Höchststrafe: Unsexy

Auf nichts reagieren Frauen so heftig, wie wenn ihnen die Attraktivität abgesprochen wird. Selbst Brooke Shields wird dann uncool.

Würde von Yann Moix links liegen gelassen und empört 
sich darüber:  Brooke Shields. Foto: Getty

Würde von Yann Moix links liegen gelassen und empört sich darüber: Brooke Shields. Foto: Getty

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Die Frauen sprangen so artig durch den ihnen hingehaltenen Feuerreif wie dressierte Pudel im Zirkus: Als der französische Autor Yann Moix vor zwei Wochen in einem Interview mit dem Magazin «Marie ­Claire» erklärte, er – als Fünfzigjähriger – ziehe Partnerinnen vor, die halb so alt seien wie er, war die Empörung gross. Konkret hatte Moix gesagt, er sei schlicht nicht in der Lage, sich für eine Gleich­altrige zu erwärmen, denn der Körper einer 25-Jährigen sei «nun mal aussergewöhnlich», derjenige einer 50-Jährigen «aber überhaupt nicht».

Männer mochten sich darob nicht so recht entrüsten, zumindest hielten sie sich mit entsprechendem Widerspruch auffällig zurück (wir wollen an dieser Stelle auch gar nicht über den Grund spekulieren), aber die Frauen fanden Moix und seine Äusserung kollektiv ungeheuerlich, sie hauten echauffiert in die Tasten, sowohl in den klassischen als auch in den sozialen Medien. Von Misogynie war die Rede, davon, dass Moix ein Ewiggestriger sei, ein Neandertaler, und natürlich bemitleidete man ihn auch. «Du hast ja keine Ahnung, was du verpasst», hiess es da zum Beispiel.

Jedenfalls: Monsieur hatte mit seiner Aussage nicht nur erreicht, was er wollte, nämlich, dass halb Frankreich ausgerechnet jetzt von ihm sprach, wo doch gerade sein neues Buch veröffentlicht worden war. Er hatte zudem, wenn auch vermutlich unfreiwillig, aufgezeigt, wie sehr Frauen aller Emanzipation zum Trotz auf nichts so beleidigt reagieren, wie wenn ihnen von männlicher Seite die Attraktivität und der Sexappeal abgesprochen wird. Das scheint aus weiblicher Sicht die Höchststrafe zu sein, die Kapitulation schlechthin, und nichts weniger als das Ende des ­femininen Daseins.

Mit 53 immer noch die, die man kennt

Nicht einmal Brooke Shields steht da drüber. Die Amerikanerin ist jetzt 53 – würde also von Moix schnöde links liegen gelassen –, sieht aber mit der wallenden Mähne und den buschigen Augenbrauen immer noch unverkennbar aus wie sie selbst, also wie damals, als sie zunächst in «The Blue Lagoon» wenig mehr als einen Bikini trug und dann weltweit auf Plakatwänden erklärte, es käme nichts zwischen sie und ihre Calvins. Sie war damals 15, und das Verrucht-Sexy-Schutzalter-Lolita-Ding bewusster Bestandteil der Kampagne.

Jene Brooke Shields also, vom «Telegraph» voller Bewunderung als «Vorbild einer alterslosen Generation» bezeichnet, äusserte sich in derselben Zeitung zum Thema Attraktivität, wie das fast alle Frauen tun, die berühmt sind wegen ihres Äusseren und die 35 überschritten haben. Shields sagte, Frauen in ihrem Alter seien sexier und alle, die damit ein Problem hätten, selbst schuld.

Beklagt wird der Jugendwahn und zugleich die Unsichtbarkeit

Das wirkte so trotzig wie die Bemerkung, Moix wisse ja nicht, was er verpasse, wenn er auf gleich­altrige Bettgespielinnen pfeife, und man wunderte sich einmal mehr: Was meinte Shields mit «sexier»? Sexier als wer? Und warum überhaupt sexy? Warum können Frauen mit 53 nicht einfach vergnügt sein oder zynisch oder entspannt oder wütend oder wie sie dann halt sein mögen? Warum sind Frauen der Meinung, mit 53 ums Verrecken sexy sein zu müssen und sogar: sexier? Warum ist das immer noch die einzige Währung, die für sie zählt, und warum unterwerfen sie sich dieser männlichen Bewertung freiwillig? Warum beklagen sie sich über den Jugendwahn, der sie unter Druck setze, während sie sich gleichzeitig darüber beklagen, ab einem gewissen Alter unsichtbar zu werden, womit sie nichts anderes meinen als die schwindende männliche Aufmerksamkeit?

Yann Moix seinerseits erklärte kurz darauf, seine Aussage hätte dem Verkauf seines Buch keineswegs geschadet: «Das System ist so pervers, dass die Kurve steil nach oben zeigt.» Da hat einer kapiert, wie der Hase läuft. Von den Frauen kann man das nicht sagen. Denn ohne ihre aktive Mithilfe, ohne ihre erwartbare Empörung wäre Moix’ Bemerkung ein Rohrkrepierer gewesen, einfach ein weiterer Satz im täglichen, ohrenbetäubenden Gekreisch um Aufmerksamkeit, nicht einmal ein müdes Lächeln wert, allerhöchstens ein Gähnen. Das wäre die Höchststrafe gewesen.

Erstellt: 02.02.2019, 19:23 Uhr

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