«Hochwasser und Stürme werden negativer erlebt als Hitze»

Wie der Hitzesommers auf das Klimabewusstsein wirkt und das eigene Umweltverhalten falsch eingeschätzt wird.

Erst Hitze und Dürre, dann Starkregen und Schlammlawine in der letzten Woche: Gemeinde Chamoson im Kanton Wallis. Bild: Maxime Schmid/Keystone

Erst Hitze und Dürre, dann Starkregen und Schlammlawine in der letzten Woche: Gemeinde Chamoson im Kanton Wallis. Bild: Maxime Schmid/Keystone

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Die aktuelle Hitze und die Dürre sind ein Vorgeschmack auf das, was der Klimawandel bringt, sagt die Wissenschaft. Nehmen Menschen den Klimawandel ernster, in Anbetracht eines solchen Extremsommers?
Studien zeigen, dass extreme Wetterereignisse den Klimawandel durchaus ins Bewusstsein rufen und die Sorge um die Folgen erhöhen. Menschen machen sich auch häufiger bewusst, dass Klimawandel und extreme Wetterereignisse zusammenhängen.

Macht es einen Unterschied, ob es sich beim Wetterereignis um Hitze oder zum Beispiel um Starkniederschlag handelt?
Starkniederschläge, Hochwasser und Stürme werden negativer erlebt als Hitze und Dürre.

Warum ist das so?
Die meisten Menschen kommen mit der Hitze ganz gut zurecht. In vielen Büros gibt es Klimaanlagen, sodass man die negativen Folgen der Hitze tagsüber gar nicht spürt. Hitze wird auch mit positiven Emotionen verknüpft, mit Baden, mit langen und lauen Sommerabenden im Freien. Starkregen und Stürme wecken hingegen negative Assoziationen. Man darf nicht raus in den Wald oder muss nach einer Überschwemmung den Keller räumen und reinigen. Das trifft die Menschen direkter, die unmittelbaren Folgen sind meist schlimmer. Folglich macht man sich mehr Gedanken um den Klimawandel.

Ist das Bewusstsein für die Problematik des Klimawandels in der Schweiz höher als in anderen Ländern?
Das kann man so nicht sagen. Wir haben das in einer Studie in mehreren europäischen Ländern, in den USA, in Kanada und China untersucht. Demnach gibt es nur kleine Unterschiede zwischen den Ländern: Das Bewusstsein über den Klimawandel ist in vielen Ländern vorhanden.

Die Problematik kennen wir also. Unser Verhalten passen wir aber kaum an. Im Gegenteil: Seit dem Extremsommer 2003 hat sich die Anzahl Flugpassagiere in der Schweiz mehr als verdoppelt.
Es gibt sehr umweltbewusste Leute, die ihren Lebensstil durchaus anpassen. Aber das ist eine kleine Gruppe. Für die grosse Mehrheit gibt es neben dem Klimawandel viele andere Faktoren, die das Verhalten bestimmen.

Wie interpretieren Sie in dem Zusammenhang das Verhalten der Miss Schweiz Jastina Doreen Riederer, die in ihren Ferien auf den Malediven war und sich dort Sorgen machte, weil die Inseln durch den Klimawandel untergehen könnten? Sie rief dazu auf, etwas zum Klimaschutz beizutragen. Sie selbst hole ihre Gipfeli mit dem Einrad statt mit dem Auto. Das sagte sie wohlgemerkt auf den Malediven.
Viele Konsumenten können die Auswirkungen ihres Verhaltens schlecht einschätzen. Das zeigt auch eine unserer Studien. Wir liessen Probanden beurteilen, welches Lebensmittel wie umweltfreundlich ist, etwa Dörrbohnen aus China, die mit dem Schiff in die Schweiz kamen. Viele Probanden dachten, diese Bohnen wären sehr umweltschädlich. Aber tatsächlich sind sie umweltfreundlicher als Bohnen, die unter hohem Wasserverbrauch in Ägypten produziert und mit dem Flugzeug in die Schweiz transportiert wurden. Denn wichtiger als die Transportdistanz ist das Transportmittel.

Flugreisen wie etwa auf die Malediven gelten auch als sozial akzeptiert.
Genau. Das wird als normales Verhalten wahrgenommen. Die Freunde oder Personen, die einem wichtig sind, reisen ebenfalls um die Welt. Warum sollte ich es dann nicht ebenfalls tun? Da tritt die Sorge um den Klimawandel in den Hintergrund. Oder man redet sich ein, man könne die Flugreise anderweitig kompensieren, etwa indem man mit dem Einrad statt dem Auto zum Bäcker fährt. Zudem sind Flugreisen mit positiven Emotionen besetzt: Man kann schöne Orte besuchen und andere Kulturen erleben. Die persönliche Erfahrung des Klimawandels ist noch nicht so negativ, dass wir uns deswegen ernsthaft Sorgen machen.

Was sonst hält uns davon ab, klimafreundlicher zu leben?
Die Verhaltensänderung hat eben ihren Preis. Das kann einerseits der wirklich monetäre Preis sein. Eine neue, klimafreundliche Heizung kostet eben Geld. Es ist aber auch der Preis des Verzichts: Wenn ich nicht ins Flugzeug steige, lerne ich ferne Kulturen nicht direkt kennen. Ein grosses Hindernis für den Klimaschutz ist auch, dass wir die Effekte unseres heutigen Verhaltens nicht so offensichtlich erkennen. Was wir jetzt tun, wird sich erst in Jahrzehnten wirklich auswirken. Die Langfristigkeit des Klimawandels widerspricht der Art und Weise, wie wir funktionieren.

Eine aktuelle Studie besagt, dass die Erde möglicherweise auf dem Weg in eine Heisszeit ist, selbst wenn wir die Emissionsziele des Pariser Klimaabkommens einhalten. Wegen Instabilitäten im Klimasystem könnte sich die Erde langfristig um etwa vier bis fünf Grad Celsius erwärmen und der Meeresspiegel um 10 bis 60 Meter ansteigen. Sind solche Horrorszenarien hilfreich, um die Menschen aufzurütteln?
Das Szenario dieser Studie ist zwar sehr extrem, bleibt aber dennoch abstrakt. Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, was es für sie persönlich bedeuten würde, wenn das eintritt. Welche Folgen hätte es denn für die Schweiz, wenn der Meeresspiegel um 10 bis 60 Meter steigt? Wenn man den Menschen stattdessen erklärt, welche Folgen der Klimawandel für sie persönlich hat und sie die ersten Folgen schon negativ spüren, dann hätte das viel mehr Einfluss.

Wirklich drastische, erlebbare Auswirkungen wird der Klimawandel jedoch erst in Zukunft haben. Trotzdem müssen wir heute handeln, um ihn zu begrenzen. Wie liesse sich diese Kluft überbrücken?
Vielleicht mit virtueller Realität. Damit könnte man realistische Klimaszenarien erlebbar machen. Wie würde eine Wanderung durch die Schweizer Berglandschaft im Jahr 2050 aussehen im Vergleich zu heute? Oder wie würde sich ein extremer Hitzesommer im Jahr 2080 präsentieren, oder ein extremes Niederschlagsereignis? So könnten Menschen heute erleben, was es bewirkt, wenn sie viel fliegen, das Auto statt den öffentlichen Verkehr nutzen, viel Fleisch essen oder ihr Haus fossil beheizen.

Wie sonst noch liesse sich klimafreundliches Verhalten fördern?
Indem man dessen Vorteile aufzeigt: Saisonales Essen schmeckt besser, ein reduzierter Fleischkonsum ist gut für die Gesundheit, auch in und um die Schweiz gibt es schöne Reiseziele. Umgekehrt sind Flugreisen oft anstrengend, etwa wegen der Dauer und der Zeitverschiebung. Deswegen bevorzuge ich persönlich generell einen Urlaub mit dem Auto oder Zug gegenüber einer Flugreise.

Nur eine Minderheit, haben Sie gesagt, passt ihren Lebensstil wirklich an. Wie könnte man das zu einem Massenphänomen machen?
Man müsste eine gesellschaftliche Stimmung fördern, in der umwelt- und klimafreundliches Verhalten zum guten Ton gehört und somit sozial erwünscht ist. Anzeichen dafür gibt es. Bei vielen jungen Menschen ist Velofahren hip, das Auto verliert seine Bedeutung als Statussymbol. Es gibt auch viele Start-ups, die umweltfreundliches Verhalten fördern, etwa mit einer App, um gesundes und nachhaltiges Esseverhalten zu fördern. Daraus ist in vielen Städten bereits eine Bewegung geworden.

Wie wichtig ist es denn überhaupt, seinen persönlichen Lebensstil klimafreundlicher zu gestalten? Ist es nicht schlicht und einfach die Aufgabe der Politik, endlich wirksame Massnahmen zu ergreifen?
Das kann man nicht voneinander trennen. Ohne den persönlichen Einsatz der Menschen wird es nicht funktionieren. Letztlich bestimmen wir, welche Politiker am Ruder sind. Wir werden nur dann entsprechende Parteien wählen, wenn uns Klimaschutz am Herzen liegt. Umgekehrt ist es so: Wenn umweltfreundlichere Produkte angeboten werden, muss es den Konsumenten auch wichtig sein, diese auszuwählen.

Sind Sie optimistisch, dass wir die Erderwärmung wie geplant auf 1,5 oder maximal 2 Grad ­begrenzen können?
Von zentraler Bedeutung hierfür sind die grossen Weichenstellungen in der Politik, also der Abschied von der fossil befeuerten Gesellschaft. Aber hier sehe ich zu wenig Bewegung. Daher bin ich eher pessimistisch. Ich denke, über Generationen hinweg könnten wir unseren Konsum und unser Verhalten durchaus umweltfreundlicher gestalten. Aber so viel Zeit haben wir nicht.

(SonntagsZeitung)

Erstellt: 11.08.2018, 18:19 Uhr

Erforschung des Konsumenten



Vivianne Visschers, 39, studierte kognitive Psychologie an der Universität Maastricht (Niederlande). Ihre Doktorarbeit verfasste sie zum Thema Risikowahrnehmung und Risikokommunikation. Zunächst arbeitete sie beim Niederländischen Institut für öffentliche Gesundheit und Umwelt (RIVM). Von 2007 bis 2016 forschte sie an der ETH Zürich zum Thema Konsumentenverhalten. Im September 2016 wechselte sie an die Hochschule für Angewandte Psychologie der Fachhochschule Nordwestschweiz (FHNW) in Olten.

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