Helfer im Fadenkreuz

Getötet, verwundet, entführt: Mitarbeiter von Hilfsorganisationen geraten immer häufiger in Lebensgefahr.

Ein durch einen Bombenangriff zerstörtes Behandlungs-
zentrum der Ärzte ohne Grenzen im Jemen.  Foto: AFP

Ein durch einen Bombenangriff zerstörtes Behandlungs- zentrum der Ärzte ohne Grenzen im Jemen. Foto: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vor wenigen Wochen kam Stephen Anderson zumindest in Sichtweite des Orts, den er erreichen müsste, um Tausenden Menschen das Leben zu retten. Der Landesdirektor des UNO-Welternährungsprogramms begleitete eine Mission der Vereinten Nationen, die die Chancen für Friedensverhandlungen für den Jemen ausloten sollte.

In der Hafenstadt Hodeidah verlas der Delegationsleiter eine Stellungnahme – umringt von Leibwächtern mit schweren Waffen. Anderson dachte in dem Moment nicht an den ersehnten Frieden, sondern an die Getreidemühle, die er am Horizont erkennen konnte. «Dort lagern 51'000 Tonnen Weizen, genug, um 3,7 Millionen Jemeniten einen Monat zu versorgen», sagt er – ein unermesslicher Schatz in einem Land, in dem 8,4 Millionen Menschen schwer an Hunger leiden.

Trauerfeier für einen Rot-Kreuz-Mitarbeiter, der bei seinem Einsatz im Jemen getötet wurde Foto: AP/Keystone

Der Bürgerkrieg im Jemen hat laut UNO die «grösste humanitäre Katastrophe der Gegenwart» entfesselt. Hilfe ist hier lebenswichtig, sie steht auch bereit: von der UNO, von Hilfsorganisationen. Doch so wie das Getreide ist sie oft unerreichbar: «Der Jemen ist ohnehin gefährlich, aber um die Mühle ist es derzeit einfach zu gefährlich», sagt Anderson.

In dem seit 2015 andauernden Bürgerkrieg im Jemen haben sich die Kriegsparteien auf die Freilassung tausender Gefangener verständigt. (Video: Reuters)

Der Süden Hodeidahs ist Kampfgebiet, seit die von Saudiarabien geführte Militärkoalition hier in die von Rebellen gehaltene Stadt eindringen wollte. «Mitarbeiter dorthin zu schicken, kann ich derzeit nicht verantworten», sagt Anderson.

Kriegsparteien nehmen Helfer ins Visier

Die Lage im Jemen ist nur ein Beispiel dafür, wie sich die Arbeit von Hilfsorganisationen verändert hat. In den Adventswochen sammeln sie Millionen Franken an Spenden, es ist die Hochzeit der Zuwendungen. Doch immer öfter müssen sie abwägen: Ist es sicher genug, um die Hilfe auch zu den Notleidenden zu bringen? Droht die Hilfsaktion zu einem Selbstmordkommando zu werden?

Obwohl fast alle Organisationen das Thema Sicherheit so ernst nehmen wie Stephen Anderson, zeichnet sich ein beunruhigender Trend ab: Immer häufiger gerät das Leben derer in Gefahr, die in Krisengebieten die Leben anderer retten wollen.

Für 2018 liegen noch keine abschliessenden Zahlen vor. «Doch 2017 war für uns eines der schwierigsten Jahre», sagt Dominik Stillhart, Direktor für Internationale Einsätze beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK). «Wir haben zehn Mitarbeiter verloren, allein sieben in Afghanistan.» Damit reiht sich die Statistik des IKRK in einen traurigen Trend ein: Die Zahl der Menschen, die während ihres Einsatzes für andere getötet wurden, erreichte 2017 mit 139 den zweithöchsten Wert der Geschichte – nur 2013 starben noch mehr Helfer.

Und auch bei den Mitarbeitern, die verwundet (102) oder entführt (72) werden, zählte das unabhängige Forschungs- und Beratungsinstitut Humanitarian Outcomes Höchststände. Die Organisation erfasst die Angriffe auf Hilfsorganisationen. Für 2018 zeichnet sich bisher nur ein leichter Rückgang bei Zwischenfällen und Opfern ab, es gibt keine Entwarnung. Kriegsparteien nehmen Helfer mittlerweile ganz bewusst ins Visier: Diese Einschätzung teilen erfahrene Experten.

Attacken auf Krankenhäuser und Helfer «neue Normalität»

Andreas Papp, der für SOS Kinderdörfer weltweit als Nothilfekoordinator tätig ist, beobachtet diese Taktik bei verschiedensten Akteuren: «In Syrien, aber nicht nur da, stieg in den vergangenen Jahren die Zahl der Fälle rapide, bei denen Spitäler gezielt bombardiert wurden.» Über eine Luftwaffe, die solche Angriffe fliegen kann, verfügen meist nur Regierungen, die Standards wie dem humanitären Völkerrecht verpflichtet sind.

Lebensretter zu töten – das ist ein Kriegsverbrechen, eine Grenzüberschreitung. Doch schon 2016 stellte Michiel Hofman von Ärzte ohne Grenzen vor dem UNO-Sicherheitsrat fest: Attacken auf Krankenhäuser und Helfer seien «neue Normalität».

Das Rote Kreuz im zerbombten Homs in Syrien Foto: Sessini/Magnum

Nicht nur aus der Luft, auch vom Boden aus droht Helfern zunehmend Gefahr. «Die Zahl der kämpfenden Parteien nimmt in den meisten Konflikten stetig zu, Rebellengruppen spalten sich», sagt Papp von den SOS Kinderdörfern. Viele Milizen richten sich irgendwann auch gegen Helfer – sei es aus Unwissenheit, sei es, um Hilfsgüter zu ihren Gefolgsleuten umzuleiten. «Ich nenne hier immer das Beispiel Darfur», sagt Papp. «Als ich dort 2004 zu einem Einsatz ankam, gab es drei Rebellengruppen. Als ich nach sieben Monaten wieder ging, waren es über ein Dutzend.»

Der Konflikt in Darfur ist bis heute nicht befriedet, im angrenzenden Südsudan ging ein jahrzehntelanger Unabhängigkeitskampf nahtlos in einen Bürgerkrieg über. Dies ist auch für Dominik Stillhart vom IKRK ein Beispiel dafür, was die Arbeit für Hilfsorganisationen gefährlicher macht. «Wir beobachten, dass Konflikte immer länger dauern. Die grössten, in denen wir präsent sind, dauern teils schon 30 Jahre.» Das habe zur Folge, dass die Kriegsparteien sich über lange Zeit finanzieren müssten – einige Milizen setzen da auf Entführungen und Überfälle. «Politische und kriminelle Agenden überlappen sich irgendwann immer stärker.»

Gleichzeitig würden Helfer in solchen Konflikten manchmal zum Ziel des Frusts der Bevölkerung, die seit Jahren auf Besserung hoffe, «aber merkt, dass die Welt sich anscheinend nicht für sie interessiert. Diese Wut kann sich dann an denen entladen, die vor Ort sind, um wenigstens ein bisschen Hilfe zu bringen».

Moralischer Druck

Andreas Papp sieht einen weiteren Grund für Aggressionen gegen Helfer: Misstrauen. Vor allem seit Beginn des sogenannten Kriegs gegen den Terror hätten Staaten Geheimdienstler in Hilfsorganisationen eingeschleust. Gleichzeitig tummeln sich in Konfliktgebieten mehr und mehr Söldner von privaten Sicherheitsfirmen, mal uniformiert, mal in zivil wie Helfer. «Für die Menschen vor Ort ist das teils kaum mehr zu unterscheiden», sagt Papp.

«Feuergefechte zwischen 11 und 13 Uhr»: Stephen Anderson, Missionschef der UNO im Jemen Foto: AFP

Sicherheit nimmt deshalb einen immer grösseren Raum bei der Ausbildung der Helfer und ihren täglichen Routinen ein. Sowohl beim IKRK als auch bei den SOS Kinderdörfern gibt es regelmässige Lagebesprechungen, die Missionsleiter mit ihrer Ortskenntnis entscheiden dann meist selbst, welche Einsätze möglich sind.

Eine Mission ganz abzubrechen ist für die Helfer jedoch immer heikel, weil wichtige Kontakte und das Gefühl für die Lage im Land verloren gehen. Hinzu kommt der moralische Druck, weiter zu helfen – wie etwa bei Stephen Anderson, der im Fall des Jemen entscheiden musste, nicht zu dem dringend benötigten Getreide durchzubrechen.

Regelmässige Übungen von Ernstfällen sind selbst dann zwingend, wenn man Kindern einen Rückzugsort bieten und heilende Traumata keinesfalls wieder aufreissen will. «Die Evakuierung einer Einrichtung, wie wir sie etwa im Advent 2016 in Aleppo durchführen mussten, klappt nur, wenn jeder genau weiss, wo er im Bus zu sitzen und was er mitzunehmen hat», sagt Andreas Papp von den SOS Kinderdörfern.

Bewaffnen oder Schutztruppen organisieren?

Man könnte auf die wachsenden Gefahren mit eigenen Waffen oder Schutztruppen reagieren, doch das lehnen die Organisationen ab. Die lokalen Helfer, die bei den meisten Missionen den Grossteil der Mitarbeiter stellen – und laut Humanitarian Outcomes etwa 90 Prozent der Opfer –, haben ohnehin Familien vor Ort. Sie leben nicht in abgeschotteten Lagern, wie es internationale Unterstützer in Ländern wie Afghanistan, Jemen, Südsudan oder der Zentralafrikanischen Republik meist tun, wo das Helfen derzeit am gefährlichsten ist. Um eine gesamte Mission zu schützen, brauchte man da jeweils fast eine kleine Privatarmee.

Vor allem aber kann der vermeintliche Schutz selbst zum Risiko werden: «Wer sich bewaffnet, wird in dem Konflikt als Partei wahrgenommen und irgendwann selbst zum Ziel», sagt Stillhart. «Wir arbeiten dann, wenn wir von allen Konfliktparteien akzeptiert werden.» Dazu müsse man verhandeln, die eigene Arbeit erklären. Wie gross der Aufwand sein kann, illustriert er mit einem Beispiel von 2015: «Auf dem Weg von Damaskus nach Aleppo mussten wir über 60 Checkpoints passieren, alle waren von verschiedenen Gruppen besetzt.» Mit jeder von ihnen hätten sie Kontakt suchen müssen.

Kommunikation, das sagt Stephen Anderson im Jemen, sei auch für ihn «der Schlüssel». In Städten wie Taizz seien bis zu zwanzig bewaffnete Gruppen aktiv, wer dort arbeiten wolle, müsse eben immer wieder aufs Neue erklären, was er vorhabe.

Seit der Missionschef des UNO-Welternährungsprogramms das bisher letzte Mal seine Getreidemühlen in Hodeidah sah, hat sich im Jemen einiges bewegt: Die Friedensgespräche, die damals initiiert werden sollten, sind eben zu Ende gegangen, in Schweden haben sich die Parteien als vertrauensbildende Massnahme auf eine Waffenruhe geeinigt – vor allem für das umkämpfte Hodeidah.

Seine 13 dort verbliebenen Mitarbeiter kann Stephen Anderson aber immer noch nicht losschicken: «Unser Team meldet heute Feuergefechte zwischen 11 und 13 Uhr», schreibt er am Donnerstag per Whatsapp. Um zur Mühle zu fahren, sei es «wohl noch zu früh».

Erstellt: 15.12.2018, 21:21 Uhr

Artikel zum Thema

Trotz Waffenruhe kommt es zu neuen Gefechten in Jemen

Für die umkämpfte Hafenstadt Hodeida wurde eine Waffenruhe vereinbart. Diese währte offenbar nicht lange. Mehr...

Rebellen im Jemen erklären sich zu Waffenruhe bereit

Die Aufständischen wollen auf Raketenangriffe verzichten. Sogar von Frieden ist die Rede – wenn Saudiarabien und seine Allianz ebenfalls dazu bereit seien. Mehr...

47 Tote bei Luftangriff auf Schulbus im Jemen

Der Angriff hat vor allem Kinder und Jugendliche getötet. Das Militärbündnis spricht von einem «legitimen Militäreinsatz». Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

SonntagsZeit. Im Digital-Abo.

Die SonntagsZeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 10.- pro Monat.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Blogs

Beruf + Berufung Wo digitale Nomaden der Einsamkeit entkommen

Geldblog PK-Vorbezug: Bedenken Sie die Folgen!

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...