihrer Patienten. Laut Hirslanden hat Aebi «auf eine Information und Nachuntersuchung seiner im Salem-Spital operierten Patienten verzichtet».


Dank «Implant Files» wird der Fall publik

Das Tamedia-Recherchedesk deckte den Fall auf. Max Aebi wehrte sich gegen die Vorwürfe – seinen Patienten gehe es gut. Die Redaktorin Catherine Boss gab im Fernsehen über die Recherche Auskunft (Foto). Darauf meldete sich eine Patientin, in deren Rücken sich das Implantat zersetzt hatte.


Staatsanwältin führt ein Verfahren gegen Aebi

Foto: PD

Kurz nach den Berichten zu «Implant Files» nahm die Staatsanwaltschaft des Kantons Bern (Foto) ihre Ermittlungen auf. Später eröffnete sie ein Straf­- verfahren gegen Aebi, unter anderem wegen des Verdachts der schweren Körperverletzung. Für den Arzt gilt die Unschuldsvermutung.


Hirslanden-Bericht erhebt schwere Vorwürfe

Parallel zur Staatsanwaltschaft eröffnet auch die Hirslanden-Gruppe eine Untersuchung, da Max Aebi in ihrem Spital operierte. Die Autoren des Abschlussberichtes, die Rechtsanwälte Hans Baumgartner und Enrico Moretti, kommen zum Schluss, Aebi dürfte medizinische Sorgfalts- pflichten verletzt haben. Der Chirurg bestreitet dies. Auch die Abläufe im Salem-Spital seien in diesem Fall«mangelhaft» gewesen, wichtige Informationen seien nicht weitergeleitet worden. Doch es sei die Pflicht des Arztes, Patienten über Probleme zu informieren.

Implant Files

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