HIV-Positiver in Wellness-Hotel diskriminiert

Ob bei der Massage, beim Zahnarzt oder in der Alterspflege: Die Diskriminierungen wegen HIV haben einen Höchststand erreicht.

Die Neuinfektionen mit HIV sind auf einem historischen Tief: Ampullen mit Blut in einem medizinischen Labor in Lausanne. Foto: Fabrice Coffrini (Keystone)

Die Neuinfektionen mit HIV sind auf einem historischen Tief: Ampullen mit Blut in einem medizinischen Labor in Lausanne. Foto: Fabrice Coffrini (Keystone)

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Es hätte ein gemütliches Wochenende werden sollen. Eine Frau lud ihren Partner zum Geburtstag in ein Wellnesshotel ein. Als sich der Mann massieren lassen wollte, gab er an, dass er Medikamente nehme. Als die Masseurin fragte, warum er diese brauche, antwortete er: Er sei HIV-positiv. Seine Viruslast sei aber nicht nachweisbar. Für die Masseurin bestand also keine Gefahr.

Trotzdem weigerte sie sich, den Mann zu massieren. Die Leiterin des Wellnessbereichs unterstützte die Angestellte. Ihre Erklärung: Durch die Wirkung der Massage könne sich HIV verstärken, deshalb dürfe zum Schutz des Betroffenen keine Massage durchgeführt werden. Aus medizinischer Sicht ist diese Aussage widersinnig.

Der Fall ist dokumentiert bei der Aids-Hilfe Schweiz. Im Auftrag des Bundes betreibt die Organisation eine Meldestelle für Diskriminierungen. Seit 2006 können HIV-positive Menschen, aber auch deren Angehörige oder Ärzte Fälle melden. Zu Beginn gab es nie mehr als 90 Meldungen. Seit einigen Jahren steigen die Zahlen aber deutlich. Im laufenden Jahr kommt es sogar zu einem neuen Rekord. Bis Mitte November 2018 gingen bei der Aids-Hilfe bereits 122 Meldungen ein – das sind jetzt schon mehr als 2017. Das zeigt ein unveröffentlichter Bericht, der diese Woche der Eidgenössischen Kommission für sexuelle Gesundheit vorgelegt wurde.

Selbst in der Alterspflege gibt es Diskriminierungen

Recherchen der SonntagsZeitung zeigen: Beim Wellnesshotel handelt es sich um den Swiss Holiday Park in Morschach SZ oberhalb des Vierwaldstättersees. Auf der Website verspricht das Ressort «Familienferien, die allen Spass machen» und ein «glücklich machendes Freizeiterlebnis». Auf Anfrage wollten sich die Betreiber des Hotels zur Diskriminierung des HIV-Patienten nicht äussern – trotz mehrmaliger Anfragen.

Gabriel Rupp, Geschäftsleiter des Schweizerischen Verbands der Berufsmasseure, kann darob nur den Kopf schütteln. Es gebe «keinen Grund», einen HIV-positiven Mann nicht zu massieren.

Tatsächlich ist die verweigerte Massage aber typisch, weil die Meldestelle der Aids-Hilfe gerade im Bereich Gesundheit viele Fälle verzeichnet. So weigerte sich im Kanton Zürich eine Dentalhygienikerin, bei einer HIV-positiven Frau eine Behandlung durchzuführen. Und ein Zahnarzt liess eine Behandlung immer nur von seiner Dentalhygienikerin durchführen – obwohl er die HIV-Patientin hätte selber begutachten müssen.

Selbst in der Alterspflege gibt es Diskriminierungen. Im Kanton Graubünden erhielten drei betagte Menschen, die das Virus in sich tragen, erst nach einer Intervention der lokalen Aids-Hilfe einen Pflegeplatz. Weil heute auch Menschen, die HIV-positiv sind, ein hohes Alter erreichen, dürfte es in Zukunft mehr solche Fälle geben.

Oft sind es laut dem Report der Aids-Hilfe auch Versicherungen, die HIV-positive Menschen diskriminieren. So konnte eine Hotelbesitzerin für sich und ihre Angestellten keine Taggeld-Versicherung abschliessen, weil sie das Virus in sich trägt. Gleich erging es einer Frau, die ein Nagelstudio eröffnen wollte. In der Regel ist es Betroffenen ebenso unmöglich, eine Zusatzversicherung bei Krankenkassen abzuschliessen – selbst wenn es nur um Beiträge für Brillen oder ein Fitness-Abonnement geht.

Die Fachleute sind alarmiert. Caroline Suter, Leiterin der Rechtsberatung der Aids-Hilfe Schweiz, sagt: Die Zunahme der Meldungen habe auch damit zu tun, «dass sich die Leute der Ungerechtigkeit bewusster sind als früher, sich vermehrt dagegen wehren möchten und die Meldestelle kennen». Aber die hohe Zahl der Meldungen zeige eben auch, dass «in vielen Bereichen das Wissen um HIV vollkommen fehlt – zum Beispiel in Bezug auf Nichtinfektiosität unter erfolgreicher Therapie».

Tatsächlich gibt es mittlerweile sehr gute Medikamente gegen das Virus. Die sogenannte retrovirale Therapie kann das Virus zwar nicht zerstören, sie kann es aber sehr stark eindämmen. Im besten Fall wirkt die Therapie so gut, dass das Virus nicht mehr nachweisbar ist im Körper. Und dann gilt die betroffene Person als nicht mehr ansteckend. So steht es heute in den Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation.

Studien zeigen keine Übertragung des HI-Virus auf

Wie gut die Medikamente sind, belegen europaweite Studien mit sogenannten serodiskordanten Paaren – das sind Paare, bei denen der eine Partner HIV-positiv ist, der andere nicht. Bei der Studie «Partner-1» hatten 900 Paare über 58'000-mal Sex ohne Kondom, bei der Studie «Partner-2» waren es ausschliesslich schwule Paare, die 77'000-mal Sex ohne Kondom hatten. Resultat: Es kam zu keiner einzigen Übertragung des HI-Virus.

In der Schweiz leben rund 20'000 Menschen, die HIV-positiv sind. Fast alle nehmen Medikamente. Und bei 90 Prozent dieser Menschen ist das Virus nicht mehr nachweisbar, sie sind also nicht mehr ansteckend. Das galt auch für den Mann, der im Swiss Holiday Park zu Gast war.

Mittlerweile führt das HI-Virus auch kaum mehr zum Tod. In der Schweiz gibt es pro Jahr noch ein paar Dutzend Todesfälle wegen Aids. Dabei handelt es sich um die Spätfolge einer HIV-Infektion. Im Aidsstadium ist die Abwehrfähigkeit des Körpers stark geschwächt, sodass bereits vergleichsweise harmlose Erkrankungen zum Tod führen können. Eine häufige Begleiterkrankung ist zum Beispiel eine Lungenentzündung.

Auch die Zahl der Neuinfektionen erreicht in der Schweiz ein historisches Tief. 2017 gab es noch 445 neue HIV-Diagnosen. «Es ist höchste Zeit, dass sich ein aufgeklärtes Bild von HIV und HIV-Patienten durchsetzt, das dem aktuellen wissenschaftlichen Stand entspricht», sagt Andreas Lehner, Geschäftsleiter der Aids-Hilfe.

Dieses Bild will die Organisation mit der kürzlich lancierten Kampagne nun unter die Leute bringen. Deren Slogan lautet: «HIV-positive Menschen unter erfolgreicher Therapie stecken niemanden an, auch nicht beim Sex.» Es ist kein Zufall, dass die Kampagne gerade jetzt läuft. Sie ist eine Reaktion auf den Rekord bei den Diskriminierungen. Die Aids-Hilfe will so Unwissen im Volk eliminieren. Doch die Botschaft kommt nicht überall gut an. Kritiker monieren, mit der Kampagne werde die Krankheit banalisiert.

Für das Team um Rechtsberaterin Suter geht der Kampf gegen Ignoranz vorerst weiter. Wenn immer möglich, versuchen die Experten zu intervenieren. So schaffte es die Aids-Hilfe zum Beispiel, dass ein HIV-positiver Koch und ein Kellner wieder angestellt wurden – ihre Arbeitgeber hatte sie entlassen, nachdem sie von der Ansteckung erfahren hatten.

Und Beamte der Arbeitslosenkasse Basel glaubten, ein HIV-positiver Mann sei auf dem Arbeitsmarkt nicht vermittlungsfähig – wegen seiner Krankheit. Obwohl er vor seiner Arbeitslosigkeit immer gearbeitet hatte. Suters Leute intervenierten erfolgreich.

Aids-Hilfe fordert ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz

Selbst die Fluggesellschaft Swiss offenbarte ihr Unwissen. Im Jahr 2017 bewarb sich laut der Aids-Hilfe ein Mann für die Pilotenausbildung bei der Airline. Im Gespräch mit dem medizinischen Dienst beschied man ihm allerdings, er könne als HIV-positiver Mann nicht Pilot werden. Das war eine Falschinformation und ein Verstoss gegen EU-Richtlinien. Ein Sprecher der Swiss wollte sich auf Anfrage nicht dazu äussern – er verwies auf das Arztgeheimnis.

Bei Diskriminierungen bietet das Arbeitsrecht laut Suter einen gewissen Schutz. «Aber es braucht mehr. Es fehlt ein Anti-Diskriminierungs-Gesetz, wie es die meisten europäischen Länder kennen.» Der Bundesrat vertrete bis anhin die Meinung, dass die bestehenden Regelungen einen ausreichenden Schutz bieten würden, sagt Suter. «Die Zunahme bei den gemeldeten Fällen zeigt jedoch, dass dem leider nicht so ist.»

Manchmal bringt aber nicht einmal das aufklärende Gespräch etwas. Die Verantwortlichen des Swiss Holiday Park beriefen sich gegenüber der Aids-Hilfe auf die Vertragsfreiheit. Für das betroffene Paar ein schwacher Trost. Der Aufenthalt war alles andere als ein «glücklich machendes Freizeiterlebnis», wie ihn das Hotel verspricht – er endete vorzeitig.

Erstellt: 25.11.2018, 07:51 Uhr

Aids-Hilfe-Mitgründer Roger Staub über fehlendes Wissen im Volk

Die Aids-Hilfe meldet einen neuen Rekord bei den Diskriminierungen. Besteht Grund zur Sorge?
Jede der 122 Meldungen ist eine zu viel. Und es überrascht mich auch nicht, dass in unserer Gesellschaft immer noch diskriminiert wird. Aber wichtig ist, dass die Zahlen in einem Kontext gesehen werden.

Wie meinen Sie das?
Andere Mitmenschen, zum Beispiel psychisch Beeinträchtigte, Schwule oder Lesben erfahren auch viel Diskriminierung – vielleicht sogar häufiger. Insofern passen die Zahlen der Aids-Hilfe ins Bild, sie sind ein Signal, das man ernst nehmen muss. Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass sie andere diskriminieren können –und das mache nichts, es sei sogar in Ordnung.

Die Aids-Hilfe begründet die Zunahme mit dem Unwissen über HIV und Aids.
Ich teile diese Einschätzung. Der Bund wendet zwei Millionen Franken für die Love-Life-Kampagne auf – auch wenn das gut klappt, das ist zu wenig. Das reicht nicht, um breites Wissen zu HIV und Aids in den Köpfen der Leute präsent zu halten.

Welches Wissen fehlt denn?
Dass HIV heute kaum mehr übertragen wird, dass man keine Angst mehr haben muss – diese Botschaften. Oder dass man heute mit HIV-positiven Menschen unter Umständen sogar Sex ohne Kondom haben kann, weil die Medikamente so gut sind. Das ist nicht in den Köpfen drin. Geblieben ist nur noch, dass man sich mit einem Kondom schützt beim Geschlechtsverkehr.

In der neuen Kampagne der Aids-Hilfe wird dies thematisiert. Die Botschaft lautet: «HIV-positive Menschen unter erfolgreicher Therapie stecken niemanden an, auch nicht beim Sex». Jetzt heisst es wieder: Alles wird verharmlost.
Natürlich gehört diese Botschaft unter die Leute. 2008, als die Schweiz das Swiss Statement veröffentlichte, war die Kritik ja viel heftiger.

Das Statement besagt: Wenn das HI-Virus nicht mehr nachweisbar ist, kann es auch nicht mehr übertragen werden.
Ja. Damals gab es vor allem in der Fachwelt Proteste, die Weltgesundheitsorganisation intervenierte. Die deutsche Gesundheitsministerin rief den damaligen Chef des Bundesamts für Gesundheit an. Heute ist das Swiss Statement unumstritten. Darauf bin ich immer noch Stolz. Aber es gibt leider immer noch Leute, die sagen, das dürfe man den Leuten nicht sagen, weil sie sonst keine Kondome mehr benutzen würden. Was meiner Meinung nach schwachsinnig ist.

Sie sind Gründungsmitglied der Aids-Hilfe. Es war damals wohl einfacher, die Leute abzuholen: Die Stop-Aids-Kampagne war ein Erfolg.
Ja, weil alle Angst hatten. Vom Werbedruck, den wir erzeugen konnten, kann man heute nur träumen. Die halbe Schweiz schaute zu, als «Tagesschau»-Moderator Charles Clerc im Februar 1987 ein Kondom auspackte, es sich über den Mittelfinger rollte und sagte: «Dieses kleine Ding, meine Damen und Herren, entscheidet über Leben und Tod.»

Dafür hat sich die Lage von Menschen mit HIV oder Aids grundsätzlich verbessert.
Ja, vor 30 Jahren waren die Reaktionen teilweise übel. Ich erinnere mich an den Lehrerzimmer-Fall aus Wetzikon, wo sich das Oberstufenschulhaus geweigert hatte, ein Fondue zu machen, weil man dachte, einer der Kollegen sei schwul. Man wollte nicht aus dem gleichen Caquelon essen.

Interview: Dominik Balmer

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